Die Wege der Bücher

Zur ZLB gehören die 1901 gegründete Berliner Stadtbibliothek (BStB), die 1954 in West-Berlin errichtete Amerika-Gedenkbibliothek (AGB) und die 1948 gegründete Verwaltungsbibliothek des Magistrats von Groß-Berlin, ab 1951 Senatsbibliothek Berlin (SeBi). Alle drei Bibliotheken haben NS-Raubgut im Bestand.
Das NS-Raubgut gelangte auf verschiedenen und noch nicht vollständig bekannten Wegen in die Bestände der ZLB. Unsere Forschung konzentriert sich aufgrund der guten Quellenlage und dem hohen Altbestandsanteil bislang auf die im Folgenden näher beschriebene BStB und ihre Bestände.

Die Berliner Stadtbibliothek

Die Berliner Stadtbibliothek galt lange Zeit als nicht bedeutend genug, um größere Raubgutbestände erworben zu haben. Wertvolle Privatbibliotheken, zusammenhängende Bestände der Verfolgten und aus den besetzten Gebieten gingen deshalb an andere Bibliotheken. Die BStB übernahm die Reste des Raubes: Bücher, die keine andere Einrichtung wollte, die für eine öffentliche Bibliothek aber noch verwertbar waren. Romane, Reiseführer, Kinderbücher und Sachbücher wurden als 'normaler' Buchbestand angesehen. Herkunft und Schicksal ihrer Eigentümer waren nicht von Interesse. Ein Briefwechsel(.pdf) von 1943, der erst 2007 im historischen Archiv der Bibliothek gefunden wurde, zeigt das Ausmaß der Verstrickung in den Raubmord an den Berliner Juden.

Die Bücher der Deportierten

1943 wandte sich die BStB an den Stadtkämmerer von Berlin und bat um die kostenlose Übernahme der in der Pfandleihanstalt gelagerten "über 40 000 Bände aus Privatbüchereien evakuierter Juden", das meint Bücher aus den letzten Wohnungen deportierter und ermordeter Menschen. Doch "kostenlos" konnte die Stadt diese Bücher nicht weitergeben - schließlich handele es sich um das Vermögen von "Staatsfeinden", das "dem Reich verfallen" sei und dieses sollte zur "Förderung aller mit der Lösung der Judenfrage in Zusammenhang stehenden Zwecke dienen".

Zeilen aus dem Zugangsbuch "J"
Zeilen aus dem Zugangsbuch "J"

Von den etwa 40.000 Büchern wurden bis zum 20. April 1945 knapp 2.000 Exemplare in ein gesondertes Zugangsbuch "J" (Digitalisat in der Digitalen Landesbibliothek Berlin) eingetragen. Diese Bücher sind an den Zugangsnummern in den Exemplaren zu erkennen: der laufenden Nummer ist jeweils ein „J“ vorangestellt. Sämtliche so gekennzeichneten Bücher sind eindeutig NS-Raubgut, doch nur etwa 10 % enthalten Spuren, die zu den beraubten Eigentümern führen können. Bislang wurden mehr als 1.500 dieser im Zugangsbuch „J“ aufgelisteten Exemplare in unseren Beständen ermittelt.

Nach 1945: 20.000 „Geschenke“?

Nach Kriegsende wurde nicht versucht, die geraubten Bücher an ihre Eigentümer, deren Erben oder an die Jüdische Gemeinde Berlin zurückzugeben. Im August 1945 begann die BStB mit der Erfassung der unbearbeiteten Bestände und damit auch mit der Erfassung der restlichen Bücher der Deportierten. Diese wurden nicht wie zuvor in einem separaten Zugangsbuch erfasst, sondern zusammen mit anderen Lieferungen als "Geschenke" eingetragen. Zwischen Sommer 1945 und Ende 1950 wurden über 20.000 Zugangsnummern für "Geschenke" vergeben, davon entfallen 16.000 Eintragungen auf die drei Lieferanten Kulturamt, Bücherlager und Bergungsstelle. Bücher der Deportierten wurden in der Regel unter Kulturamt und Bücherlager verzeichnet. Doch es gibt Ausnahmen, da es offensichtlich zu einer Vermischung mit legalen Zugängen und alten Beständen aus der Zeit vor 1933 gekommen ist.

