1959 bewirkte der SPIEGEL mit seiner großen Serie über die angeblich erwiesene Alleintäterschaft des Holländers van der Lubbe, daß mehrere hohe Polizeibeamte, die in die Reichtsagssache verwickelt gewesen waren, entlastet wurden. Ein Verfahren gegen den Reichstagsbrandermittler Braschwitz wurde eingestellt, über die wirklichen Vorgänge im Jahre 1933 breitete sich Schweigen aus. Wie war das möglich? Welche Interessen verfolgte der SPIEGEL?
Anfang der sechziger Jahre, zur Zeit der SPIEGEL-Serie, war die Justiz der Bundesrepublik noch sehr stark mit Staatsanwälten und Richtern durchsetzt, die selbst Nationalsozialisten gewesen waren. Sie zeigte keinen Eifer, in Sachen Reichstagsbrand zu ermitteln. Auch die Sowjetunion, der es ein leichtes gewesen wäre, durch eine Veröffentlichung der Reichtagsbrandakten der Wahrheit zum Siege zu verhelfen, schwieg sich aus. Ein merkwürdiges Verhalten, hatten doch gerade die sowjethörigen Kommunisten immer wieder propagiert, van der Lubbe sei von den nationalsozialistischen Brandstiftern nur vorgeschoben worden und die Ermittlungsbeamten der politischen Polizei hätten 1933 mit den Nationalsozialisten gemeinsame Sache gemacht. Die Erklärung für den scheinbaren Widerspruch liegt auf der Hand und kann durch zahlreiche Fakten, die seit dem Mauerfall bekannt wurden, erhärtet werden: Die Sowjetunion und die DDR besaßen mit ihren geheimgehaltenen Akten ein ideales Erpressungsmittel gegen hohe westdeutsche Beamte.
Der Osten spielte mit
Oberstaatsanwalt Streim von der Zentralstelle zur Verfolgung von NS-Verbrechen in Ludwigsburg stellte nach Einsicht in Archive der Staatssichheit Anfang der neunziger Jahre fest, daß Sowjetunion und DDR dann häufig Belastungsmaterial über NS-Täter geheimhielten, wenn es ihnen unter politischen oder insbesondere nachrichtendienstlichen Gesichtspunkten interessant erschien, diese Täter zu einer geheimen Zusammenarbeit zu erpressen. Selbst der vermutliche Mörder Thälmanns, der von ihnen in Westdeutschland lebend ermittelt worden war, wurde nicht der Justiz ausgeliefert sondern nachrichtendienstlich wiederverwendet. Dr. Braschwitz, Dr.Zirpins, und der in der SPIEGEL-Serie unter dem falschem Namen Dr. Schneider aufgeführte Dr. Schnitzler waren hohe und höchste Führungskräfte der westdeutschen Polizei und Kriminalpolizei mit besten Kontakten zum BKA mit seiner Sicherungsgruppe Bonn, die die Bundesrepublik vor kommunistischer Spionage schützen sollte, sowie zum Verfassungsschutz. Nachrichtendienstlich waren sie für die Sowjetunion und die DDR von größtem Interesse und wegen ihrer strafrechtlich relevanten Verstrickung in den Fall Reichstagsbrand waren sie auch potentielle Erpressungsziele. Hinsichtlich der Organisation Gehlen und des späteren BND ist längst bekannt, wie gut es der Sowjetunion und DDR damals gelang, ehemalige Nationalsozialisten in Gehlens Reihen mit zur Mitarbeit zu bewegen. Es bleibt abzuwarten, zu welchen Ergebnissen die Einsichtnahmen in Akten, die die Staatssicherheit zum Reichstagsbrand führte, kommen. Auch politisch kam die SPIEGEL-Serie, welche in antikommunistischer Tonlage die Kommunisten der Legendenbildung und Verleumdung beschuldigte, der Sowjetunion und der DDR nicht ungelegen. Sie wurde als Beweis für das Wiedererstarken rechtsradikaler Kräfte in der Bundesrepublik propagandistisch verwertet.
