Replik auf Alexander Bahar und Wilfried Kugel.1
Vom 08.10.2002.
Die von Bahar und Kugel in ihrem Werk genannten und noch einmal im Leserbrief hervorgehobenen angeblichen "nachweisbaren Tatsachen", dass
werde ich in meinem Buch im einzelnen widerlegen. Hier nur soviel: Das angeblich zu frühe Eintreffen Hitlers und Goebbels - früher, als sie als Nichtbeteiligte am Brand hätten erscheinen dürfen -, wird mit der falschen Interpretation eines Goebbels-Zitates begründet. Noch 1941 wollte Hitler das Reichstagsgebäude erhalten wissen, weil er in ihm das Symbol seines Sieges und ein Geschichtsdenkmal sah.8 Und zweitens: die historische Reichstagsgebäude-Forschung ist gemeinsam mit der Erforschung von Brandverläufen in geschlossenen Räumen, speziell seit Ende der 1980er Jahre, gegenüber allen früheren Gutachten zum Plenarsaalbrand zu völlig neuen Erkenntnissen gekommen.
Bahar und Kugel verweisen beharrlich, so auch wieder im Leserbrief, auf die angeblich 50 000 Blatt Akten der von Göring nach dem Brand eingesetzten Sonderkommission ("Reichstagsbrandkommission"). Diese Akten sind im Bundesarchiv Berlin benutzbar, dort enthalten in der "Sammlung zum Reichstagsbrandprozess". Die Sammlung umfasst die Akten des Oberreichsanwalts beim Reichsgericht und enthält 207 Akteneinheiten mit ca. 50 000 Seiten, worin die von Bahar und Kugel zur Sprache gebrachten Akten der "Reichstagsbrandkommission" jedoch nur den geringeren Teil darstellen.9 Die bloße Existenz des Aktenfonds und seine Durchsicht durch die beiden Autoren bedeuten überhaupt nicht, dass sich darin irgendwelche bisher noch unbekannten Fakten, die für eine NS-Täterschaft sprechen, befinden, wie Bahar und Kugel suggerieren. Sie dokumentieren nicht ein einziges Blatt aus diesem Fond in ihrem Buch und schreiben im Leserbrief, zwar eingeklammert, diese speziellen Akten mit 2300 Verweisen für die Leser ihres Werkes überprüfbar gemacht zu haben. Sie legen damit aber eine falsche Fährte: denn bei den 2300 Verweisen handelt es sich um die Anmerkungen, die sich auf das 830seitige Buch als Ganzes beziehen und nicht auf den Aktenfond im Bundesarchiv bzw. dessen Teil der Reichstagsbrandkommission.
In meiner Rezension ließ ich eine besondere "methodische Vorgehensvariante" von Bahar und Kugel unberücksichtigt: Ihren Umgang mit Gegenargumenten und nicht "ins Bild" passenden Forschungserkenntnissen. Die beiden Autoren verharren in der Weigerung, die zahlreichen und gewichtigen Einwände und Argumente gegen die Mehrtäterthese ernsthaft aufzugreifen, sich inhaltlich mit ihnen auseinander zu setzen oder sie gar sachlich zu widerlegen. Sie reagieren mit außerwissenschaftlichen Argumenten und mit persönlichen Angriffen unterhalb der Gürtellinie. Indem sie Autoren, die ihre Theorien ablehnen, sachfremde "Motive" unterstellen, vermeiden sie bereits im Grundsatz eine wissenschaftliche Auseinandersetzung. Publizistisch bekannt gewordene Vertreter der Einzeltäterschaftsthese werden mit sachfremden Behauptungen persönlich verunglimpft. Ihnen wird persönlich "Verdächtiges" unterstellt, um sie für den uneingeweihten Leser sachlich und persönlich unglaubwürdig zu machen. Die Polemik der Autoren will diskreditieren. Als Beispiele in ihrem Buch seien genannt: "der Fall Mommsen"10, "Amateur-Historiker und Monomane Tobias", "gläubiger Tobias-Jünger Janßen" oder "dubioser Brandexperte Berndt". Bahar und Kugel betrachten Forscher und Publizisten mit dem Untersuchungsergebnis der Einzeltäterschaft van der Lubbes als ihre natürlichen Gegner und als gefährliche Feinde. Mit wissenschaftlicher Auseinandersetzung hat das alles nichts zu tun. Offenbar vermag die kleine Autorengruppe, zu der noch Dr. Jürgen Schmädeke zu zählen ist11, nur auf diesem Weg an ihrem Darstellungsgebäude festzuhalten.
Dass ich selbst "im Windschatten von ‚Spiegel' und FAZ" stehe, mich "damit auf der sicheren Seite" wähne, ich "nachweisbare Tatsachen" verschweige sowie mich bei meiner Rezension von undurchsichtigen "Motiven" leiten hätte lassen - so Bahar und Kugel in ihrem Leserbrief -, geht ebenfalls in diese Richtung.
