Das Archiv ist Stille. Der Obertongesang der Lüftungsanlage, ab und an ferne Schritte, mehr ist hier nicht zu hören. Die Musik, die hier aufbewahrt wird, ist ebenso still. Nur die Hüllen der Platten können nicht schweigen. Ihre Bilder und Texte diskutieren und versprechen, erklären und argumentieren. Erst auf dem Plattenteller, oben im Tageslicht der Gegenwart, werden die hier festgehaltene Kreativität und Neugier wieder zu Schallwellen.
Die Geschichten dieser LPs stammen aus Proberäumen und Konzertsälen, aus Aufnahmestudios, Verlagen und Kulturministerien in Warschau, Prag, Budapest oder Kyiv. Irgendwo dort liegt also das Osteuropa unseres Plattenarchivs – in einem wie der Fluchtpunkt unerreichbaren „Osten“. Es erstreckt sich aber ebenso über unzählige Vergangenheiten. Bartóks Reisen, tschechische Symphonik, Kompositionen aus dem KZ Theresienstadt, polnischer Jazz und Fusion aus dem Sofia der 80er – wie im Zeitraffer werden die politischen Umbrüche und Gräuel des 20 Jh., aber auch die alle Grenzen überschreitende Kreativität und Neugier der Künstler*innen plötzlich wieder hörbar. Bis die Nadel wieder abhebt.