KULTURBOX (1993-1999) Das Archiv ZLB-Projekte

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Die Texte sind dem Buch "Kunst, Symbolik und Politik" der KULTURBOX (1995) entnommen


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Rolf Schoerken

Setzt die Demokratie auf Symbol und Ritual oder auf politische Bildung?

    Im Titel dieses Beitrags ist ein Gegensatz angesprochen, den vermutlich nicht jeder als Gegensatz anerkennen wird. Warum sollte eine Demokratie nicht sowohl mit gefühlswirksamer politischer Ästhetik als auch gleichzeitig mit den vorwiegend kognitiven Verständnisformen der politischen Bildung arbeiten? Ist der zwanglose Umgang mit dem politischen Symbol nicht der Normalfall in den meisten unserer Nachbarländer? Nationalfahnen und -hymnen, Ehrenformationen des Militärs, feierliche Kranzniederlegungen und Ähnliches sind so selbstverständliche Bestandteile des politischen Lebens, daß sie kaum noch als etwas Besonderes wahrgenommen werden und es sich wahrhaftig nicht lohnt, daran viele Gedanken zu verschwenden. Muß man nicht außerdem noch zugestehen, daß Gemeinschaften aller Art, und besonders Nationen, keine natürlichen, sondern symbolische Zusammenschlüsse sind, und es deshalb unausweichlich ist, daß sie Symbole als Integrationsmittel benutzen? So mag mancher denken - und hätte recht, wenn da nicht etwas wäre, das uns hinter der Normalität in einen Abgrund blicken ließe. Dieser Abgrund erschließt sich nur dem historischen Blick, und deshalb ist, wenn man auf die bedenklichen, ja gefährlichen Seiten des politischen Umgangs mit Symbolen und Ritualen aufmerksam machen will, ein Rückgriff auf die Geschichte unerläßlich.

  1. Die Nutzbarmachung politischer Ästhetik zur Beeinflussung der Massen
  2. Mit dem Eintritt der Massen in die Geschichte zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurden neue Formen der Integration der vielen Einzelnen zu einer Nation nötig. Die Idee des Gemeinwillens war die Quelle für die Schaffung eines neuen politischen Stils, der die vielen einzelnen zur Teilnahme am Leben der Nation und zur Selbstdarstellung der Nation befähigen sollte. George L. Mosse hat diese Zusammenhänge eingehend untersucht (Mosse 1976). Wichtigstes Mittel einer solchen Teilnahme waren Feiern und Riten in dafür vorgesehener weihevoller Architektur, wie auch Symbole und Mythen, allesamt Bestandteile einer weltlichen Religion der Nation. In Deutschland waren es Männer wie Ernst Moritz Arndt und Friedrich Ludwig Jahn, die einen nationalen Kult entwickelten, der die Menschen lehren sollte, sich nicht mehr als Einzelwesen, sondern als Teil eines größeren organischen Ganzen zu begreifen, das eingebettet war in das Ewige. Dieser Gedanke führte dazu, in Denkmälern und nationalen Liturgien die letzten Horizonte von Tod und Leben, Totengedenken und Feier des die Zeiten überdauernden Volkslebens zu repräsentieren. Die Aufgabe der politischen Rituale wurde es, die Welt als eine stabile erscheinen zu lassen, in der der einzelne seinen festen Ort hatte. Die großen Denkmäler und Weihestätten des 19. Jahrhunderts waren Ausdruck dieser Bemühungen: die Anknüpfung an die zeitenüberdauernden architektonischen Formen der Antike, das Wiederaufleben sogar altägyptischer Anklänge (Obelisken- und Pyramidenformen), die die Unveränderlichkeit gegenüber der sich wandelnden Zeit symbolisieren sollten, und die in die Denkmalkonzeptionen einbezogenen großen Versammlungsplätze für Massenfeiern, auf denen sich das Volk als Moment zeitüberspannender Dauer selbst erleben sollte.