Was wußte Augstein?
Rudolf Augstein hat weder die Serie über die Kriminalpolizei im III. Reich 1949/50 noch die Reichstagsbrand-Serie 1959 geschrieben oder recherchiert. Er hat nur als Herausgeber in begleitenden Editorials den Serien sorgfältige Recherche bestätigt und die mehr als fragwürdigen Erkenntnisse und Konsequenzen formuliert und eingefordert. Gemeinhin wird Augstein als liberaler, im Zweifel linksliberaler Intellektueller angesehen. Ist es überhaupt denkbar, daß er wissentlich die SPIEGEL-Berichterstattung zur Public Relations verkommen ließ, die primär darauf zielte, NS-Verbrechen zu vertuschen und schwer belastete ehemalige Nationalsozialisten reinzuwaschen? Ging er nur gutgläubig seinen Redakteuren auf den Leim, unter denen sich in der Frühzeit zahlreiche ehemalige Nationalsozialisten befanden? War es zum Beispiel Georg Wolff, ein besonders enger Mitarbeiter Augsteins (stellvertretender Chefredakteur), der als ehemaliger SS-Hauptsturmführer des SD im Reichssicherheitshauptamt den SPIEGEL mißbrauchte, um seinen ehemaligen Kameraden zu helfen?
Goebbels persönlicher Pressereferent erzählt
Ausgerechnet aus Argentinien wurden 1992 Tatsachen bekannt, die praktisch ausschließen, daß Augstein das böse Spiel nur gutgläubig und ahnungslos mitmachte. Anfang 1992 erklärte sich Argentinien bereit, Akten über die Einwanderung von Nationalsozialisten nach 1945 offenzulegen. Die argentinischen und internationalen Medien nahmen sich des Themas an und berichteten über einen prominenten ehemaligen Nationalsozialisten, der nahe Buenos Aires lebt: Wilfred von Oven, bis zu den letzen Tagen des III. Reiches persönlicher Pressereferent von Reichspropagandaminister Dr. Joseph Goebbels. Von Oven, der sich nie vom Nationalsozialismus und insbesondere nicht von Joseph Goebbels distanziert hat, ging in die Offensive und verteidigte sich damit, daß er nicht als Kriegsverbrecher auf geheimen Wegen nach Argentinien geflohen, sondern ganz legal 1951 als Korrespondent des SPIEGEL für Südamerika nach Argentinien eingewandert war. Ungläubigen Fernsehreportern von SAT 1 legte er nicht nur einen von Augstein unterschriebenen Presseausweis vor, sondern auch noch ein von diesem unterschriebenes Empfehlungsschreiben. Von Oven schilderte ihnen auch, wie Augstein ihn, in Kenntnis seiner Rolle bei Goebbels und seiner ungebrochenen Treue zu ihm, zum Südamerikakorrespondenten machte. Ohne die Hilfe Augsteins, wäre es ihm unmöglich gewesen nach Südamerika zu gehen, wo er wieder unter Gleichgesinnten wirken wollte und noch Jahre für den SPIEGEL schrieb. Als sogar die Bild-Zeitung der Sache nachging und bei Augstein anfragte, ließ er seinen damaligen Sprecher Eisermann antworten, er hätte damals garnicht gewußt, um wen es sich bei von Oven gehandelt habe. Nimmt man alte SPIEGEL-Hefte zur Hand stellt man fest, daß Augstein BILD belogen hat. Von Oven taucht schon 1950 mit einem großen Leserbrief im SPIEGEL auf und wird den Lesern explizit und mit Foto als ehemaliger persönlicher Pressereferent von Goebbels vorgestellt. Es war Augstein selbst, der den Leserbrief auswertete.