Die beiden Autoren wenden die Methode auch auf den englischen Journalisten Sefton Delmer an: Delmer war am Abend des Brandes um 22.45 Uhr am Reichstag eingetroffen, einunddreißig Minuten, nachdem bei der Berliner Feuerwehr die Brandmeldung eingegangen war. Einige Zeit später fuhren Hitler und Goebbels mit den Männern ihrer Leibwache in zwei schwarzen Mercedeswagen durch die Absperrung vor. Zusammen mit Hitler gelang es Delmer, das brennende Haus zu betreten, an dessen Eingang bereits Göring wartete. In seinem 1962 erschienenen Buch12 beschreibt Delmer eindringlich, wie er von Anfang an überzeugt war, dass van der Lubbe ganz alleine die Tat ausgeführt hatte. Bahar und Kugel stellen, ohne auf Delmers sachliche Darlegung einzugehen, die gar nicht im Sinne von Hitlers und Görings Richtungsweisung der "mehreren" - kommunistischen - Täter gewesen ist, den Verdacht in den Raum, dass Delmer ein "Geheimdienst-Mitarbeiter" und "Freund Hitlers" gewesen sei und "im voraus vom Reichstagsbrand gewusst" habe. Sie verschweigen dem Leser gleichzeitig die deutsche Ausgabe von Delmers Buch, in dem er ausführlich seine Eindrücke vom Brandabend beschreibt, dessen englische Originalfassung ein Jahr zuvor erschienen war.
Abschließend noch ein Wort zu den von Bahar und Kugel nachgefragten "Motiven" meiner Rezension. Das ist klar zu sagen: sie beziehen sich allein auf Inhalt und Methode ihres Buches: auf die falsche und deswegen nicht beweisbare Mehrtätertheorie und die Art und Weise, wie die Täterschaft der Nazis als vorgefasste Auffassung mit vielfach unsauberen Mitteln, mit Verbiegungen und Zurechtbiegungen, Verdächtigungen, Täuschungen und Mythologisierungen, aber mit wissenschaftlichem Anspruch, vertreten wird. Ihre Thesen und Theorien begründen die Autoren mit einem gerüttelt Maß an Scheinheiligkeit. All ihr mühevolles Tun ordnen sie ihrem Wunschdenken unter. Es war das Anliegen meiner Rezension, Bahars und Kugels Fehldeutungen des Brandes und ihre Irreführung des Lesers ganz eindeutig beim Namen zu nennen.
Der Brandlegung im Reichstagsgebäude ist von Beginn an eine ungerechtfertigt hohe Bedeutung beigemessen worden. Das ist nur zu verstehen aufgrund der innenpolitischen Situation in Deutschland im Frühjahr 1933. Politische Gründe machten den Brand erst zu einem spektakulären Kriminalfall. Es ist Zeit und dringend erforderlich, das Thema "Reichstagsbrand" zu demystifizieren. Der jahrzehntelange Streit, der so viele absonderliche Blüten hervorgetrieben hat, könnte 70 Jahre nach dem Brand im Dienste der Wahrheit endlich beendet werden. Es wäre aber blauäugig, bei den Verfechtern der Mehrtäterschaft (in der Ausprägung der NS-Täterschaft) die psychologischen Schwierigkeiten zu unterschätzen, ihren Irrtum einzugestehen. Das Wissen von der Brandwirklichkeit ist unerlässlich, um die Wirklichkeit aufrecht zu erhalten und zu stabilisieren.
8 Vgl. Gerhard Hahn, Für Bücher, Kinder Wöchnerinnen. Reichstagsgebäude und Reichstagsbibliothek zwischen 1933 und 1945, in: Heinrich Wefing (Hrsg.), "Dem Deutschen Volke". Der Bundestag im Berliner Reichstagsgebäude, Bonn 1999, S. 56. [Zurück zum Text]
9 BArch Berlin, Sammlung zum Reichstagsbrandprozess (alt: Fond 551) [Zurück zum Text]
10 Erneut greifen Bahar und Kugel Hans Mommsen anhand seines überzeugenden und in jedem Punkt zutreffenden Besprechungsaufsatzes zu Bahar/Kugels Buch, erschienen in: "Zeitschrift für Geschichtswissenschaft", 2001, Heft 4, S. 352-357, unterhalb der Gürtellinie an, hier in diesem Diskussionsforum unter dem Titel "Mommsens Nonsens". Nur ein Beispiel, wie Bahar und Kugel die Distanz zum Thema verloren haben. [Zurück zum Text]
11 Vgl. z.B. den gemeinsamen Aufsatz: Der Reichstagsbrand in neuem Licht, in: Historische Zeitschrift 269, 1999, 3, S. 803-651, sowie Jürgen Schmädeke, Keine ausreichenden Beweise für die Alleintäterschaft van der Lubbes, in: Das Parlament, 15.12.2000., ders., Von Dolchstößen, Stalin-Noten und Wiedervereinigungen. Ein Sammelband über historische Irrtümer und Legenden (Rezension zu: Lars-Broder Keil u. Sven Felix Kellerhoff, Deutsche Legenden. Vom "Dolchstoß" und anderen Mythen der Geschichte, Berlin, 2002), in: Der Tagesspiegel, 9.9.2002. [Zurück zum Text]
12 Sefton Delmer, Die Deutschen und ich, Hamburg 1962, S. 187-203. [Zurück zum Text]