    Je stärker sich die Welt im 19. Jahrhundert umwälzte, und je rascher das Tempo des sozialen Wandels im Gefolge der Industrialisierung wurde, umso mehr gingen diese politischen Rituale ihres liberalen Ursprungs verlustig und wurden nationalkonservativ, ja sie wurden zum wichtigsten Wirkungsmittel der Monarchie überhaupt. Die langsame, politisch außerordentlich folgenreiche Umwälzung von einer liberalen zu einer konservativen Grundstimmung, die sich im deutschen Bürgertum im Verlauf des 19. Jahrhunderts vollzog, kann nicht nur ereignisgeschichtlich - etwa aus den Erfolgen der Bismarckschen Politik - oder ideengeschichtlich - etwa aus dem Vordringen neukonservativer Ideen - erklärt werden. Vielmehr muß man die Veränderung der Alltagskultur und der seelischen Grundverfassung breitester Bevölkerungsschichten in die Rechnung stellen. Betrachtet man Erscheinungen wie die Vereinskultur, den Theaterstil, die Formen öffentlicher Feiern, so zeigt sich ein auffälliger Befund: Die Selbstdarstellung von Gemeinschaften geriet im Laufe des 19. Jahrhunderts in Deutschland immer mehr ins Fahrwasser der erwähnten Muster, die sich aus dem Kampf gegen Napoleon entwickelt hatten. Die Neigung zu kultischer Selbstdarstellung mit halbreligiösen und halbästhetischen Versatzstücken drang in alle Gesellschaftsbereiche ein, sie wurde Stil des Wilhelminismus.

    Ein schönes Beispiel dafür ist die Einführung des Sedanfestes - das auf eine Anregung Friedrich von Bodelschwinghs zurückging -, die von Wilhelm II. enthusiastisch aufgenommen und verwirklicht wurde. Für den paternalistischen Protestanten Bodelschwingh war der Sieg über Frankreich ein Zeichen Gottes, daß nun das oberflächliche, vergnügungssüchtige Alltagsleben aufhören und durch eine opferbereite und strenge Lebensführung abgelöst werden solle. Der Sedantag sollte mit Gebeten und ernsten Gesängen begonnen werden und zu Ende gehen, es sollten Fackelzüge und vaterländische Gottesdienste in der freien Natur stattfinden, in allem solle dieser Tag das Gegenteil des 14. Juli in Frankreich sein, wo auf den Straßen getanzt und getrunken wurde - Ausdruck der Dekadenz der Franzosen, die jetzt so sichtbarlich gestraft worden waren. Der Sedantag wurde, wenn auch nicht immer in dieser rauschebärtigen Form, immerhin bis in den Zweiten Weltkrieg hinein gefeiert - ich habe als Kind noch am 2. September 1938 und 1939 mit Knallkorkenpistolen herumgeknallt.

    Wichtig ist eine weitere Tendenz, die man auch am Beispiel der Sedanfeiern sichtbar machen kann: Ab 1890 beteiligte sich auch der kulturelle Verband der sozialistischen Arbeiter daran - eines von vielen Anzeichen dafür, daß die konservative Feierkultur bis tief in die oppositionellen Gruppen vordrang und selbst dort imitiert wurde, wo die Schaffung einer eigenen Arbeiterkultur auf dem Programm stand. Dafür gab es viele Beispiele: Auf Vereinsfesten von Radfahrvereinen führte man Germaniafiguren oder ähnliche vaterländische Versatzstücke mit, Arbeitersportvereine bekränzten ihre Sieger mit dem Laub der deutschen Eiche, Arbeitergesangvereine übernahmen das vaterländische Liedgut, schließlich wurde selbst das große Fest der Arbeiter, der 1. Mai, ganz nach dem formalen Muster der nationalen Feierliturgik mit ernsten Schweigemärschen, Bühnenspielen mit Weihecharakter, Chören und Fackelzügen begangen. So wenig gewichtig alle diese Einzelmomente, nimmt man jedes für sich allein, gewesen sein mögen, in ihrer Gesamtheit verkörperten sie einen neuen, sakral-vaterländisch geprägten Lebensstil. Unterhalb des erkennenden und analysierenden Bewußtseins setzten sich auf dem Wege über religiös getönte Gemeinschaftskulte unbewußte und unmerkliche Veränderungen von politischen Haltungen durch. Man braucht nur an die Haltung der Sozialdemokratie bei Beginn des 1. Weltkriegs zu denken - das kam nicht plötzlich, sondern war lange durch unmerkliche seelische Prozesse vorbereitet worden. Die Breitenwirkung des Wilhelminismus lag genau hier, und nicht etwa im Erfolg der Politik oder der Figur des Monarchen.


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