Hört hört! AGB auf die Ohren

Eine künstlerische Audioführung durch die AGB

Wir kommen, um zu lesen.
Eine künstlerische Audioführung durch die AGB
von Lisa Vera Schwabe und Norbert Lang

Ein Moment der Entspannung im öffentlichen Raum oder aber „Bibliotheksfeeling“ für zuhause oder unterwegs:

Die Amerika-Gedenkbibliothek und ihre Besucher*innen sind die Hauptpersonen in diesem Hörstück. Tauchen Sie in die typische AGB-Geräuschkulisse ab und beobachten Sie große Alltagsgeschichten in kleinen Momentaufnahmen.
Kommen Sie für einen Moment zur Ruhe für ein etwas anderes Bibliothekserlebnis. Die Geschichten von Mensch und Bibliothek nehmen Ihre Fantasie mit auf die Reise. „Wir kommen, um zu lesen“ schweift ins Fiktive ab, um dann wieder zur eigenen Geschichte zurückzukehren und zu dem Ort, an dem wir uns befinden - der Bibliothek.
Ein Stück Audiokunst, eine hörbare und achtsame Bibliothekstour – für Sie!

Das Hörstück im Rahmen der Themenreihe „Medienbildung für alle!“ von der US-Botschaft gefördert

Das Hörstück zum Mitlesen

Wir kommen um zu lesen - Ein Hörstück zur Amerika Gedenkbibliothek
von Lisa Vera Schwabe und Norbert Lang

I.) Wir
Wir kommen um zu lesen.
Wir kommen um zu lernen.
Wir kommen um zu arbeiten.
Wir kommen um uns hier zu treffen.
Um miteinander zu reden.
Zu laut zu reden.
Uns gegenseitig ins Ohr zu flüstern.
Wir kommen um uns zu konzentrieren.
Wir kommen, aber wir suchen nichts bestimmtes. Wir kommen wegen der Ruhe. Wir kommen, weil wir uns hier konzentrieren können.
Weil wir uns beim Lesen gerne einen Kaffee gönnen.
Weil wir gerne die Hasen vor dem Fenster beobachten.
Wir kommen nur, um uns ein Buch auszuleihen.
Wir kommen hier immer mit Stapeln an Büchern heraus.
Wir kommen nicht an das oberste Regal.
Wir kommen her, um Geschichten aus den Regalen zu nehmen, sie aufzuschlagen, die ersten Zeilen zu lesen und uns dann einen Platz zu suchen.
Wir kommen nur kurz vorbei. Wir bleiben sehr lange.
Wir sind schon früh da. Wir sind die ersten.
Wir sind die letzten. Wir werden aufgefordert zu gehen.
Wir gehen, bevor wir aufgefordert werden zu gehen.
Wir kommen wieder.

II.) Die Amerika Gedenkbibliothek

Ein großer, flacher Lesesaal
mit Treppen und Fluren
und Ecken und Nischen
und einem Kopierraum
Die Anordnung der Regale ist immer gleich.
Es sind 1,2,3,4,5,

Vielleicht 20 Bücherregale machen die Mitte des Raumes aus
Genau
das sind die Grundelemente
ja
und?
Ringsherum Fenster
Laubbäume, Hasen
Kirchturm
an der großen Kreuzung

über den Kanal
Jüdisches Museum, Springer Verlag,

Und Poco Domäne,

Busse: m41
248 nach ...

U-Bahn

Zitat Anfang

Wir legen heute den Grundstein nicht nur zu einem Gebäude, sondern zu einem Symbol unserer gemeinsamen Sache und unseres gemeinsamen Handelns ...“

Zitat Ende
Regie: O-Ton der Ansprache aus dem AGB Archiv?

Außenminister der Vereinigten Staaten
Am 29. Juni 1952

Genau hier

III.) Platzsuche

Wo sitzt du?
Weshalb bist du hier?
Bist du hier, weil?

Weil du?

Stehst du?
Sitzt du?
Bist du alleine oder unter Leuten?
 
