Die Wege der Bücher

Das NS-Raubgut gelangte auf verschiedenen und noch nicht vollständig bekannten Wegen in die Bestände der Zentral- und Landesbibliothek (ZLB).
Die heutige ZLB besteht aus der 1901 gegründeten Berliner Stadtbibliothek (BStB), der 1954 in West-Berlin errichteten Amerika-Gedenkbibliothek (AGB) und der Senatsbibliothek (SeBi). Alle drei Teilbibliotheken haben NS-Raubgut im Bestand.

Die Berliner Stadtbibliothek

Die Berliner Stadtbibliothek galt lange Zeit als zu unbedeutend, um größere Raubgutbestände erworben zu haben. Soweit bekannt, war die BStB in der NS-Verwertungskette nicht sehr weit oben angesiedelt. Wertvolle Privatbibliotheken, zusammenhängende Bestände der Verfolgten und aus den besetzten Gebieten gingen an bedeutendere Bibliotheken. Die Berliner Stadtbibliothek übernahm die Reste des Raubes: all die Bücher, die niemand gezielt haben wollte, die für eine öffentliche Bibliothek aber noch verwertbar waren. Die Romane, Reiseführer, Kinderbücher und Sachbücher wurden als 'normaler' Buchbestand angesehen: deren Herkunft und das Schicksal ihrer Eigentümer interessierte niemanden. Ein Briefwechsel von 1943, der erst 2007 im historischen Archiv der Bibliothek gefunden wurde, zeigt das Ausmaß der Verstrickung in den Raubmord an den Berliner Juden.

Die Bücher der Deportierten

1943 wandte sich die BStB an den Stadtkämmerer von Berlin und bat um die kostenlose Übernahme der in der Pfandleihanstalt gelagerten "über 40 000 Bände aus Privatbüchereien evakuierter Juden" - Bücher aus den letzten Wohnungen deportierter und ermordeter Menschen. Doch "kostenlos" konnte die Stadt diese Bücher nicht weitergeben: schließlich handele es sich um das Vermögen von "Staatsfeinden", das dem Reich verfallen sei und dieses sollte zur "Förderung aller mit der Lösung der Judenfrage in Zusammenhang stehenden Zwecke dienen". Der Briefwechsel (.pdf) ist erhalten und zeigt, dass den Beteiligten die Herkunft der Bücher vollkommen klar war.

Zeilen aus dem Zugangsbuch J
Zeilen aus dem Zugangsbuch J

Von den etwa 40.000 Büchern wurden bis zum 20.April 1945 knapp 2.000 Exemplare in ein gesondertes Zugangsbuch "J" eingetragen – hier die erste Seite (.jpeg). Diese Bücher erkennt man an den Zugangsnummern in den Exemplaren: der laufenden Nummer ist jeweils ein „J“ vorangestellt. Sämtliche so gekennzeichneten Bücher sind eindeutig NS-Raubgut, doch nur etwa 10 % enthalten Spuren, die zu den beraubten Eigentümern führen können. Bislang konnten wir gut 1.500 dieser im Zugangsbuch „J“ aufgelisteten Exemplare in unseren Beständen ermitteln.

Nach 1945: 20.000 „Geschenke“ ?

Nach Kriegsende wurde nicht etwa versucht, die geraubten Bücher an ihre Eigentümer, deren Erben oder an die Jüdische Gemeinde Berlin zurückzugeben. Im August 1945 begann man mit der Erfassung der unbearbeiteten Bestände und damit auch mit der Erfassung der restlichen Bücher der Deportierten. Diese wurden jedoch nicht mehr in einem separaten Zugangsbuch (wie dem Zugangsbuch "J") erfasst, sondern zusammen mit anderen Lieferungen als "Geschenke" eingetragen. Zwischen Sommer 1945 und Ende 1950 wurden über 20.000 Zugangsnummern für "Geschenke" vergeben: dabei entfallen bereits 16.000 Eintragungen auf nur drei Lieferanten: Kulturamt, Bücherlager und Bergungsstelle. Bücher der Deportierten findet man unter Kulturamt und Bücherlager verzeichnet - leider nicht ausschließlich: es scheint zu einer Vermischung mit legalen Zugängen und alten Beständen aus der Zeit vor 1933 gekommen zu sein.

