Der „Scheunenbestand“ der Berliner Stadtbibliothek

Bei dem sogenannten Scheunenbestand handelt es sich um Bücher der Berliner Stadtbibliothek, die vor dem Umbau des Neuen Marstalls am Schlossplatz (Marx-Engels-Platz) zum Verwaltungsgebäude des Palastes der Republik 1974 in eine Scheune nach Berlin-Müggelheim verlagert wurden. Von dort kam der Bestand zwischen 1990 und 1995 zurück in die heutige Zentral- und Landesbibliothek Berlin.

Die Bücher wurden 1965 im Zuge des Bibliotheksneubaus in mehrere Keller im Neuen Marstall eingelagert. Der Bestand umfasste unter anderem unregistrierte Bücher, Teile von Sondersammlungen, ehemalige Berliner Schulbibliotheken und Bücher von deportierten Jüdinnen und Juden aus der 1943 aufgelösten Städtischen Pfandleihanstalt.[1]

Platz für den Tunnel zum Palast der Republik

1973 begann der Bau des Palastes der Republik. Als externes Verwaltungsgebäude mit Direktorenbüro, Aufenthaltsräumen für das Wachregiment des DDR-Staatssicherheitsdienstes „Feliks Dzierzynski“, Polizei und Armee sowie weiteren Organisationsräumen war der gegenüberliegende Neue Marstall vorgesehen. Beide Gebäude wurden später mit einem Tunnel verbunden, in dem Telefonleitungen abhörsicher verlegt waren. Er diente vor allem als Verbindungsgang für das Wachregiment und die Palast-Mitarbeiter*innen.[2]

Zuständig für den Umbau des Marstalls war die „Aufbauleitung Sondervorhaben der Hauptstadt Berlin“. Diese schlug dem Präsidium der Bauakademie der DDR am 5. April 1974 für die Lagerung der Bibliotheksbücher einen Ersatzbau in der Wallstraße vor. Der wurde jedoch nicht realisiert; vermutlich war er mit geschätzten 3 Millionen Mark Baukosten zu teuer.[3] Zeitgleich begann die Räumung der ersten Keller durch Soldaten der Nationalen Volksarmee (NVA), die auf der Baustelle des Palastes eingesetzt waren. Sie transportierten die Bücher zunächst in Keller des Neuen Stadthauses in der Parochialstraße und von dort im Herbst 1974 in eine massiv gebaute Scheune nach Müggelheim.[4] Die Anzahl der Bücher ist heute nicht mehr zu rekonstruieren. Von mindestens 1.000 Regalmetern ist auszugehen.[5]

Wie der Kontakt zu den Scheunenbesitzer*innen zustande kam, ist nicht bekannt. Möglicherweise hatte die Bauleitung mit Hilfe der SED nach einer Lagermöglichkeit für die Bücher gesucht und erfahren, dass der vormals privat geführte Landwirtschaftsbetrieb 1972 abgemeldet und die Scheune nicht mehr genutzt wurde. Die Bibliothek mietete nun den größeren der darin befindlichen zwei Räume mit einer Fläche von 110 m². Die Besitzer*innen erhielten eine monatliche Miete. Dafür waren sie im Gegenzug verpflichtet, für die Sicherheit der Bücher zu sorgen und im Winter den Schnee vor der Scheune zu beseitigen, damit Bibliotheksmitarbeiter*innen einen unfallfreien Zugang hatten.[6]

Die Scheune wurde mit einem Betonfußboden versehen, die Wände gekalkt, die Türen zum Garten vermauert und das Dach abgedichtet. Zur Belüftung dienten Schlitze zwischen Dach und Wänden; Wind kam auch durch das alte Eingangstor. Die Bücher lagerten in Blöcken, das bedeutet, sie waren zu großen Vierecken aufgestapelt, in deren Mitte weitere Bücher geschüttet wurden.[7] Im Oktober 1974 war der Umzug abgeschlossen. In den folgenden Jahren holte die Bibliothek nur wenige Bücher wieder zurück in ihren Bestand.

Die Räumung der Scheune (1990 bis 1995)

Nach der Wiedervereinigung beider deutscher Staaten verhandelten die Besitzer*innen der Scheune mit dem Senat über eine höhere Nutzungsgebühr entsprechend den bundesdeutschen Mieten für Gewerbeflächen. Dies könnte der Auslöser für die beginnende Räumung Ende 1990 gewesen sein. Die Auflösung zog sich aus mehreren Gründen bis zum November 1995 hin: Die Bücher wurden zunächst vor Ort gereinigt, vorsortiert und danach in einer Außenstelle der Bibliothek weiter bearbeitet. Es waren nur wenige Mitarbeiter*innen dafür eingesetzt und diese nur zweimal pro Woche. Außerdem konnten sie aufgrund der Temperaturen nur von Frühjahr bis Herbst in der Scheune arbeiten.[8]

