KULTURBOX (1993-1999) Das Archiv ZLB-Projekte

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Die Texte sind dem Buch "Kunst, Symbolik und Politik" der KULTURBOX (1995) entnommen


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Thomas Meyer

Repräsentativästhetik und politische Kultur

Russische Soldaten vor dem Reichstag
Archiv Cullen

    Die Dialektik von Verhüllung und Enthüllung, aus der Christo's Kunst Reiz und Authentizität gewinnt, ist der Politik in der Mediengesellschaft wie auf den Leib geschrieben. Fast erscheint es nach den zwei Jahrzehnte andauernden Debatten über das Projekt schon gleichgültig, ob dessen physischer Vollzug nun noch stattfindet oder nicht. Die Sache ist, substantialisiert durch des Meisters eigene Abbildungen der projizierten Idee, hin und her gewendet und -sozusagen- auch betrachtet worden, als wäre sie längst vollzogen. Die symbolische Tat ist durch all das schon so gut wie vollbracht. Es ist fraglich, ob der ultimative Akt den Reflexionen nun noch viel mehr hinzufügen kann als das so entwaffnend schöne Bild.

  1. Begrifflichkeiten im Spannungsbogen von Symbolik und Politik
  2. Die Begrifflichkeit im Spannungsbogen von Symbolik und Politik lädt zur Konfusion ein. Darum ist hier die herrschende Kommunikationsform fast schon das Mißverständnis. Es führt zum Beispiel Regie, wenn einerseits nach mehr symbolischer Politik gerufen wird, weil ohne sie aus der Wirrnis sozialer Vielfalt nun einmal politische Einheit nicht hervorgehen und erhalten werden könne, und andererseits gerade das Überhandnehmen symbolischer Politik beklagt wird, weil sie die rationalen Grundlagen einer verständigungsorientierten Politik unterlaufe (Rohe 1994; Bohrer 1988, Meyer 992).

    Politische Symbolik und symbolische Politik sind zweierlei, ebenso Symbolpolitik und symbolische Politik, und diese selbst wiederum kann Unterschiedliches, ja selbst Gegensätzliches bezeichnen. Es macht wenig Sinn, schon den bloßen Gebrauch politischer Symbole oder gar von Symbolen in politischen Zusammenhängen symbolische Politik zu nennen. In diesem Falle wäre Politik immer symbolische Politik und das Besondere, das in einer spezifisch oder ausschließlich symbolischen Handhabung der Politik gesucht wird, ginge schon in der Wahl der Grundbegriffe verloren.

    Während politische Symbolik die Gesamtheit der politisch verwendeten Symbole, aber auch deren aktuellen politischen Gebrauch meint, und Symbolpolitik den politischen Versuch, auf deren Gehalt oder Verwendungsweise einzuwirken, ist symbolische Politik nicht politisches Handeln mit Symbolen, sondern als Symbol. Symbolische Politik braucht sich im Zweifel gerade keiner Symbole zu bedienen, weil sie selbst in die Rolle des Symbols schlüpft, wie beim Kniefall Willy Brandts vor dem Warschauer Ghetto Denkmal, bei der Rheinpassage des Landesumweltministers Töpfer oder der Hammer-und-Meißel-Aktion von Präsident Reagan an der Berliner Mauer.

    Auch symbolische Politik kann, je nachdem, was das symbolische Handeln repräsentiert oder zu repräsentieren vorgibt, um das es dabei stets geht, enthüllen oder verhüllen, jedoch ebenso enthüllen durch verhüllen wie verhüllen durch enthüllen. Die Verhüllung, die sich als solche gerade nicht zu erkennen gibt, sondern die Hülle zum Kern der Sache macht, indem sie die Differenz zwischen beiden verwischt, ist im Zeichen der fersehbestimmten Politikvermittlung zur herrschenden Form der Beziehung von Symbol und Politik geworden.

    Wir sehen eine Hülle, inszenierte Bilder der Selbstrepräsentation politischen Handelns, und meinen den verhüllten Gegenstand, den Vollzug der repräsentierten Tat, handgreiflich unter ihr zu erkennen. Weil aber das Medium, durch das wir schauen, nur Hüllen sichtbar machen kann, will die Enthüllung nicht mehr gelingen .

  3. Repräsentative Ästhetik: Verhüllende und Enthüllende Funktionen
  4. Gewiß, auch die Republik lebt nicht vom Diskurs allein. Auch sie bedarf der Symbole und Rituale, symbolischer Politik und repräsentativer Ästhetik. Das, was unausgesprochen die Gesellschaft verbindet , Überzeugungen und Traditionen, konstitutive Gemeinschaftserfahrungen und geteilte Gewohnheiten, Lebensstile und Umgangsformen, Bilder und Erinnerungen, Werte und Emotionen, bedarf der wiederholten Vergegenwärtigung im Gemeinschaftsleben. Das politische Gemeinwesen bedarf einer repräsentativen "ästhetischen Ausstattung" (Rohe 1994).