Du hast deiner Freundin schon einen Platz neben dir reserviert.
N: Du brauchst heute den Platz bei den Steckdosen,
du willst heute für dich sein.

Du richtest dich ein,
Wasserflasche,
Tee,
aber eigentlich ist dir nach Kaffee.
Die Sonne scheint dir genau ins Gesicht.

Du setzt dich an einen Gruppentisch, neben andere.
Du blickst dich um, wer blickt zurück?

Ihr lächelt, ihr nickt,
ihr guckt zu Boden.
Hallo,
denkst du.
Du guckst nochmal, lässt deinen Blick weiter ziehen.
Sehen wir uns morgen wieder?
Dann ziehe ich die blaue Strickjacke an und du sitzt wieder da und
und vielleicht lächelst du.
Ja.

Wir lehnen uns vor. Wir lehnen uns zurück
Wir rutschen hin und her.
Wir wischen uns übers Gesicht.
Wir lehnen uns vor. Wir lehnen uns zurück.

IV.) Störungen

Der blinkende Cursor auf der weißen Seite.
Mit den Augen durch den Raum wandern.
Weiterlesen.
Wegschreiben.
Weghören.

Vier Gespräche, die dich bei der Arbeit stören:

Auf dem Zettel hier, sehen Sie mal.
Hier.
Bitte schön.

Ich verstehe nicht.
185.
Nein 188.
Ja, jetzt verstehe ich.

Gut, ja?
Ja ja ja.
Alles klar.

Du hörst sie alle. Manchmal ganz klar. Meistens aber nicht. Dieses dröhnige Brummen. Alle miteinander. Sprachen, die du verstehst. Sprachen, die du nicht verstehst.

Hör doch mal genau hin. Die Frau, die da gerade spricht. Findest du nicht, dass da eine unglaubliche Traurigkeit in ihrer Stimme ist? Und jetzt, wo du das denkst, bekommt sie auch noch gesagt: „Tut mir Leid“. Vielleicht war das ein „Tut mir Leid“ zu viel für den heutigen Tag. Vielleicht hat sie sich in ihrer ganzen Arbeit der letzten Wochen genau darauf eingestellt, hier noch das entscheidende Buch zu finden. Sie fragt nach, aber es ist ausgeliehen.
Nein. Es ist nicht auffindbar.
Nein. Es ist ausgeliehen.
Moment: Alle ihre Kommilitonen haben es bereits in allen anderen Bibliotheken der Stadt ausgeliehen. Und das ist nicht das erste Mal, dass ihr das passiert, sondern bestimmt das 3. Mal.
Genau, das dritte Mal, seit sie ihr Studium begonnen hat.
Seit sie vor einem Monat das Studium begonnen hat.
Nein. Das ist zu kurz. Ein Jahr. Sie hat schon ein Jahr studiert.
Genau: Zehn Mal in einem Jahr eine Absage. Aber jetzt eben einmal zu viel.
Und dieses eine Mal zu viel hört sich so an.
Genau so.

Jetzt ist das Gespräch zu Ende.
Jetzt sind kurz mal wirklich alle Gespräche zu Ende. … Jetzt: Irgendwo piepst es. Irgendwas wird aufgemacht, irgendwo wird irgendwas bewegt. Und alles zusammen ist Rauschen.

Das leise Rauschen deines Rechners, der jetzt lauter wird, so laut, dass es dir schon fast unangenehm ist. Dein überschwänglicher Rechner, als müsse er aller Welt zeigen, dass da gerade etwas los ist auf deinem Chip. Dass da was fließt, ein elektrischer Strom, ein kreativer Strom, der gekühlt werden will. Ich haue jetzt ganz doll in die Tasten. Ich haue sowieso zu laut in die Tasten, das wurde mir früher schon oft gesagt. Du bist jetzt ganz dabei, du bist produktiv. Du weißt es. Du schreibst es nur so runter. Du weißt, das sieht man dir an. Du kannst gar nicht anders, weil das nämlich immer so ist. Dieser Output, der selbst für deinen Rechner zu viel ist.