Viele Bücher waren durch Mäusefraß, Feuchtigkeit, Schimmel und Kalk von den Wänden zerstört. Der Rest wurde nach der ersten Säuberung in einer Außenstelle der Bibliothek erneut auf Schäden gesichtet, nach Kategorien sortiert, den Fachabteilungen zugeordnet, in die Hauptbibliothek gebracht und dort in den Bestand eingearbeitet. Mehrfach vorhandene Exemplare gingen an Antiquariate und an die „Zentralstelle für wissenschaftliche Altbestände“ der Staatsbibliothek, die allerdings 1995 aufgelöst wurde. Der Rest kam auf eine Berliner Mülldeponie. Exlibris wurden aus den Büchern gelöst und separat gesammelt. Doppelte Exemplare gingen ebenfalls an Berliner Antiquariate.

Nicht immer gelang die vollständige Säuberung der Bücher. Eine fachgerechte Schimmelpilzbeseitigung, wie sie sich inzwischen in der Bibliothek etabliert hat, wurde zu dieser Zeit aus technischen und personellen Gründen nicht praktiziert. So blieben Bücher über Jahre unbearbeitet. Einem Teil von ihnen sieht man die Spuren der jahrelangen schlechten Lagerung bis heute an: irreparable Verformungen, zerstörte Einbände und Verfärbungen durch Schimmel.

Durch die Auflösung des Scheunenmagazins konnten Sonderbestände wieder zusammengeführt werden, wie bspw. die Sammlung des Berliner Schuldirektors August Engelien, die Bibliothek von Bernhard Büchsenschütz, dem Direktor des Friedrichswerderschen Gymnasiums und die des Philologen Ulrich Wilamowitz-Moellendorf. Auch kamen Druckwerke aus der Zeit vor 1850 in relevanter Menge zusammen. Daraus konnte die Sondersammlung „Alte Drucke“ angelegt und mit den bereits in der Bibliothek vorhandenen Werken ergänzt werden.

Zwar war NS-Raubgut bei der Einarbeitung des Scheunenbestandes in die Bibliothek noch nicht im Bewusstsein, aber es wurden dennoch alle Hebraica, die nicht zu einer Sammlung gehörten, separat aufgestellt und an die Stiftung Neue Synagoge Berlin - Centrum Judaicum abgegeben.

Der Scheunenbestand heute

Die Bücher aus der Müggelheimer Scheune finden sich mittlerweile in nahezu allen Beständen der Bibliothek. Nach und nach wurden sie bearbeitet und wieder für die Öffentlichkeit aufbereitet. Allerdings ist bis heute unklar, wie viele Bücher damals ausgelagert wurden und wie viele heute noch existieren. Eine Lagerliste oder eine nachträgliche Markierung der Exemplare bei der Wiederaufnahme in das Bibliothekssystem fand nicht statt. Die Scheune in Müggelheim dient heute als Veranstaltungsort – Spuren der über 16 Jahre dauernden Nutzung als Lagerort der Berliner Stadtbibliothek lassen sich nicht mehr finden.

 

Text & Recherche Jeanette Toussaint


[1] Zur Herkunft und Verlagerung der Bücher im Zuge des Neubaus Anfang der 1960er Jahre: Zentral- und Landesbibliothek Berlin (ZLB), Rohrlach-Akten, HA F 8/1; ZLB, Berliner Stadtbibliothek 783, Schriftwechsel zur Übernahme der Bücher 1943 von der Städtischen Pfandleihe. Die Akte befand sich zum Zeitpunkt der Einsichtnahme am 7.4.2021 im Projekt NS-Raubgut, soll aber an das Landesarchiv Berlin abgegeben werden; Friedhilde Krause/Paul Raabe (Hg.): Handbuch der historischen Buchbestände in Deutschland. Band 14, Berlin, Teil 1. Hildesheim/Zürich/New York 1995, S. 222-241.

[2] Interview von Jeanette Toussaint mit dem dafür zuständigen Architekten am 14.10.2020.

[3] Bundesarchiv, DH 2/20658 Bd. 1: Präsidiumssitzung der Bauakademie der DDR am 5.4.1974.

[4] Tagesaufzeichnungen des Bibliotheksmitarbeiters Peter R., April, Mai und Oktober 1974. Abschrift im Besitz der ZLB.

[5] ZLB, Rohrlach-Akten, HA F4/3: Arbeitsbericht der Ratsbibliothek vom 12.7.1974. Daraus geht jedoch nicht hervor, ob es sich um insgesamt mehr als 1.000 Regalmeter handelte oder nur um die Menge der Ratsbibliothek.

[6] Mietvertrag vom 13.2.1975. Kopie im Besitz der ZLB.

[7] Interview von Jeanette Toussaint mit den Besitzer*innen der Scheune am 4.9.2021.

[8] Interviews von Jeanette Toussaint mit den an der Räumung und Einarbeitung der Bücher beteiligten Bibliotheksmitarbeiter*innen, September/Oktober 2020.