Wigbert Benz, Paul Carell. Ribbentrops Pressechef Paul Karl Schmidt vor und nach 1945. Berlin, Wissenschaftlicher Verlag Berlin 2005. 112 S., € 16,80.
Sven Felix Kellerhoff, Hitlers Berlin. Geschichte einer Haßliebe. Berlin, be.bra 2005. 223 S., € 19,90.
Die Feuerwehr hatte den am 27. Februar 1933 aufgeflammten Reichstagsbrand bald nach Mitternacht gelöscht; als Thema historisch-politischer Kontroversen um Brandstifter und Hintergründe - waren es die Nazis, oder war es der Holländer van der Lubbe allein? - schwelt er bis heute weiter. In den letzten Jahren entfachten ein unter Beteiligung des Rezensenten entstandener Aufsatz (Der Reichstagsbrand in neuem Licht, in: HZ 269, 1999, 603-651) und ein Buch der Mitautoren Bahar und Kugel (Der Reichstagsbrand. Wie Geschichte gemacht wird. Berlin 2001) neue Diskussionen, weil sie nachwiesen, daß die 1959/60 im "Spiegel" und 1962 als Buch veröffentlichten angeblichen Beweise von Fritz Tobias für eine Alleintäterschaft ein Resultat der Manipulation von Dokumenten und Zeugenaussagen waren. Hinzu kamen von Hersch Fischler publizierte Aktenfunde im Institut für Zeitgeschichte (IfZ). Sie beleuchteten, wie im IfZ eine kritische Analyse der Tobias-Darstellung unterdrückt wurde. Vorschläge dazu, die der damalige IfZ-Mitarbeiter Hans Mommsen 1962 niedergeschrieben hatte, nannte die heutige IfZ-Leitung 2001 in einer Stellungnahme "unter wissenschaftlichen Gesichtspunkten völlig inakzeptabel" (VfZ 49, 2001, 555.)
Neben einer Reihe weiterer Beiträge in Zeitungen und Zeitschriften sowie einem Fernsehfilm zum 70. Jahrestag des Reichstagsbrandes liegen jetzt mehrere neue, umfangreichere Publikationen zum Thema vor:
Dazu eine kurze Bemerkung: Der Journalist (Die Welt/Berliner Morgenpost) beharrt auf der angeblich unbezweifelbaren Alleintäterschaft van der Lubbes und darauf, daß die "Legende (...), SA-Leute seien die eigentlichen Brandstifter gewesen", auf "Fälschungen" beruhe. Das ist der Lektüre-Stand des Jahres 1986. Damals hatte der Berliner Historiker Henning Köhler diese alte, zuerst von Karl-Heinz Janßen 1979 in der "Zeit" aufgestellte und längst widerlegte Fälschungs-Behauptung noch einmal breit ausgemalt.
Zurück zu den Anfängen der Kontroverse: Das IfZ hatte nach der "Spiegel"-Serie zunächst das Naheliegende getan und mit Hans Schneider einen für den Zeitraum sachkundigen Historiker mit einem Gutachten beauftragt. Aber dann war Schneider 1962 plötzlich nicht mehr genehm. Die Aufklärung dessen, was damals geschah, um Schneiders Kritik an Tobias zu unterdrücken, bleibe bis heute für das Institut wie für Mommsen eine "Bringschuld" - folgert Wolf-Dieter Narr in seinem Beitrag zur Schneider-Publikation (S. 214).
Offen sind noch viele Fragen: Was waren die "allgemeinpolitischen Gründe", aus denen laut der (auf S. 231-234 nachzulesenden) Aktennotiz Mommsens von 1962 "eine derartige Publikation unerwünscht zu sein scheint"? Wieso konnte Schneiders Aufdeckung der Tobias-Manipulationen anderswo, "eventuell in Illustriertenform", dem IfZ-"Ansehen (... ) höchst abträglich sein"? Woher kam dieser politische Druck? Wer und was brachte das Institut und Hans Mommsen dann dazu, einen mit Tobias' Alleintäter-Behauptung "bis auf kleine Abweichungen" übereinstimmenden Aufsatz zu publizieren (VfZ 12, 1964, 351-413), in dem Mommsen "die mir unbegreifliche Ansicht Schneiders" zurückwies, "Tobias habe eine ‚objektive Verfälschung des Tatbestandes' vorgenommen"? Zuvor hatte der damalige IfZ-Chef Krausnick in einem Schreiben vom 30. 9. 1963 (zitiert im Beitrag Fischler, S. 51) Mommsen nachdrücklich auf massive Einflußversuche und Drohungen hingewiesen, mit denen Tobias unter Ausnutzung seiner Position als Verfassungsschutz-Beamter gegen Kritiker vorzugehen pflegte.
