Alle Texte © 1995 KULTURBOX - © 1999 Zentral- und Landesbibliothek Berlin
Die Texte sind dem Buch "Kunst, Symbolik und Politik" der KULTURBOX (1995) entnommen

Vorsicht ist geboten, wenn die Verfechter eines Vorhabens zu verhüllenden Vokabeln greifen. "Verhüllung" suggeriert etwas, das feierlicher ist als eine profane "Verpackung".
Wer entscheidet, ob es das eine oder das andere ist? "In Christos Verhüllungsvorhaben wird ästhetisch-symbolisch der Deutungsraum der deutschen Demokratiegeschichte mit dem Erwartungsraum der zweiten deutschen Nachkriegsrepublik verbunden." - heißt es in einem Exposé zu dieser Schrift. Das ist Wortgeklingel, bedeutungsschwer und inhaltslos. Was will der Dichter uns damit sagen? Daß hier ein bedeutendes Ereignis ins Werk gesetzt wird, das dem Publikum nicht nur die Sprache, sondern auch das Denken verschlagen soll, gewaltig, unergründlich in seiner Gedankentiefe, wirklich deutsch.
Im Vorfeld der Diskussion über den Antrag des Herrn Christo Javacheff, das Reichstagsgebäude mit einer besonderen silberbeschichteten Kunststoffplane verpacken zu dürfen, ist man sorgfältig den wechselnden Begründungen nachgegangen, mit denen der Antragsteller seinen Wunsch ideologisch überhöht hat. Sie wechselten flexibel mit der politischen Lage. Einmal war es der Gedanke, daß man auf diese Weise den Abschluß einer unglücklichen Geschichte symbolisieren könne, ein anderes Mal war es die Symbolisierung des Neuanfanges. Gelegentlich hat der Künstler geäußert, was ihn wohl mehr interessiert als seine Anhänger: Es sei eben ein ästhetisches Vergnügen.
Mir kommt es nicht darauf an, ob die Hervorbringungen Javacheffs als Kunst zu betrachten sind. Was hat man nicht schon alles als Kunst betrachtet! Die jeweiligen Jünger bezeichnen jeden als Banausen, der die Werke des jeweiligen Meisters nicht erkennt. Dabei verfällt der Kritiker um so tiefer der Verachtung, je mehr man sich anstrengen muß, das Künstlerische des jeweiligen Oeuvres zu entdecken. Am leichtesten tut man sich darum, wenn man eben alles als Kunst bezeichnet, was nicht natürlichen Ursprungs ist, auch wenn man damit den Unterschied zur Gebrauchsgraphik und zum Warenmuster einebnet. Hat etwa nicht, in der Tat, Warhol gelehrt, daß eine Campbell-Büchse und eine Cola-Flasche zu einem künstlerischen Ereignis werden können, jedenfalls, wenn man sie so sieht wie Warhol? Zur Kunst gehört, für so konservative Menschen wie mich, die Beherrschung der Form und die künstlerische, eigenschöpferische Leistung. Gehört eine Verpackung dazu? Das kann sein. Betrachtet man japanische Geschenkpackungen, dann können sie gelegentlich einen ebenso großen Reiz ausüben wie ein gelungenes Ikebana-Gesteck. Sie entfalten ein Eigenleben, das mit dem verpackten Gegenstand nichts mehr zu tun hat, von dem sie sich auch äußerlich völlig lösen. Sie haben mit ihm nichts mehr zu tun. Christo Javacheff tut nichts dergleichen. Seine Verpackungen, ob es der Pont Neuf war oder der Reichstag sein wird, entfalten ein Eigenleben allenfalls damit, daß sie die Architektur des verpackten Gebäudes annehmen, sie sozusagen zitieren, und zwar durchaus unselbständig. Ist das Kunst oder Gebrauchsgraphik? Es ist mir egal.
Die Diskussion in den Fraktionen ging andere Wege. Natürlich waren dort moderne Jünger und von ihnen als verstockt betrachtete Nichtjünger. "Sie mit Ihren Clarenbachs." "Haben Sie damals nicht auch daran mitgewirkt, als Beuys entlassen wurde? Kulturschande." Da war der bekannte Berliner Abgeordnete, der fröhlich lächelnd vorrechnete, welchen Aufschwung der Tourismus in Berlin nehmen würde, von Leuten, die das dann sehen wollten. Da war der ostdeutsche Abgeordnete, der sich schließlich von dem Argument überzeugen ließ, die Plane werde in einer ostdeutschen Werkstatt hergestellt, "und das gibt doch schließlich Arbeitsplätze, oder?". Da war die Haushälterin, die beeindruckt zur Kenntnis nahm, das würde die öffentliche Hand nichts kosten, nicht im Bund und nicht in Berlin, nein, das werde alles privat finanziert - ein Argument würdig jeder kapitalistisch organisierten Gesellschaft. Kunst, und dann noch gratis! Schließlich kommt das sogar billiger als die bekannten Projekte "Kunst am Bau". Nein, dieser sympathische Künstler und seine nette Frau, und so tüchtig ist sie. Stimmt ja auch. Und wenn die Plane wieder weg ist, dann hat sich doch nichts verändert. "Sie brauchen sich das ja nicht anzusehen." Das Gebäude wird ja schließlich nicht beschädigt. Nein, der Umzugstermin wird nicht beeinträchtigt.
