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Die Texte sind dem Buch "Kunst, Symbolik und Politik" der KULTURBOX (1995) entnommen

Russische Soldaten vor dem Reichstag
Archiv Cullen
Politische Symbolik und symbolische Politik sind zweierlei, ebenso Symbolpolitik und symbolische Politik, und diese selbst wiederum kann Unterschiedliches, ja selbst Gegensätzliches bezeichnen. Es macht wenig Sinn, schon den bloßen Gebrauch politischer Symbole oder gar von Symbolen in politischen Zusammenhängen symbolische Politik zu nennen. In diesem Falle wäre Politik immer symbolische Politik und das Besondere, das in einer spezifisch oder ausschließlich symbolischen Handhabung der Politik gesucht wird, ginge schon in der Wahl der Grundbegriffe verloren.
Während politische Symbolik die Gesamtheit der politisch verwendeten Symbole, aber auch deren aktuellen politischen Gebrauch meint, und Symbolpolitik den politischen Versuch, auf deren Gehalt oder Verwendungsweise einzuwirken, ist symbolische Politik nicht politisches Handeln mit Symbolen, sondern als Symbol. Symbolische Politik braucht sich im Zweifel gerade keiner Symbole zu bedienen, weil sie selbst in die Rolle des Symbols schlüpft, wie beim Kniefall Willy Brandts vor dem Warschauer Ghetto Denkmal, bei der Rheinpassage des Landesumweltministers Töpfer oder der Hammer-und-Meißel-Aktion von Präsident Reagan an der Berliner Mauer.
Auch symbolische Politik kann, je nachdem, was das symbolische Handeln repräsentiert oder zu repräsentieren vorgibt, um das es dabei stets geht, enthüllen oder verhüllen, jedoch ebenso enthüllen durch verhüllen wie verhüllen durch enthüllen. Die Verhüllung, die sich als solche gerade nicht zu erkennen gibt, sondern die Hülle zum Kern der Sache macht, indem sie die Differenz zwischen beiden verwischt, ist im Zeichen der fersehbestimmten Politikvermittlung zur herrschenden Form der Beziehung von Symbol und Politik geworden.
Wir sehen eine Hülle, inszenierte Bilder der Selbstrepräsentation politischen Handelns, und meinen den verhüllten Gegenstand, den Vollzug der repräsentierten Tat, handgreiflich unter ihr zu erkennen. Weil aber das Medium, durch das wir schauen, nur Hüllen sichtbar machen kann, will die Enthüllung nicht mehr gelingen .
Nun macht es aber einen gewaltigen Unterschied, ob die ästhetischen Formen, in denen das politische Gemeinwesen sich darstellt, denen kulturelle Grundlagen zum Ausdruck bringen und in diesem Sinne "repräsentativ" sind oder ob eine Gattung von "ästhetischen Inszenierungen" das Bild zu beherrschen beginnt, die einen Schein regsamer Tätigkeit vortäuschen, wo problemlösendes Handeln in Wahrheit unterbleibt: symbolische Politik als politisches Theater, Politik als ob.
Die ältere Unterscheidung Edelman's zwischen Verdichtungssymbolen, die einen Sinn -oder Handlungszusammenhang zum Ausdruck bringen, und Verweisungssymbolen, die auf die Existenz eines Sachverhalts deuten, macht, trotz gewichtiger Abgrenzungsmängel, diesen Unterschied deutlich (Edelman 1976). Während symbolische Objekte oder symbolisches Handeln im ersten Falle eine tatsächliche Innenseite der politischen Kultur ästhetisch darstellen, können sie im zweiten Fall zur reinen Täuschung werden, nämlich immer dann wenn sie auf eine Geschehen verweisen, das in Wahrheit gar nicht stattfindet (Sarcinelli 1987; Edelma 1988; Meyer 1992).
Um ästhetische Inszenierungen handelt es sich in beiden Fällen und zumeist auch um Darstellungen im Medium der Korporalität, also um den theatralisch organisierten Einsatz des Körpers als Mittel zur Beeinflussung der sinnlichen Wahrnehmung von Wirklichkeit. Während repräsentative Ästhetik als Politik des als ob verhüllt, nämlich die Ebene der politischen Tatsachen unkenntlich macht, kann sie als symbolische Versinnlichung der kulturellen Grundlagen der politischen Gemeinschaft gerade umgekehrt enthüllen, nämlich sichtbar machen, was das Zusammenleben trägt, ohne jederzeit im Blick sein zu können.
In diese Klasse repräsentativer Ästhetik gehören Pressefotos, die pseudo-events oder Als-ob-Handlungen von Politikern darstellen und sehr viel mehr noch deren Darstellungen mit den kinematographischen Mitteln des Fernsehens. Das besondere an ihnen ist, daß sie sich in aller Regel weder als Inszenierung noch als Diskurs zu erkennen geben, sondern durch die stillschweigende Suggestion der Darstellungsform wie authentische Abbilder auftreten (Eco 1972, Kepplinger 1987). Auch bei ihnen handelt es sich zwar unvermeidlich um Diskurse oder sogar um Inszenierungen, sie wirken aber auf den "naiven" Betrachter primär wie direkte Blicke auf unvermittelte Realität. Sie rufen die kulturell konventionalisierten Wahrnehmungsschemata im Betrachter auf dieselbe Weise ab, wie dies beim medial unvermittelten Wahrnehmungsvorgang geschieht (Eco 1972).