V) Einschlafen

Der Vorhang zieht sich zu, das Licht wird sanft und müde. Die Rollwagen fahren die Reihen ab. Du hörst sie direkt neben dir, schräg hinter dir von den CDs kommend und weiter vorne. Du siehst sie immer erst später. Du hörst genau zu: Türenschlagen, Huster, Klettverschluss, Stühle rücken, Auskunftsgespräche, nein, das ist leider schon ausgebucht. Hallo, tschüß, was ist heute für ein Tag?
Du denkst an das sachte Ruckeln eines Zuges, du denkst an das Spazieren fahren im Kinderwagen. Du willst deinen Kopf auf die Arme legen. Du hättest kein Problem hier deinen Kopf auf die Arme zu legen und einzuschlafen.
Du kannst hier einfach nicht einschlafen. Du liegst hier nur so da und hörst zu.
Die Klänge um dich herum hüllen dich ein, machen dich müde.

Kinder wollen bei offener Tür einschlafen, sie wollen die Eltern hören, schwaches Licht aus dem Wohnzimmer, aus der Küche, aus dem Arbeitszimmer erahnen. Sie sind dabei, sind nicht allein beim und mit dem Einschlafen.

Du warst schon als Kind in der Bibliothek,
Du warst als Kind noch niemals in der Bibliothek.
Du hast in der Bibliothek Reihen von Büchern ausgeliehen.
Was für welche?
Du hast Band 1-7 gelesen und dann das ganze Regal.
Du hast sie nach und nach ausgeliehen und zu hause deiner Mutter die Klappentexte vorgelesen. Du hast dich eingedeckt für die langen Ferien. Für einen Urlaub mit deinen Eltern, mit den Freunden, in den Frühling, Sommer, Herbst, Winter. Du hast Lieblingsbücher, die du immer wieder ausleihst, du machst bei den Rätselspielen mit, um einen gefüllten Bücherkoffer zu gewinnen.

VI) Pause

Ich brauch jetzt wirklich mal 'ne Pause.
Was?
Ich habe heute keine Zeit für eine Pause.
Machst du schon wieder eine Pause?
Ich will gehen.

Ich hol' mir jetzt mal was.
Was willst du?
Kaffee, Zigarette, was zu essen.
Gehst du nach Hause?
Ich geh' mir einen Kaffee holen.

Die Vorhänge bewegen sich.
Die Sonne scheint jetzt direkt in den Lesesaal

VII) Mann am Tisch

Von hinten sieht der alte Mann vor dir aus wie dein Vater.
Hörgerät, silbernes Brillengestell und kurzer grauer Haarflaum.
Dein Vater hat sich die Bücher aus der Bibliothek ausgliehen und komplett auf DinA4 Seiten kopiert.

Er hat die Bücher aus der Bibliothek kopiert?
Er hat die Bücher aus der Bibliothek, Seite um Seite, ein Buch nach dem anderen kopiert.
Das Auto voll mit Papierkartons und Buchseiten ist er über die damalige innerdeutsche Grenze und dann über die Grenze in die Tschechoslowakei gefahren und hat da die Bücher binden lassen.
Über zwei Grenzen gefahren
ja
und hat die Bücher in der Tschechoslowakei binden lassen.
Ja. Wunderschöne Ledereinbände und diese Marmortechnik für die Buchdeckel und Schuber.
Damit würden sie wertvoll werden
die Kopien?
Ja, die Kopien, meinte er.

Ja, und währenddessen Aufgang rechts:
einer kommt aus einem Nebengang.
Ein voll beladenes Regal auf Rädern bringt neue Bücher. Komm, lass das da stehn, lass die anderen das machen.
Es ist schon gleich fünf.
Und sie haben viel Zeit? Wir gucken mal. Ich weiß nicht ob sie sich für Kunst interessieren?
Thomas Mann?
Das ist leider gerade nicht da.