Eine sehr große Menge an NS-Raubgut gelangte in der Nachkriegszeit mit den Lieferungen durch die "Bergungsstelle für wissenschaftliche Bibliotheken" in die Berliner Stadtbibliothek. Die "Bergungsstelle" existierte von Juli 1945 bis Februar 1946 als Einrichtung des Berliner Magistrats und ihre Aufgabe war die Sicherstellung von Buchbeständen mit dem Ziel, die zerstörten Berliner Bibliotheken möglichst schnell wieder benutzbar zu machen. Hierfür wurden die Bibliotheken der aufgelösten Reichs- und Landesbehörden, der Parteiorganisationen, sogenannte herrenlose Bestände und enteignete Bibliotheken von ehemaligen NSDAP-Mitgliedern übernommen, darunter Bücher aus den Depots des Reichssicherheitshauptamtes (RSHA) und anderer am Kulturgutraub beteiligter Stellen. Bis zur Auflösung der "Bergungsstelle" im Februar 1946 wurden über eine Million Bücher geborgen, sortiert und verteilt. Hauptempfänger waren die Ratsbibliothek Berlin mit über 350.000 Exemplaren (darunter die Bibliothek des Reichsinnenministeriums), die BStB (ca. 60.000 Bände), die Volksbüchereien der Stadt Berlin und die Staatsbibliothek (ca. 20.000 Bände). Die Ratsbibliothek gehört seit 1955 zur BStB und die Volksbüchereien haben ihren Altbestand an die BStB abgegeben, so dass sich die darin enthaltenen Bergungsbücher heute überwiegend in der ZLB befinden.

Die Nummern der Bergungsaktionen, die für die konkreten Bergungsorte stehen und sie lokalisieren, sind in der Regel mit Bleistift in den Büchern eingetragen. So stehen die Nummern 15 und 209 für zwei Depots des RSHA. Die Akten der Bergungsstelle befinden sich heute im Landesarchiv Berlin und wurden unter bergungsstelle.de veröffentlicht.

Andere verdächtige Zugänge

Seit 2010 konzentrieren sich die Recherchen der ZLB auf die Bestände der BStB und dabei auf den Kauf von 1943 und die "Geschenke" der Nachkriegszeit, da auf Grund der Aktenlage und nach Auswertung von Stichproben hier mit dem größten Anteil an Raubgut zu rechnen ist. Grundsätzlich aber ist jedes Buch, das vor 1945 gedruckt und nach 1933 die heutige ZLB erreichte, solange verdächtig, wie dessen Herkunft unbekannt ist - unabhängig davon, ob die BStB zwischen 1933 und 1945 Käufer war oder das ursprüngliche Raubgut erst später von dieser oder den anderen Vorgängereinrichtungen der ZLB erworben wurde.

Identifizierung geraubter Bücher

Das Ziel der Recherche ist nicht nur die Identifizierung des NS-Raubguts und die Erforschung der historischen Ereignisse, sondern konkret die Rückgabe der geraubten Büchern an die ursprünglichen Eigentümer oder deren Erben. Dabei steht die Provenienzforschung in Bibliotheken vor besonderen Herausforderungen, die in erster Linie mit dem Objekt "Buch" zusammenhängen.

Sonderrolle Buch

Bücher sind in der Regel nicht als Unikate erkennbar. Sie wurden industriell hergestellt und unterscheiden sich deshalb innerhalb der gleichen Auflage nicht voneinander. Erst durch später hinzugefügte Kennzeichen werden sie zu sichtbaren Einzelstücken und lassen sich unter Umständen einer Provenienz zuordnen. Die Stempel, Autogramme und Widmungen sind die einzigen Hinweise, die zu den Eigentümern führen können - fehlen diese, ist die Ermittlung der Provenienz fast ausgeschlossen. Da der monetäre Wert meist gering ist, existieren in der Regel keine Aufzeichnungen.
Die Herkunft der Exemplare war für die Bibliotheken nicht relevant. Sie wurde lediglich bei besonders alten Büchern oder speziellen Sammlungen dokumentiert. Weiterhin erschweren Umsignierungen, Tausch, Neubindungen und Aussonderungen die Arbeit der Provenienzforschung.

Vorgehen bei der Suche

Eine erste Orientierung bieten die Zugangsbücher, die jedoch keine Zuteilungen durch Gestapo oder andere eindeutige Lieferanten enthalten.
Danach wird jedes Buch am jeweiligen Standort aufgesucht und auf Spuren von Vorbesitzern durchgesehen. Sind keine vorhanden, endet die Recherche an dieser Stelle. Durch die Auswertung dieser Provenienzhinweise können zusammengehörige Exemplare, die Vorbesitzer und am Ende vielleicht die rechtmäßigen Eigentümer ermittelt werden.

Die Recherche nach den Vorbesitzern

Wenn in den Büchern  Namen, Adressen oder sonstige Informationen enthalten sind, werden diese Informationen in der Datenbank Looted Cultural Assets erfasst. So sollen zuerst zusammengehörige Bücher ermittelt werden. In vielen Fällen kommen mehrere Verfolgte gleichen Namens in Betracht. Wenn es gelingt, den Eigentümer eines Exemplars zu identifizieren, weil z.B. weil eine Widmung mit Geburtsdatum und vollständigem Namen vorhanden ist, wird dieser Name mit den Ergebnissen anderer Forschungsprojekte und verschiedenen Datenbanken (wie dem Gedenkbuch des Bundesarchivs und Yad Vashem) abgeglichen.

Beispiele für erfolgreiche Recherchen und gelöste Fälle finden Sie unter Restitutionen.