Und hinter diesem ganzen Geplätscher steckte noch etwas, und das war viel ernster. Das liegt nicht in der Plane des Herrn Javacheff, genannt der Verpackungskünstler Christo, sondern in den Köpfen der Betrachter. Es ist die Frage, ob dieses Gebäude für ein privates Vergnügen zur Verfügung stehen darf und ob das Vergnügen der einen so wichtig ist, daß man die Verletzung der Gefühle der anderen dafür in Kauf nehmen dürfe.
Im antiken Recht, das durchaus Sinn für Würde und Symbolik hatte, gab es die res extra commercium, den Gegenstand, der für die Geschäfte des täglichen Lebens um seiner selbst willen nicht zur Verfügung steht. Gehört der Reichstag dazu?
Unter den Mitgliedern der Baukommission des Bundestags gibt es einen Abgeordneten mit heftiger,aber glückloser Liebe zur Architektur, der bei jeder Gelegenheit über das Gebäude Wallots herzieht, es als bombastisches Werk wilhelminischer Grosmannssucht im säuerlichen Preussen schmäht und damit nur seine eigene Geschichtslosigkeit enthüllt, sein kleinliches Ressentiment gegen die Wahl Berlins als Sitz des Bundestages. Natürlich, das Bundestagsgebäude Behnischs ist ohne Bundestag von geringem Wert, äußerlich ohnehin kaum vom Haupteingang der Central Station oder des Sitzes einer Versicherungsgesellschaft zu unterscheiden, innerlich ein später Triumph des funktionsvortäuschenden Manierismus. Warten wir mal auf das Urteil der Architekten in 100 Jahren.
Natürlich hat Wallot im Stil seiner Zeit gebaut, wie denn sonst? Und das Gebäude mußte jenseits des Brandenburger Tors errichtet werden, mit der Front vom Machtzentrum des Reiches und Preußens abgewendet. Von der Schrift "Dem Deutschen Volke" bis zur Ausrufung der Republik durch Scheidemann ist es ein steinernes Symbol des schließlich erfolgreichen Kampfes um eine parlamentarische Demokratie geworden. In ihm haben August Bebel und Hugo Preuss, Walther Rathenau und Friedrich Ebert, Philipp Scheidemann und Theodor Heuss gestritten, dort haben Göring und Hitler gebrüllt. Der Brand, für den Marinus van der Lubbe sein Leben ließ, kennzeichnete das Ende von Demokratie und Menschlichkeit. Die Rote Fahne auf seinem Dach markierte das Ende des Zweiten Weltkriegs. Es gibt außer der Paulskirche kein Gebäude, das so wie der Reichstag Glanz und Elend der deutschen Geschichte unserer Zeit repräsentiert.
Natürlich kann man sich fragen, ob die Entscheidung richtig war, den Deutschen Bundestag dort einziehen zu lassen, und ob nicht statt dessen ein Parlamentsgebäude dort neu hätte errichtet werden sollen, wo das Berliner Stadtschloß der Hohenzollern stand, auf Ulbrichts Aufmarschplatz, unter Beseitigung des Hauses der Volkskammer, von den Berlinern "Erichs Lampengeschäft" genannt. Aber drei deutsche Parlamentsgebäude? Das hätte der Bund der Steuerzahler nie akzeptiert.
Also, bleibt zu fragen: Ist der Reichstag eine res extra commercium, nicht verfügbar für privates Vergnügen?
Ja, so ist es. Das sollte nichts anderes sein, als wenn es um die Verpackung des Capitols in Washington, des Parliament Buildung in London oder des ehrwürdigen Palais Bourbon ginge, in dem seit 1795 die Assembleé National tagt. Wäre ein Kunstmuffel, wer sie ablehnte? Und, würde es vielleicht einen Unterschied machen, wenn es sich denn um den Kölner Dom, Westminster Abbey oder Notre Dame handelte?
Die Entscheidung des Deutschen Bundestages, die Verpackung des Reichstags zuzulassen, war falsch. Sie ist eigentlich unverzeihlich. Das richtet sich nicht gegen Christo. Der will sein Projekt verwirklichen und braucht historische Skrupel nicht zu haben. Man erwartet ja auch nicht von einem Metzgerhund, daß er sich einen Wurstvorrat anlegt. Es wäre gegen seine Natur. Aber die Mehrheit des Bundestages hat nach Motivation und Ergebnis ein Bild geboten, das im höchsten Maße unerfreulich war. Und das wird durch verbale Verhüllungen nicht besser: "In der Diskussion über symbolische Repräsentation und politische Symbolik treffen unterschiedliche Konzeptionen und Sichtweisen über das Selbstverständnis der zweiten deutschen Nachkriegsrepublik aufeinander." Wieso der zweiten? Aber im übrigen ist das in der Tat das mindeste, was man dazu sagen kann.