VIII) Eine Durchsage

Wenn einer verloren geht, vielleicht sogar zwischen den Zeilen zurück bleibt, machen wir uns auf die Suche. Wir durchkämmen die Regale, schieben die Bücher immer weiter durch bis auf die andere Seite. Da fangen wir sie auf und finden in den Lücken, die sie hinterlassen, nichts. Schnell schließt sich der neue Raum, die anderen Bücher breiten sich aus.

IX) SMS

Wann kommst du?
Ich brauche noch.
Gutes Weiterkommen. Ich denke an dich.
Ich versuche mich zu beeilen. Aber das muss einfach fertig werden.
Nimm dir deine Zeit.
Alles ok?
Ja.
Ich weiß nicht. Sag ruhig, wenn was ist!
Nein.
Irgendwas ärgert dich doch:
Ja, ich ärgere mich nur über mich selbst. Weil ich es wieder bin, der auf dich wartet.
Ok, ich komm nach Hause, dann reden wir. So per SMS macht das keinen Sinn.
Nein, das wollte ich nicht. Jetzt stör ich dich wieder bei der Arbeit.
Ok, dann komme ich später.
Komm gar nicht.
Was?

X) Zum Schluss

Es ist gerade noch Nacht, es sind kaum Menschen auf der Straße. Die Bibliothek hat geschlossen. Im Inneren ist es dunkel, nichts rührt sich im Lesesaal. Dann blendet ein Licht auf. Ein riesiger, scheinender Ballon geht über den Regalen auf und taucht den gesamten Raum in gelb-rötliche Farben. Eine kleine Gruppe von Menschen bleibt vor der großen Fensterfront des Lesesaals stehen. Sie halten sich an den Händen und schauen dem pulsierenden Licht der aufgehenden Sonne zu.

 

Über die Künstler*innen:

Lisa Vera Schwabe ist als Theatermacherin, Autorin und Lehrerin für das Schulfach Lebenskunde in Berlin tätig. Sie studierte Kulturwissenschaften und ästhetische Praxis an der Universität Hildesheim. Die Schwerpunkte ihrer Arbeit liegen auf interdisziplinären Methoden, performativen Verfahren und künstlerisch-forschenden Projekten. 2014 hat sie als Künstlerin das Modell-Konzept von TUKI – Theater und Kita – ForscherTheater mitentwickelt und arbeitet jetzt als künstlerische Mitarbeiterin für das Programmformat. Zuletzt war sie für das GRIPS Theater als Spielerin in der Stückentwicklung „Verwandelt!“ zu sehen (UA: 26.09.19). Sie leitet Kunstvermittlungsprojekte u.a. für das Lab.Bode – Bode Museum. Als Autorin erhielt sie Stipendien der Jürgen Ponto-Stiftung, des Goethe Instituts und des Künstlerhaus Lukas, Ahrenshoop. 2012 erschien ihre Kurzprosasammlung „Auf den Fersen“ (hochroth Verlag).

Norbert Lang, geb. 1984, lebt und arbeitet als freier Radiomacher und Soundkünstler in Berlin. Er studierte Kulturwissenschaften und ästhetische Praxis mit den Schwerpunkten Musik und Medien an der Universität Hildesheim. Von 2010 bis 2015 war er Mitarbeiter der Redaktion Hörspiel und Medienkunst des Bayerischen Rundfunks und produzierte im Rahmen der Sendung „hör!spiel!art.mix“ Interviews, Sound-Dokumentationen und Radio Essays. Er ist Autor von Features und Hörspielen und moderiert Rundfunkdiskussionen für das SWR2 Forum. Als Soundkünstler komponiert er für Rundfunk, Tanz und Theater, realisiert Sound Lectures, Audiowalks, Klanginstallationen und leitet Kunstvermittlungsprojekte. Aktuell arbeitet er an dem Hörspiel »How dare you. Echo einer Rede«, das 2020 im Bayerischen Rundfunk zu hören sein wird.
www.dreivierdrei.org