Eine sehr große Menge an NS-Raubgut gelangte erst in der Nachkriegszeit mit den Lieferungen durch die "Bergungsstelle für wissenschaftliche Bibliotheken" in die Berliner Stadtbibliothek. Die "Bergungsstelle" existierte von Juli 1945 bis Februar 1946 als Einrichtung des Berliner Magistrats und ihre Aufgabe war die Sicherstellung von Buchbeständen mit dem Ziel, die zerstörten Berliner Bibliotheken möglichst schnell wieder benutzbar zu machen. Hierfür wurden die Bibliotheken der aufgelösten Reichs- und Landesbehörden, der Parteiorganisationen, sogenannte herrenlose Bestände und enteignete Bibliotheken von ehemaligen NSDAP-Mitgliedern übernommen, darunter Bücher aus den Depots des Reichssicherheitshauptamtes (RSHA) und anderer am Kulturgutraub beteiligter Stellen. Bis zur Auflösung der "Bergungsstelle" im Februar 1946 wurden über eine Million Bücher geborgen, sortiert und verteilt. Hauptempfänger waren die Ratsbibliothek Berlin mit über 350.000 Exemplaren (darunter die Bibliothek des Reichsinnenministeriums), die BStB, die Volksbüchereien und die Staatsbibliothek. Die Ratsbibliothek gehört seit 1955 zur BStB und die Volksbüchereien haben ihren Altbestand an die BStB abgegeben, so dass sich diese Bergungsbücher heute überwiegend in der ZLB befinden. Für die Provenienzrecherche ist die Arbeit der Bergungsstelle deshalb so bedeutend, weil ein Teil der bearbeiteten Bücher noch immer einer konkreten Bergungsaktion zuzuordnen ist. Die Nummern der Bergungsaktionen sind meist mit Bleistift in den Büchern eingetragen. So stehen die Nummern 15 und 209 für zwei Depots des RSHA. Die Akten der Bergungsstelle befinden sich heute im Landesarchiv Berlin und wurden unter http://www.bergungsstelle.de veröffentlicht.

Andere verdächtige Zugänge

Die Recherchen seit 2010 haben sich auf die Bestände der BStB, den Kauf von 1943 und die "Geschenke" der Nachkriegszeit konzentriert, da auf Grund der Aktenlage und nach Auswertung von Stichproben hier mit dem größten Anteil an Raubgut zu rechnen ist. Doch ist jedes Buch, das vor 1945 gedruckt und nach 1933 die heutige ZLB erreichte, solange verdächtig, wie dessen Herkunft unbekannt ist - unabhängig davon, ob die BStB zwischen 1933 und 1945 Käufer war oder das ursprüngliche Raubgut erst später von dieser oder den anderen Vorgängereinrichtungen der ZLB erworben wurde.

Wie identifiziert man die geraubten Bücher?

Das Ziel der Recherche ist nicht nur die Identifizierung des NS-Raubguts und die Erforschung der historischen Ereignisse, sondern konkret die Rückgabe der geraubten Büchern an die ursprünglichen Eigentümer oder deren Erben. Dabei steht die Provenienzforschung in Bibliotheken vor besonderen Herausforderungen, die in erster Linie mit dem Objekt "Buch" zusammenhängen.

