Im August 2026 begrüßen wir im Salon der Amerika-Gedenkbibliothek das Label An:Bruch. Es wurde 2025 vom Schlagzeuger und Komponisten Nathan Ott gegründet und versteht sich als ein Ort für Musik und interdisziplinäre Projekte mit einem stetig wachsenden multimedialen Katalog.
©An:Bruch
Interview mit Nathan Ott von "An:Bruch"
Du leitest ein Jazz-Quartett ohne Harmonieinstrument, was reizt dich an dieser Besetzung? Welche Platten haben dich dabei besonders beeinflusst?
Mich fasziniert der offene Raum, der entsteht, wenn das harmonische Fundament ausschließlich vom Bass getragen wird. Diese Konstellation schafft eine Mehrdeutigkeit, die ich als sehr inspirierend empfinde. Die Musik bleibt beweglich, ist weniger eindeutig festgelegt, und die vier Stimmen müssen ständig aufeinander reagieren. Darüber hinaus sehe ich in dieser Reduktion einen besonderen kompositorischen Reiz: mit nur vier Stimmen ein möglichst orchestrales Klangbild zu erzeugen.
Als ich 2015 begann, als Bandleader eigene Projekte zu entwickeln, war das Album Live at the Lighthouse von Elvin Jones ein prägender Einfluss. Umso besonderer war es für mich später, mit Dave Liebman zusammenarbeiten zu können, der auf diesem 1973 bei Blue Note erschienenen Album zu hören ist. Im Laufe der Jahre hat sich meine Musik jedoch zunehmend in eine kammermusikalische Richtung entwickelt. Heute interessiert mich vor allem das Erforschen kompositorischer Grenzbereiche – Musik, die sich bewusst zwischen Improvisation und Komposition bewegt und dabei auch unorthodoxe Wege einschlägt.
Was hat dich dazu bewegt, neben der Bühne ein eigenes Label zu gründen?
Mit An:Bruch habe ich eine Plattform geschaffen, mit der ich einen größeren künstlerischen Zusammenhang entwickeln möchte. Mich interessiert dabei die kuratorische Dimension: die Frage, wie unterschiedliche künstlerische Positionen, Disziplinen und ästhetische Ideen über mehrere Produktionen hinweg miteinander in Beziehung treten und wie daraus langfristig ein eigenständiges Profil entsteht. Der Aufbau eines Katalogs reizt mich besonders, weil mit jeder Veröffentlichung ein größeres Ganzes entsteht.
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©ZLB | Foto: OH
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Wie siehst du das Verhältnis zwischen Streaming und LPs/CDs als Musiker und als Musikhörer?
Neben vielen problematischen Entwicklungen hat Streaming auch Hemmschwellen abgebaut, musikalische Nischen zu erkunden, und dazu beigetragen, Musik weniger strikt in Genres zu denken. Gleichzeitig bedroht die zunehmende Dominanz von Playlists das Album als künstlerische Form. Gerade deshalb lege ich in meiner eigenen Arbeit einen besonderen Schwerpunkt auf das Album und den Katalog als Werk. Je immaterieller Musik im Streaming-Zeitalter wird, desto wichtiger wird für mich ihre physische Gestalt. Papier, Klangqualität, Fotografie, Texte und Gestaltung sind für mich keine Nebensächlichkeiten, sondern prägen maßgeblich, wie wir Musik wahrnehmen und erleben.
Welche Rolle spielen Labels heute in der Musik, insbesondere im Jazz?
Im Jazz waren Labels immer mehr als reine Vertriebsstrukturen. Viele der bedeutenden Labels haben über Jahrzehnte ästhetische Positionen entwickelt und dadurch ganze Generationen von Musikerinnen und Musikern geprägt. Diese Funktion halte ich auch heute noch für wichtig. Mit An:Bruch versuche ich, den Prozess meiner eigenen künstlerischen Suche sichtbar zu machen. Der Katalog wird dadurch hoffentlich eine innere Logik entwickeln, die sich nicht am Reißbrett entwerfen lässt, sondern erst rückblickend erkennbar wird. Eine Veröffentlichung wie Odyssea Sonorum zeigt für mich exemplarisch, wie bereichernd es sein kann, unterschiedliche Generationen, Erfahrungen und künstlerische Perspektiven miteinander in Beziehung zu setzen.