© 1995 Michael S. Cullen
Die Texte sind dem Buch "Kunst, Symbolik und Politik" der KULTURBOX (1995) entnommen

Paul Wallot um 1905
Foto: Archiv Cullen
Das Reichstagsgebäude war nicht die einzige Stätte des deutschen Parlaments bzw. des deutschen Reichstages im 19. Jahrhundert. Der erste Reichstag in Berlin, der des Norddeutschen Bundes, konnte im Februar 1867 im Preußischen Herrenhaus (1. Kammer des Landtags), dem ehemaligen Wohnhaus der Familie Mendelssohn in der Leipziger Straße 3, tagen. Als nach dem Sieg über Frankreich die süddeutschen Staaten hinzukamen, erwies sich das Palais jedoch als zu klein. Man zog dar-aufhin in das Preußische Abgeordnetenhaus in der Leipziger Straße 75, das allerdings so unbequem war, daß man beschloß, so schnell wie möglich ein Provisorium zu schaffen und für einen Neubau zu sorgen.
Die preußische Regierung hatte wegen der schlechten Umstände im Abgeordnetenhaus bereits beim Suchen nach einem geeigneten Parlamentsgrundstück Erfahrungen gesammelt, und brauchte nur Ende 1870 diese Bemühungen auf das Thema Reichstag zu transferieren. Die Abgeordneten spekulierten auf das Grundstück der Königlichen Porzellanmanufaktur (KPM) in der Leipziger Straße 4, Nachbarhaus des preußischen Herrenhauses; die KPM hatte wegen Platzenge in der Innenstadt einen Umzug in den Tiergarten bereits beschlossen. Weil dieses Grundstück aber anderweitig versprochen galt, lenkte Bismarck die Aufmerksamkeit des Kaisers aber auch der Parlamentarier auf die rückwärtigen Teile der Wilhelmstraße, auf die Ministergärten, speziell auf das Gartengrundstück hinter dem Reichskanzleramt. Der Reichstag lehnte diesen Vorschlag jedoch ab und wählte im Frühjahr 1871 eine Parlamentsbaukommission, die die Probleme eines Provisoriums, eines geeigneten Bauplatzes und eines allgemeinen Wettbewerbs sowie eines Bauprogramms klären sollte.
Als Provisorium wurde das Haus der gerade im Umzug befindlichen KPM gewählt. Dies wurde binnen 70 Tagen nach dem Entwurf von Friedrich Hitzig von den Architekten Gropius&Schmieden zu einem relativ kommoden Parlamentsbau umgebaut. In diesem "Provisorissimum", wie Bismarck es nannte, wollte man sich für etwa fünf bis sechs Jahre einrichten. Das Parlament blieb aber 23 Jahre. Der wichtigste Raum des Parlaments, der Plenarsaal, maß 28,25x22 m, bedeckte also eine Fläche von 621,5 qm. Sitzplätze gab es für 400 Abgeordnete.
Nachdem die Frage des Provisoriums bereits im Juli 1871 erledigt worden war, konzentrierten sich die Kommissionsmitglieder auf die Wahl eines passenden Grundstücks. Nach nur kurzen Überlegungen wurde der Platz, auf dem das Palais des Diplomaten und Sammlers, Graf Ra-czynski stand, ausgewählt. Man versicherte sich gegenseitig, daß der Kaiser in seiner Eigenschaft als König von Preußen gegen eine Enteignung nichts einzuwenden habe, obwohl ein Enteignungsgesetz in Preußen erst 1874 zustandekam. Nicht die Enteignung war indes gefragt, sondern die Annulierung eines zwischen Friedrich Wilhelm IV. und Raczynski abgeschlossenen Vertrages, wonach Raczynski den Nießbrauch des Grundstücks so lange behielt, wie er seine Bildersammlung der Öffentlichkeit zugänglich machte. Hier hatten die Herren sich gründlich geirrt. Denn Raczynski war unter keinen Umständen bereit, sich von seinem Haus zu trennen. Die unerschrockenen Kommissionsmitglieder hielten dies jedoch für unerheblich und ließen ein Bauprogramm für dieses 150x115 m großes Grundstück entwerfen. Im November 1871 genehmigte Wilhelm das Programm, gab aber zu bedenken, daß man mit diesem Bauplatz wohl Schwierigkeiten haben werde. Der Reichstag verabschiedete im gleichen Monat das Bauprogramm.
An dem Wettbewerb von 1872 beteiligten sich 103 Architekten bzw. Architektengemeinschaften, unter ihnen 15 aus England, 7 aus Österreich und kleinere Kontingente aus Italien, Belgien, Holland, Frankreich und sogar den Vereinigten Staaten. Bismarcks Regierung hatte besonders großen Wert auf die Teilnahme englischer und österreichischer Architekten gelegt, unter deren Führung große städtebauliche Komplexe entstanden waren. Man placierte selbst in Wiener und Londoner Zeitungen ganzseitige Anzeigen. Dabei nahmen nicht nur Architekten an dem Wettbewerb teil: aus Paris war der deutsch-schweizerische Kunsthistoriker Geymüller, aus Rom der Archäologe Lanciani, und aus London der Schriftsteller und Gentleman-Architekt John Burley Waring vertreten.
