Alle Texte © 1995 KULTURBOX - © 1999 Zentral- und Landesbibliothek Berlin
Die Texte sind dem Buch "Kunst, Symbolik und Politik" der KULTURBOX (1995) entnommen

1994, Idee einer neuen Kuppel,Montage
© Richard Davies
Die Begriffe Zeichen und Symbol werden häufig synonym verwendet, und vor allem mit dem Symbol geht ein ungenauer Sprachgebrauch einher. Wie schwierig sich eine Definition dieser Begriffe gestaltet, zeigt allein schon die blitzlichtartige Aufzählung der historischen Momente, die der Reichstag erlebt hat und für die er als Symbol steht. Schon der seinerzeitige Fachmann auf dem Gebiet der Herrschaftszeichen, Percy Ernst Schramm, warnte vor dem inflationären Gebrauch dieses Begriffs und empfahl, ihn durch einen Zusatz zu präzisieren, wie etwa bei Rechts- und Staatssymbolen.(1) Letztere vermögen den Staat zu vertreten, sie machen seine legitime Herrschaft sichtbar. An ihnen läßt sich nach Schramm ablesen, von welcher "Art" dieser Staat ist. So weisen Krone, Zepter und Reichsapfel den Monarchen gegenüber dem Volk als souveränen Herrscher aus. Was aber, wenn es sich bei diesem Souverän um das Volk selbst handelt?
Offenkundig geht es hierbei darum, dem jeweiligen Gegenüber die Legitimität der Herrschaft deutlich zu machen, ja sie zu "zeigen". Den Zeichen wird also eine Botschaft mitgegeben, sie stehen für etwas. Das aber ist eines der Merkmale, die zu einem Kommunikationsprozeß gehören: Ein Sender oder Kommunikator (hier der Staat) vermittelt einem Adressaten oder Rezipienten (hier dem Volk) eine Botschaft (die Rechtmäßigkeit seiner Herrschaft und der damit verbundenen Werte und Normen) mit dem Ziel, die Anerkennung und Zustimmung der Beherrschten zu gewinnen. Diese Prozesse, die zwischen einzelnen und auch zwischen Gruppen stattfinden, sind Gegenstand der Kommunikationstheorie. Mit dem Medium, das zur Übertragung dieser Botschaft nötig ist, befassen sich zum Beispiel die Informationstheorie und - wenn es sich um ein Kunstwerk handelt - die Informationsästhetik. Da man in diesen Prozessen auch Regelkreise mit einer Rückkopplung sehen kann (die Herrscher wollen ja als Antwort auf ihre Botschaft eine wie auch immer geartete Bestätigung ihrer Herrschaft), ist auch die Kybernetik beteiligt. Um aber zu gewährleisten, daß die Kommunikationspartner einander verstehen, müssen sie die "gleiche Sprache" sprechen, informationstheoretisch ausgedrückt, müssen sie über einen gemeinsamen Zeichenvorrat, ein wenigstens teilweise gleiches Repertoire an Zeichen verfügen. Aber nicht genug damit, diese Zeichen sind durch ihre Anordnung auch noch verschlüsselt, und um die Nachricht wiederum zu entschlüsseln, ist es nötig, den benutzten Code zu kennen.
