KULTURBOX (1993-1999) Das Archiv ZLB-Projekte

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Die Texte sind dem Buch "Kunst, Symbolik und Politik" der KULTURBOX (1995) entnommen


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Dan Diner

Zum Selbstverständnis der zweiten deutschen Nachkriegsrepublik

1990, Vor der ersten Sitzung
des gesamtdeutschen Parlaments
© Ullstein Bilderdienst

    Es kann inzwischen als Allgemeingut gelten: Im Bewußtsein der Zeitgenossen steht das Jahr 1989 für einen tiefen Einschnitt - für eine als solche erfahrene Epochenwende. In der Tat: Das Jahr 1989 ist von periodisierender Bedeutung. Die Historiker nehmen sich seiner an, um die Zeitläufte zu erwägen. Sie durchmessen die zeitlichen Räume neu und suchen ihnen mittels Perisodisierung Sinn abzugewinnen. Dies gilt nicht nur für eine urplötzlich zur Geschichte gewordene Gegenwart. Auch vorausgegangene Zeiten, längst abgegolten und abgelegt, eröffnen sich neuerlicher Ausdeutung. Eine schiere Binsenwahrheit - und dennoch von schlagender Evidenz: Wie sich die Zukunft neu öffnet, so wandelt sich auch die Vergangenheit.

    Von der mit dem Jahre 1989 verbundenen Ereignisfolge scheint eine eigentümliche Wirkung auszugehen: Anfänglich war gleichsam bescheiden vom Ende der auf 1945 folgenden Epoche die Rede gewesen. Doch bald wurde weiter zurückgegriffen. Es war offensichtlich geworden: Mit der Öffnung historischer Räume wird die scheinbare Wiederkehr von mit jenen Räumen verbundenen historischen Zeiten evoziert. Solche Evidenz drängt sich in Europa geradezu auf. Die Auflösung der Tschechoslowakei und das Auseinanderbrechen Jugoslawiens insinuiert etwa eine Revision von 1919. Mit den Kämpfen auf dem Balkan und im Kaukasus scheint sich die Räumlichkeit der Orientalischen Frage aufs Neue zu öffnen. Die Frage nach der kulturellen und mithin politischen Zugehörigkeit Rußlands zum Westen ist ebenso traditionell wie aktuell.

  1. Wiederkehr der Geschichte?
  2. Überhaupt ist von der Wiederkehr der Geschichte als dem Wiederaufleben vergangener Zeiten allenthalben die Rede. Solche Sinnestäuschung ist von gleichsam palimpsestischer Wirkung: So, wie Papyri oder Pargamentvorlagen mehrfach beschriftet sein können oder wie Restaurationsarbeiten an Fresken Bilder verdeckter Schichten freilegen, leben Gedächtnisräume auf, die von der Erinnerung längst archiviert schienen. Dies mag mit der Resistenz von Realien in Verbindung stehen, die der Schmelze einer gefrorenen Zeit entweichen. Sie scheinen bestrebt, ihr der Vergangenheit zugeschriebenes Eigenleben fortzusetzen - den Erfahrungskontext des 20.Jahrhunderts gleichsam hintenanstellend. Solche Wirkungsmacht historischer Realien munitioniert sich aus dem Arsenal historizistischer Wirkungsmacht. Und diese wiederum ist dem 19.Jahrhundert geschuldet - der Prägeanstalt dessen, was gemeinhin unter Geschichte verstanden wird. Insofern zieht das 19. Jahrhundert auch ihm weit vorgelagerte Zeiten an sich, um sie nach seinem Bilde zu historisieren.

    Die Gegenwärtigkeit von Geschichtsbildern des 19. Jahrhunderts ist unübersehbar - freilich bei Verlust des jenem Saekulum eigenen Telos von Fortschritt. Manche - vornehmlich in Deutschland - machen insofern von sich Reden, als sie das 20.Jahrhundert seiner vom Land der Mitte ausgegangenen Katastrophengeschichte wegen förmlich abzuschreiben suchen, um an jenen Anfängen deutscher Nationalstaatlichkeit anzuknüpfen, wo alles noch möglich schien.

  3. Die Wiederkehr nationaler Deutungsmuster
  4. In der Tat: Nationale Deutungsmuster werden wieder virulent. Das gilt für die Politik ebenso wie für neu auflebende Tendenzen in der Geschichtswissenschaft. Das hat seinen guten, zumindest realen Grund: Schließlich ist Deutschland seit 1989/90 wieder Nationalstaat. Die alte Bundesrepublik hingegen war der Teilung wegen bloß Gesellschaft gewesen. In einem weltweit ausgreifenden bürgerkriegsähnlichem Verhältnis stand ihr wiederum ein Gemeinwesen entgegen, das sich ganz jenseits der Nation geschichtsphilosophisch auf den vermeintlichen Triumph einer Klasse mit universalhistorischer Mission zurückführte. Der Niedergang, ja der plötzliche Zusammenbruch jener vorgeblichen geschichtsphilosophischen Evidenz führte zur schieren Auflösung der DDR. Schließlich war sie das einzige Gemeinwesen im Block des politischen Ostens gewesen, das jenseits des Gesellschaftlichen über keine andere, sprich: nationale Legitimation verfügte.

    Löste sich die DDR im Prozeß der Vereinigung auf, so büßte die alte Bundesrepublik auf dem Wege zu Deutschland erhebliches legitimatorisches Potential ein. Auch wenn solche Verwandlung ganz ohne Dramatik erfolgt und sich unmittelbarem Augenschein entzieht, erfolgt sie nichtsdestotrotz. Die historischen Legitimationsräume der alten Bundesrepublik verfallen gleichsam unmerklich, lautlos. Ihr antitotalitärer Pathos, der Entgegensetzung zur antifaschistischen Legitimation der vergangenen DDR geschuldet, armierte sich über vierzig Jahre in der Ausdeutung der Weimarer Zeit. Der Historiographie über Weimar, der Interpretation der Ersten Republik, kam gleichsam die Bedeutung einer Supraverfassung zu, unter deren Zuhilfenahme das Bonner Grundgesetz und damit die Institutionen des Gemeinwesens sich historisch begründeten. Zwar ist das alte Grundgesetz der Bundesrepublik auch als Verfassung Deutschlands über jeden Zweifel erhaben - aber die historischen Zeiten, aus denen sie ihre historische Legitimität schöpfte, sind in ihrer lebendigen Bedeutung entschwunden. Das Gemeinwesen sucht seine grundlegende Verankerung nicht mehr in der Verfassung und den politischen Werten allein. Es stellt vielmehr Fragen nach seiner Identität und den Attributen von Zugehörigkeit. Kurz: Es sucht eine neuerliche Verankerung im Raum des Nationalen, in der Geschichte.

    Das Verständnis von der alten Bundesrepublik als einem ausgesprochen gesellschaftlich konstituierten Gemeinwesen schlug sich nicht zuletzt in historischer Methodenwahl wie in der Wahl der historischen Gegenstände nieder. Nicht umsonst gelang der sozialhistorischen Schule in den siebziger Jahren der Durchbruch in Sphären der Dominanz. Nun - so scheint es jedenfalls - verschieben sich die Gewichte. Der durch die Wende von Gesellschaft zu Nation eingeleitete Wandel drängt auch historiographisch zu einem Wechsel des Paradigmas: eben jenem Wechsel von Gesellschaft zu Nation.


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