Dennoch schnitten die Österreicher und Engländer relativ schlecht ab; nur der Londoner George Gilbert Scott konnte einen zweiten Preis für seinen im neogotischen Stil gehaltenen Entwurf erringen. Der erste Preis ging an den in St. Petersburg geborenen und in Gotha tätigen Architekten Ludwig Bohnstedt. In der Öffentlichkeit fand sein Entwurf breite Zustimmung.
Der Reichstag konnte das vorgesehene Grundstück jedoch nicht für sich sichern. Raczynskis hartnäckige Weigerung, sein Grundstück jedoch zur Verfügung zu stellen, sowie des Kaisers Abneigung gegen eine nicht leicht zu bewerkstelligende Expropriation zwangen die Kommission, die Bauplatzfrage erneut zu erörtern. Nach langem Tauziehen machte sie Anfang 1873 den Vorschlag, das Grundstück, auf dem die Kroll-Oper stand, zu akzeptieren. Das Plenum des Reichstags wollte jedoch von diesem Standort nichts wissen: Zu weit schien er von den Abgeordnetenwohnungen - meist Hotels Unter den Linden - entfernt. Der Kommission blieb daher nichts anderes übrig, als die Frage erneut zu beraten. Sie untersuchte dabei 56 Bauplätze und kam 1874 zu dem Schluß, nochmals den Krollschen Platz vorzuschlagen, im Zweifelsfall wieder das Grundstück des Raczynskischen Palais. Wieder lehnte der Reichstag diesen Vorschlag ab, und das Problem eines Parlamentsgebäudes drohte nun ungelöst zu bleiben.
Als am 21. August 1874 Raczynski hochbetagt starb, versuchte Staatsminister Delbrück Verhandlungen mit dem Sohn aufzunehmen, doch dieser lehnte aus Pietät seinem Vater gegenüber sowie aus dem juristischen Grund, daß das Gebäude zu einer kaum auflösbaren Familienstiftung gehöre, ab.
Daraufhin wurde Wilhelm ungeduldig und versuchte 1875, obwohl er den Platz des Palais Raczynski favorisierte, die Standortfrage zu Gunsten des Krollschen Etablissements zu forcieren. Er schrieb an Bismarck: "Es ist so viel über den zu wählenden Bauplatz gesprochen, discutirt, geplant etc. worden, daß meiner Ansicht nach nur der Krollsche Platz zu wählen übrig bleibt, dem doch eigentlich nur der gefürchtete Schnupfen einiger kränklicher Députirter entgegenstehet, den man sich auf dem Wege vom Brandenburger Thor zum Parlaments Gebäude zuziehen könne, aber nicht muß, und dem man durch eine Droschke oder guten Paletot sehr gut begegnen kann, ganz abgesehen, daß jene Opponenten schwerlich die Vollendung des Baus noch erleben werden, und deren Fürsorge für später zu Verschnupfende doch sehr weit ginge, wenn man auf diese Fürsorge eingehen wollte! Ich ersuche Sie daher nun allen Ernstes, die Angelegenheit schnell in die Hand zu nehmen, was auch noch einen anderen Grund für sich hat, daß nämlich eine Menge unbeschäftigter Arbeiter Berlins und auch auswärts den schweren Winter leichter hinnehmen würden, wenn sie zum Frühjahr einer großen dauernden Beschäftigung entgegensehen würden." Bismarck versuchte daraufhin 1876, dem Willen des Kaiers zu entsprechen, allerdings ohne Erfolg: der Reichstag blockierte einen Vorstoß Preußens im Bundesrat und wies das Krollsche Grundstück zurück. In den Wandelgängen des Reichstags kam ein geflügeltes Wort auf: "Ich krolle nicht, und wenn das Herz auch bricht". Der nationalliberale Abgeordnete Ludwig Bamberg hatte vor allem den Preis des Krollschen Grundstücks im Auge, als er im Reichstag sagte, der Pächter von Kroll könnte mit dem Geld aus dem überhöhten Kaufpreis mitten in der Innenstadt auf allerbestem Baugrundstück ein neues, prächtigeres Lokal errichten, dessen Architrav die Inschrift tragen würde: "Dem Deutschen Reichstag der dankbare Kroll". Nichts geschah jedoch bis 1877.
Im Jahre 1877 kam schließlich eine Wende. Raczynskis Sohn wurde von einem Eisenbahnspekulanten bedrängt, das Berliner Anwesen und Grundstück zu veräußern. Da der Anbieter sich als Vertrauensmann der Reichsregierung ausgab, erkundigte sich der mißtrauisch gewordene Raczynski glücklicherweise beim Gesandten Preußens in Dresden, ob dies zutreffe. Nach Rücksprache mit der Regierung in Berlin konnte der Gesandte berichten, Bismarck habe niemals versucht, mit Hilfe einer List das Grundstück zu bekommen. Da der Gesandte aber auch durchblicken ließ, daß der Sohn jetzt auf ein seriöses Angebot eingehen würde, ließ Delbrück Verhandlungen aufnehmen. Nach diesen Verhandlungen, die mehr als ein Jahr dauerten, wurde zwischen Raczyn-ski und dem Reich ein vorläufiger Vertrag über eine formelle Enteignung des Palais durch den preußischen Staat, verbunden mit einer Entschädigung von etwas über eine Million Mark, geschlossen.