Sonderrolle Buch

Bücher sind in der Regel nicht als Unikate erkennbar. Sie wurden industriell hergestellt und unterscheiden sich deshalb innerhalb der gleichen Auflage nicht voneinander. Erst durch später hinzugefügte Kennzeichen werden sie zu sichtbaren Einzelstücken und lassen sich unter Umständen einer Provenienz zuordnen. Die Stempel, Autogramme und Widmungen sind die einzigen Hinweise, die zu den Eigentümern führen können - fehlen diese ist die Ermittlung der Provenienz fast ausgeschlossen.
Hinzu kommt, dass wegen der relativen Wertlosigkeit des einzelnen Buches meist keine Aufzeichnungen existieren. Die wenigsten Menschen fertigen einen Katalog ihrer Privatbibliothek an, beim Raub zählte man vielleicht die Anzahl der Bücher und selbst die Eigentümer konnten in den Wiedergutmachungsverfahren nicht jeden Titel angeben. Auch wenn sie es gekonnt hätten: über den Verbleib der Bücher wussten sie nichts und nur über die bibliographischen Angaben ist ein individuelles Buch nicht zu finden.
Die Herkunft der Exemplare war für die Bibliotheken kaum von Bedeutung und mit Ausnahme von besonders alten Büchern oder speziellen Sammlungen wurde sie niemals dokumentiert. Umsignierungen, Tausch, Neubindungen und Aussonderungen erschweren unsere Arbeit zusätzlich.

Vorgehen bei der Suche

Eine gewisse Orientierung bieten die Zugangsbücher, welche die gelieferten Bücher verzeichnen. Dort sind keine Zuteilungen durch Gestapo oder anderer eindeutiger Stellen vermerkt. Da die BStB die "Reste" des Massenraubmordes übernahm, gibt es als Konsequenz eine sehr große Menge an potentiellem NS-Raubgut - wir schätzen, dass über 200.000 Bücher als verdächtig einzustufen sind. Gleichzeitig handelt es sich dabei nicht um zusammenhängende Bestände: bisher konnten einer Person meist nur wenige Bücher, in der Mehrzahl der Fälle sogar nur eines zugeordnet werden.
Die Exemplare werden ausgehend von den Eintragungen in den Zugangsbüchern überprüft Jedes Buch wird am jeweiligen Standort aufgesucht und auf Spuren von Vorbesitzern durchgesehen. Sind keine vorhanden, endet die Recherche an dieser Stelle Die Identifikation von Raubgut und die Ermittlung der Provenienz eines Exemplars kann nur durch hinzugefügte, individuelle Kennzeichen erfolgen. Durch die Auswertung dieser Provenienzhinweise können zusammengehörige Exemplare, die Vorbesitzer und am Ende vielleicht die rechtmäßigen Eigentümer ermittelt werden.

Die Recherche nach den Büchern

Nach all diesen Arbeitsschritten, von den Zugangsbüchern zu den Exemplaren mit ihren Provenienzhinweisen und deren Auswertung, hat man dennoch meist nur sehr wenige Informationen über die Vorbesitzer.

In den Büchern findet man die Namen, manchmal Adressen und Berufsbezeichnungen. Wir halten alle Informationen aus den Exemplaren in der Datenbank fest - zuallererst, um zusammengehörige Bücher zu ermitteln. In vielen Fällen kommen aber mehrere Verfolgte gleichen Namens in Betracht und meist wissen wir nicht einmal, ob das Buch überhaupt NS-verfolgungsbedingt entzogen wurde. Viele Bücher können mangels eindeutiger Spuren nicht zurückgegeben werden - auch wenn wir wissen, dass es sich bei ihnen um Raubgut handelt. Doch die Eigentümer von hunderten, vielleicht von tausenden Exemplaren kann man identifizieren. In manchen Fällen ist eine eindeutige Zuordnung möglich: z.B. weil eine Widmung mit Geburtsdatum und vollständigem Namen vorhanden ist. Die Namen werden mit den Ergebnissen anderer Forschungsprojekte und verschiedenen Datenbanken (wie dem Gedenkbuch des Bundesarchivs und Yad Vashem) abgeglichen.

Beispiele für erfolgreiche Recherchen und gelöste Fälle finden Sie unter Restitutionen.