Der Ankauf einer „beschlagnahmten Bibliothek“ durch die Berliner Stadtbibliothek 1951

Am 13. August 1951 vermerkt das Zugangsbuch der Berliner Stadtbibliothek einen Posten „beschlagnahmte Bibliothek“, erworben vom Magistrat Berlin, Abt. Finanzen bzw. der „Verwertungsstelle Magistrat“. Es handelt sich dabei um einen Ankauf von 1.028 Büchern im Wert von 1.285 Mark. Dokumente über diesen Vorgang sind weder im Archiv der heutigen Zentral- und Landesbibliothek Berlin noch im Landesarchiv Berlin überliefert. Die Rechnung darüber kann im Rahmen üblicher Kassationsfristen vernichtet worden sein. Eine erhalten gebliebene Rundverfügung des Magistrats von Groß-Berlin, Abt. Finanzen, Referat Kassen- und Rechnungswesen vom 17. September 1953 über die Vernichtung von Unterlagen zwischen 1945 und 1948 legt dies nahe.1

Bemerkenswerterweise befindet sich in diesem Bestand NS-Raubgut neben unverdächtigen Büchern. Die jüngsten Titel stammen aus dem Jahr 1949 und wurden in Verlagen der sowjetischen Besatzungszone bzw. der gerade erst gegründeten DDR herausgegeben. Als eindeutiges NS-Raubgut konnten beispielsweise Bücher aus dem vormaligen Besitz von Jacob und Käthe Kahn, Claus und Robert Hilb, Hedwig Hesse und Martin Ziegler identifiziert werden. Außerdem wurden auch einige Bücher gefunden, die "Republikflüchtlingen" nach 1945 entzogen wurden, sog. DDR-/SBZ-Raubgut.

Nach derzeitigem Forschungsstand handelt es sich bei dem Konvolut nicht um eine geschlossene Bibliothek, wie der Eintrag im Zugangsbuch nahe legt, sondern um einen Sammelposten der Verwaltungsstelle Sondervermögen. Diese gehörte zur Abteilung Finanzen des Berliner Magistrats und war für ehemaliges Reichs- und Staatsvermögen, NS-Vermögen und anderen beschlagnahmten Besitz (z.B. von NS-Belasteten) zuständig. Die Verwaltungsstelle wurde zum 1. Oktober 1949 gegründet. Sie übernahm Aufgaben von zwei Vorgängereinrichtungen: der Ende 1950 aufgelösten Deutschen Treuhandverwaltung und des Bergungsamtes der Abt. Finanzen beim Magistrat, das zum 31. Dezember 1949 seine Arbeit beendete. Das Bergungsamt lagerte, verkaufte oder vermietete beschlagnahmte und herrenlose Güter, darunter Wohnungseinrichtungsgegenstände und Bücher.

Bereits Anfang 1950 erhielt die Verwaltungsstelle für Sondervermögen eine neue Aufgabe zugewiesen: die Organisation und Durchführung von Betriebs- und Geschäftsschließungen in Ostberlin „zum Schutz der Währung“. Dabei wurden Unternehmen, deren Besitzer im Westteil der Stadt lebten, auf Unregelmäßigkeiten überprüft, ggf. liquidiert und die Waren beschlagnahmt. Ein Großteil von ihnen musste daraufhin das Gewerbe aufgeben.2 Bislang gibt es zwar keine Hinweise, dass Bücher aus geschlossenen Antiquariaten, Leihbüchereien, Kunsthandlungen oder Buchläden an die Verwaltungsstelle für Sondervermögen übergingen, denn dafür waren Treuhänder*innen und die Berliner Buchhandels GmbH zuständig. Auszuschließen ist dies aber nicht. Außerdem verwertete die Verwaltungsstelle für Sondervermögen den Besitz von "Republikflüchtigen".

Mit Blick auf die Genese der Verwaltungsstelle ist anzunehmen, dass die rund 1.000 Bücher im Zuge der Auflösung der Deutschen Treuhandverwaltung und des Bergungsamtes an die Verwaltungsstelle für Sondervermögen übergingen. Auch heißt es bei der Auflösung der Verwaltungsstelle 1954 rückblickend: „Wie die Erfahrung in der Verwaltungsstelle für Sondervermögen lehrte, stapeln sich Bücher bald an und verursachen viel Arbeit und Kosten.“3

Bei den von der Berliner Stadtbibliothek angekauften Büchern kann es sich also um einen Restposten handeln, der bis zur Auflösung des Bergungsamtes und der Treuhand nicht mehr verkauft wurde, darunter beschlagnahmte Bücher von NS-Belasteten und durch Flucht aus der sowjetischen Besatzungszone bzw. der DDR „herrenlos“ gewordene Bücher. Der Eintrag im Zugangsbuch 1951 liegt sehr nah an den Auflösungsjahren der Vorgängerinstitutionen 1949/50. So erschien das letzte Buch aus dem Bestand 1949, Ende des Jahres wurde das Bergungsamt aufgelöst.

Offen bleiben muss, ob die Bücher tatsächlich 1951 oder schon vorher erworben und erst später ins Zugangsbuch eingetragen wurden. Unterlagen über den Weg der Bücher in die Bibliothek gibt es nicht. Dokumente darüber wurden vermutlich bereits durch die Treuhand und das Bergungsamt vernichtet, bevor die Verwaltungsstelle für Sondervermögen ihre Tätigkeit aufnahm. So ist bspw. für den Treuhandbereich Wohnungen eine unvollständige Aktenüberlieferung an die Verwaltungsstelle nachgewiesen.4 Denkbar ist auch eine unzureichende Dokumentation, da man Büchern damals eine eher geringe Bedeutung beimaß.

Um weitere Informationen über die Herkunft des Bestandes zu finden, müssen die Wege der Bücher anhand ihrer Provenienzmerkmale, soweit vorhanden und soweit möglich rekonstruiert werden.

Die diesem Ankauf zuzuordnenden Bücher, die bislang im Bestand der Zentral- und Landesbibliothek ermittelt werden konnten, sind hier in der kooperativen Provenienzdatenbank Looted Cultural Assets verzeichnet.

Text & Recherche: Jeanette Toussaint

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1 Landesarchiv Berlin, C Rep. 124 Nr. 312, unpag. Ausgenommen davon waren Baurechnungen, Rechnungsbelege über Kriegsschäden und Besatzungskosten sowie Wirtschaftsbücher für Bauvorhaben.
2 Ausführlicher dazu: Heike Schroll: Ost-West-Aktionen im Berlin der 1950er Jahre. Schriftenreihe des Landesarchivs Berlin, Band 20. Berlin 2018.
3 Landesarchiv Berlin, C Rep. 748 Nr. 232, unpag.: Schreiben der Pfandleihanstalt Groß-Berlin an den Magistrat Groß-Berlin am 24.11.1954 betreffs Magistratsbeschluss Nr. 735 (Übertragung der Arbeit der Verwaltungsstelle für Sondervermögen an die Pfandleihanstalt).
4 Landesarchiv Berlin, C Rep. 124 Nr. 311, unpag.: Laut Schreiben des Magistrats, Abt. Finanzen an den Oberbürgermeister am 3. Mai 1952 zur Überprüfung des Amtes für Sondervermögen, Verwaltungsstelle für jüdischen und ausländischen Grundbesitz durch die Kommission für staatliche Kontrolle sei die Auflösung der Treuhandstelle und die Übergabe der Akten am 1.1.1951 katastrophal gewesen.