    Nun macht es aber einen gewaltigen Unterschied, ob die ästhetischen Formen, in denen das politische Gemeinwesen sich darstellt, denen kulturelle Grundlagen zum Ausdruck bringen und in diesem Sinne "repräsentativ" sind oder ob eine Gattung von "ästhetischen Inszenierungen" das Bild zu beherrschen beginnt, die einen Schein regsamer Tätigkeit vortäuschen, wo problemlösendes Handeln in Wahrheit unterbleibt: symbolische Politik als politisches Theater, Politik als ob.

    Die ältere Unterscheidung Edelman's zwischen Verdichtungssymbolen, die einen Sinn -oder Handlungszusammenhang zum Ausdruck bringen, und Verweisungssymbolen, die auf die Existenz eines Sachverhalts deuten, macht, trotz gewichtiger Abgrenzungsmängel, diesen Unterschied deutlich (Edelman 1976). Während symbolische Objekte oder symbolisches Handeln im ersten Falle eine tatsächliche Innenseite der politischen Kultur ästhetisch darstellen, können sie im zweiten Fall zur reinen Täuschung werden, nämlich immer dann wenn sie auf eine Geschehen verweisen, das in Wahrheit gar nicht stattfindet (Sarcinelli 1987; Edelma 1988; Meyer 1992).

    Um ästhetische Inszenierungen handelt es sich in beiden Fällen und zumeist auch um Darstellungen im Medium der Korporalität, also um den theatralisch organisierten Einsatz des Körpers als Mittel zur Beeinflussung der sinnlichen Wahrnehmung von Wirklichkeit. Während repräsentative Ästhetik als Politik des als ob verhüllt, nämlich die Ebene der politischen Tatsachen unkenntlich macht, kann sie als symbolische Versinnlichung der kulturellen Grundlagen der politischen Gemeinschaft gerade umgekehrt enthüllen, nämlich sichtbar machen, was das Zusammenleben trägt, ohne jederzeit im Blick sein zu können.

  5. Das Affektive und das Ästhetische
  6. Die Asymmetrie dieser beiden Formen repräsentativer Ästhetik, der Realrepräsentation und der Als-ob-Repräsentation, hat unter den Medienbedingungen der Gegenwart weitreichende Folgen auf der Wirkungsseite. Wegen der "besonderen Nähe zwischen dem Affektiven und dem Ästhetischen" ist die Inszenierung der Realrepräsentation kultureller Grundlagen des politischen Gemeinwesens auch dann geeignet, affektive Bindungen der Bürgerinnen und Bürger an ihre Republik zu nähren, wenn die Inszenierung als solche zu erkennen ist, sofern sie nur gut gemacht und authentisch ist. Die Paraden und die Tänze , die überall in Frankreich am 14. Juli vorgeführt werden, dienen gleichermaßen diesem Zweck. Anderswo sind es andere historische Ereignisse oder Erinnerungen, die den Anlaß bieten, und andere Formen der ästhetischen Vergegenwärtigung. Wirkungsweise und Zweck aber ähneln einander zumeist im entscheidenden Punkt. Sie stiften affektive Gemeinschaftserfahrungen durch gemeinsame Wahrnehmnungen inszenierter Ereignisse und gemeinsames Symbolhandeln. Freilich -und das ist ihr Risiko -können sie bei denen, die solche Ästhetik oder die auf diese Weise intensivierten Sinnzusammenhänge, ablehnen, auch besonders heftige Aversionen erzeugen.

  7. Das Kognitive und das Ästhetische
  8. Die besondere "Nähe zwischem dem Affektiven und dem Ästhetischen" wird unter den Medienbedingungen der Gegenwart für eine höchst bedeutsame Klasse symbolischer Inszenierungen auf problematische Weise ergänzt durch etwas, das in der Parallele eine besondere "Nähe des Kognitiven zum Ästhetischen" genannt werden kann. Es geht um kinematographische und fotografische Inszenierungen in den Massenmedien, die nicht als Inszenierungen auftreten, sondern den stillschweigenden Anspruch der Abbildung von Realität erheben und diesen Anspruch durch die ästhetische Form der Darstellung auch authentisch einlösen zu können scheinen.

    In diese Klasse repräsentativer Ästhetik gehören Pressefotos, die pseudo-events oder Als-ob-Handlungen von Politikern darstellen und sehr viel mehr noch deren Darstellungen mit den kinematographischen Mitteln des Fernsehens. Das besondere an ihnen ist, daß sie sich in aller Regel weder als Inszenierung noch als Diskurs zu erkennen geben, sondern durch die stillschweigende Suggestion der Darstellungsform wie authentische Abbilder auftreten (Eco 1972, Kepplinger 1987). Auch bei ihnen handelt es sich zwar unvermeidlich um Diskurse oder sogar um Inszenierungen, sie wirken aber auf den "naiven" Betrachter primär wie direkte Blicke auf unvermittelte Realität. Sie rufen die kulturell konventionalisierten Wahrnehmungsschemata im Betrachter auf dieselbe Weise ab, wie dies beim medial unvermittelten Wahrnehmungsvorgang geschieht (Eco 1972).


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