Alle Texte © 1995 KULTURBOX - © 1999 Zentral- und Landesbibliothek Berlin
Die Texte sind dem Buch "Kunst, Symbolik und Politik" der KULTURBOX (1995) entnommen
Je stärker sich die Welt im 19. Jahrhundert umwälzte, und je rascher das Tempo des sozialen Wandels im Gefolge der Industrialisierung wurde, umso mehr gingen diese politischen Rituale ihres liberalen Ursprungs verlustig und wurden nationalkonservativ, ja sie wurden zum wichtigsten Wirkungsmittel der Monarchie überhaupt. Die langsame, politisch außerordentlich folgenreiche Umwälzung von einer liberalen zu einer konservativen Grundstimmung, die sich im deutschen Bürgertum im Verlauf des 19. Jahrhunderts vollzog, kann nicht nur ereignisgeschichtlich - etwa aus den Erfolgen der Bismarckschen Politik - oder ideengeschichtlich - etwa aus dem Vordringen neukonservativer Ideen - erklärt werden. Vielmehr muß man die Veränderung der Alltagskultur und der seelischen Grundverfassung breitester Bevölkerungsschichten in die Rechnung stellen. Betrachtet man Erscheinungen wie die Vereinskultur, den Theaterstil, die Formen öffentlicher Feiern, so zeigt sich ein auffälliger Befund: Die Selbstdarstellung von Gemeinschaften geriet im Laufe des 19. Jahrhunderts in Deutschland immer mehr ins Fahrwasser der erwähnten Muster, die sich aus dem Kampf gegen Napoleon entwickelt hatten. Die Neigung zu kultischer Selbstdarstellung mit halbreligiösen und halbästhetischen Versatzstücken drang in alle Gesellschaftsbereiche ein, sie wurde Stil des Wilhelminismus.
Ein schönes Beispiel dafür ist die Einführung des Sedanfestes - das auf eine Anregung Friedrich von Bodelschwinghs zurückging -, die von Wilhelm II. enthusiastisch aufgenommen und verwirklicht wurde. Für den paternalistischen Protestanten Bodelschwingh war der Sieg über Frankreich ein Zeichen Gottes, daß nun das oberflächliche, vergnügungssüchtige Alltagsleben aufhören und durch eine opferbereite und strenge Lebensführung abgelöst werden solle. Der Sedantag sollte mit Gebeten und ernsten Gesängen begonnen werden und zu Ende gehen, es sollten Fackelzüge und vaterländische Gottesdienste in der freien Natur stattfinden, in allem solle dieser Tag das Gegenteil des 14. Juli in Frankreich sein, wo auf den Straßen getanzt und getrunken wurde - Ausdruck der Dekadenz der Franzosen, die jetzt so sichtbarlich gestraft worden waren. Der Sedantag wurde, wenn auch nicht immer in dieser rauschebärtigen Form, immerhin bis in den Zweiten Weltkrieg hinein gefeiert - ich habe als Kind noch am 2. September 1938 und 1939 mit Knallkorkenpistolen herumgeknallt.
Wichtig ist eine weitere Tendenz, die man auch am Beispiel der Sedanfeiern sichtbar machen kann: Ab 1890 beteiligte sich auch der kulturelle Verband der sozialistischen Arbeiter daran - eines von vielen Anzeichen dafür, daß die konservative Feierkultur bis tief in die oppositionellen Gruppen vordrang und selbst dort imitiert wurde, wo die Schaffung einer eigenen Arbeiterkultur auf dem Programm stand. Dafür gab es viele Beispiele: Auf Vereinsfesten von Radfahrvereinen führte man Germaniafiguren oder ähnliche vaterländische Versatzstücke mit, Arbeitersportvereine bekränzten ihre Sieger mit dem Laub der deutschen Eiche, Arbeitergesangvereine übernahmen das vaterländische Liedgut, schließlich wurde selbst das große Fest der Arbeiter, der 1. Mai, ganz nach dem formalen Muster der nationalen Feierliturgik mit ernsten Schweigemärschen, Bühnenspielen mit Weihecharakter, Chören und Fackelzügen begangen. So wenig gewichtig alle diese Einzelmomente, nimmt man jedes für sich allein, gewesen sein mögen, in ihrer Gesamtheit verkörperten sie einen neuen, sakral-vaterländisch geprägten Lebensstil. Unterhalb des erkennenden und analysierenden Bewußtseins setzten sich auf dem Wege über religiös getönte Gemeinschaftskulte unbewußte und unmerkliche Veränderungen von politischen Haltungen durch. Man braucht nur an die Haltung der Sozialdemokratie bei Beginn des 1. Weltkriegs zu denken - das kam nicht plötzlich, sondern war lange durch unmerkliche seelische Prozesse vorbereitet worden. Die Breitenwirkung des Wilhelminismus lag genau hier, und nicht etwa im Erfolg der Politik oder der Figur des Monarchen.