Sind diese Bedingungen nicht erfüllt, so kann es geschehen, daß ein Zuviel an Information transportiert und die Botschaft nicht mehr verstanden wird. Was eine Aussage für den Adressaten tatsächlich erst zur Information macht, ist ihr Neuigkeitswert, die Unvorhersehbarkeit und Unwahrscheinlichkeit ihres Eintreffens. Findet er aber in seinem Zeichenvorrat nicht genug Anschlußfähigkeit an die jeweilige Aussage des Absenders vor und verfügt er auch nicht über den nötigen Schlüssel zum Entziffern dieser Zeichen, so ist die Botschaft nicht mehr verständlich. Sie enthält zu viel Information und zu wenig Redundanz, zu wenig an Bekanntem, um sie einzuordnen. Solche Gemeinsamkeiten des Repertoires ergeben sich unter anderem aus dem historisch-gesellschaftlichen Kontext, in dem die Kommunikation abläuft, also auch aus den kulturellen, politischen, ökonomischen und sozialen Bedingungen. Dieser Kommunikationsprozeß ist überdies von Raum und Zeit abhängig und somit Veränderungen unterworfen. Die Frage muß also lauten: Welche Absicht verbanden die Erbauer des Reichstages mit diesem Gebäude? Was galt er den zeitgenössischen Rezipienten - in Berlin, andernorts? Wofür stand er den Kommunikatoren und Rezipienten in der Zeit der jeweils mit ihm verbundenen Ereignisse? Wofür steht er heute? Und deckten sich die jeweiligen Repertoires nicht nur der Sender und Empfänger miteinander, sondern auch der Empfänger untereinander? Gab es jeweils einen einheitlichen Kommunikator?
Um diese Fragen genauer beantworten zu können, lohnt ein Rückgriff auf die Zeichentheorie. In einem Kommunikationsprozeß existiert ein Zeichen nicht als solches, ist also kein Ding, sondern eine Beziehung zwischen drei Elementen: einem Objekt, für das es steht, das es bezeichnet, einem Mittel, mit dessen Hilfe es das tut, also einem materiellen Zeichenträger, sowie jemandem, der dieses Zeichen interpretiert. Auch das Zeichen will etwas mitteilen, will informieren, und seine drei Elemente sind weitgehend identisch mit den oben genannten drei Elementen des Kommunikationsprozesses. Sie erlauben aber eine genauere Nachfrage innerhalb der einzelnen Elemente und damit ihrer Beziehung untereinander.
Macht man sich dabei bewußt, daß jedes dieser drei Elemente selbst wiederum in drei Untergruppen unterteilt ist, so wird verständlich, daß es sich hierbei um eine vielschichtige hierarchische Struktur handelt, innerhalb derer vielfältige wechselseitige Prozesse stattfinden. In seiner Gesamtheit, das heißt in seinem komplexen Gefüge haben wir es hier mit einem sogenannten Superzeichen zu tun, dessen Ebenen (etwa bei einem Kunstwerk) zwischen einem Farbfleck auf der Leinwand und seiner Identifizierung als (gar noch bekanntem) Gegenstand liegen. Beim Reichstag entspricht dies der Relation zwischen den verwendeten Steinen und seiner Interpretation als Domizil der Volksvertreter. Tatsächlich hat es ja wohl auch heftige Debatten "über die in großen Mengen zu verbauenden "edlen" Materialien" (Cullen/Kieling 1992: 50) gegeben.
Auf dieser materialen Zeichenebene, dem Mittelbezug, geht es um die sinnlich wahrnehmbaren Zeichenelemente, um ihre Anordnung und strukturelle Verknüpfung, das heißt die Syntax. Dabei entspricht diese Struktur dem verwendeten Code. Inwieweit diese Aspekte auch und gerade beim Reichstag eine nicht geringe Rolle spielen, läßt sich beispielsweise an dem dokumentierten Konflikt um die Krönung des Baus durch eine Kuppel und die dafür verwendeten Materialien Stein oder Glas belegen. Es ist leicht einzusehen, daß sich der Unterschied im Material auch in einer unterschiedlichen Wirkung und damit einer jeweils anderen Aussage über seine Zweckbestimmung niederschlägt. Auch die bei dieser Kontroverse strittige Frage der Plazierung der Kuppel, die sich hauptsächlich zwischen dem Architekten und dem von rechts wegen gar nicht zuständigen Kaiser abspielte, macht die Bedeutsamkeit dieser strukturellen Momente für den gesamten Kommunikationsprozeß deutlich. Diese scheinbar formalen Gesichtspunkte erhielten gerade beim Reichstag einen besonderen Stellenwert: Das Bild der brennenden Glaskuppel war es, das 1933 das Ende der Demokratie anzeigte, und die Frage einer krönenden Kuppel ist bei allen Umbau- und Ausbaumaßnahmen bis in die Gegenwart aktuell geblieben.