Bekannt ist, daß zu Tobias' Hauptzeugen und Helfern zahlreiche ehemalige Funktionsträger des NS-Regime gehörten, die nach dem Kriege bestrebt sein mußten, frühere Taten und alten Ungeist zu verbergen. Einer von ihnen war Paul Karl Schmidt alias "Paul Carell". Im "Spiegel" (zu dessen Redakteuren und Autoren etliche frühere NS Funktionäre gehörten) war er, wie Wigbert Benz in seiner Studie zeigt, nicht nur spätestens seit Anfang 1957 erster Bearbeiter des Tobias-Manuskripts, sondern schon am 16. Januar 1957 hatte er die Alleintäter Behauptung dort in einer anderen Serie lanciert. Benz greift zudem auf, daß Schmidt in einem Papier vom 27. Mai 1944 weitreichende Vorschläge dafür gemacht hatte, die geplanten Judendeportationen aus Budapest propagandistisch abzusichern, indem man zuvor "äußere An lässe (...) schafft" und den Juden zuschreiben solle: etwa Sprengstofffunde und Umsturzpläne. "Schlußstein [ ... ] müßte ein besonders krasser Fall sein", dem dann die "Großrazzia" folge. - Das liest sich wie eine modifizierte Kopie der Reichstagsbrand-Inszenierung nebst anschließender Verfolgungswelle.
Noch ein Blick in die Gegenwart: Nach der Distanzierung von 2001 publizierten die VfZ 2002 zum Fall Mommsen/Schneider ein Stellungnahme von Hersch Fischler/Gerhard Brack (50. Jg., S. 329-334) mit Zitaten aus den Instituts-Akten. Ergänzend erschien 2005 ein Artikel (VfZ 53, 2005, 617-632), in dem Fischler die Unhaltbarkeit von Zeitablaufs-Berechnungen nachwies, die 30 Jahre zuvor Alfred Berndt ebendort (VfZ 23, 1975, 77-90) zur Verteidigung der Alleintäterschaft van der Lubbes angestellt hatte. Das ist in der Sache nicht neu, unterstreicht aber ein Abrücken des IfZ von der einseitigen Verteidigung der Tobias-Mommsen-Linie.
Der Versachlichung der Diskussion könnte das zweifellos nützen ganz im Sinne eines (nicht ganz neuen) Zitats aus den VfZ: "(...) wo die Forschung in reine Kriminaluntersuchung mündet und die Aufklärung und Argumentation mit psychiatrischen und pyrotechnischen Gutachten oder mit den Ergebnissen kriminalpolizeilicher Tatortbesichtigungen und ähnlichen Befunden zu tun hat, steht der Historiker bisweilen vor einer Grenze seines Faches. Er wird dann vor allem darauf zu sehen haben, daß keine Quelle möglicher Erkenntnis unberücksichtig oder vernachlässigt bleibt, und er wird Kritik zu üben haben, wo apodiktische Urteile auf einer nicht wirklich gesicherten Grundlage aufgebaut werden". Martin Broszat schrieb dies in einer "grundsätzliche(n) Erörterung" zum "Streit um den Reichstagsbrand", erschienen ein halbes Jahr nach der "Spiegel"-Serie (VfZ 8, 1960, 275-279). Es ist noch immer aktuell.
Berlin
Jürgen Schmädeke
Quelle: Historische Zeitschrift Band 283 (2006), S. 519-522; Rezensent: Dr. Jürgen Schmädeke, Berlin