Von dieser Oven-Connection führt eine bemerkenswerte Spur in die Reichstagsbrandsache: In den sechziger Jahren informierte der Berliner Journalist Alfred Weiland den damaligen Bundesjustizminister und auch den SPIEGEL über seine Erlebnisse in den Tagen vor der Reichstagsbrandstiftung. Er gab an, er habe damals als Funktionär der Allgemeinen Arbeiterunion (AAU), einer von Moskau unabhängigen syndikalistischen linken Organisation, Kontakt mit van der Lubbe gehabt, der von den holländischen Rätekommunisten nach Berlin gesandt worden sei. Van der Lubbe sei aber in seiner Unwissenheit und Naivität in Kreise von SA- und politischen Polizei-Spitzel geraten. Diese hätten ihn in provokative, aufsehenerregende Aktionen hineingezogen, die die Notstandsmaßnahmen der Regierung Hitler rechtfertigen und herbeiführen sollten. Ein Student Wilfried van Oven (!) sei damals ebenfalls Mitglied der AAU gewesen. Er habe Kontakt zu van der Lubbe gehabt und sei nach dem Reichstagsbrand zu den Nationalsozialisten übergegangen.
Schon das Reichsgericht hatte in seinem Urteil festgestellt, daß van der Lubbe in den Tagen vor dem Reichstagsbrand gegenüber Zeugen seine Nähe zur AAU deutlich gemacht hatte. Inzwischen ist bekannt, daß Goebbels, der mit sozialistischen Ideen kokettierte, es verstand, Mitglieder linker Gruppen zu den Nationalsozialisten herüberzuziehen und Daß Überläufer und U-Boote in verdeckten Operationen für die Nationalsozialisten arbeiteten. Ist Wilfried van identisch mit Wilfred von Oven? Hat von Oven Goebbels schon bei der Reichstagsbrandstiftung assistiert?
In Heft 25/1994 berichtete der SPIEGEL, der Rep-Abgeordnete Krause habe Wilfried van Oven(!), ehemals Pressereferent von Goebbels, in Argentinien aufgesucht. Van Oven lebe seit 1945 in Südamerika und wirke nach wie vor als Autor rechtsextremistischer Strategieblätter. Auf den Bericht hin schrieb ich die SPIEGEL-Dokumentation an und bat um Aufklärung über die abweichenden Angaben zu der üblichen Namensangabe Wilfred von Oven und der Auswanderung nach Argentinien als SPIEGEL-Korrespondent 1951. Auch wies ich und auf die merkwürdige Rolle eines Wilfried van Oven 1933 in Zusammenhang mit dem Reichstagsbrand hin. Es dauerte zwei Monate, bis ich Antwort erhielt. Der Autor des Berichts, Uwe Klußmann, schrieb mir, die Angabe seines Namens differiere in Artikeln von und über von Oven. Weitere Fakten über das im Artikel Publizierte hinaus könne er mir nicht nennen. Offensichtlich haben es SPIEGEL-Dokumentation und -Redaktion nicht einfach, wenn es um Goebbels ehemaligen persönlichen Pressereferenten geht.
Nationalismus
Ende Februar dieses Jahres brachte die Süddeutsche Zeitung unter dem Titel Helfer der Kostümierung einen Kommentar ihres leitenden Redakteurs Heribert Prantl. Prantl war der SPIEGEL unangenehm aufgefallen: In der jüngsten Ausgabe des SPIEGEL findet sich ein Satz, den man vor ein paar Jahren allenfalls in einer rechtsradikalen Postille vermutet hätte...In einer Kurzkritik über den neuen Film von Michael Verhoeven wird dem Regisseur vorgeworfen, er habe mit ´trampeliger Penetranz den Nationalsozialismus dämonisiert´. Der Film, Mutters Courage, gedreht nach einem autobiographischen Text des Theatermachers Georg Tabori, handelt vom Transport der Mutter Taboris nach Ausschwitz. ...Im SPIEGEL mag es vielleicht Sorglosigkeit sein, anderswo ist es Berechnung. Es wird ´eingeordnet´ und ´entkrampft´ weil die Vergangenheit nicht ständig ´wie eine Monstranz´ herumgetragen werden dürfe. Mit diesem dämlichen Satz, endlos variiert, hat die Relativierung der NS-Verbrechen begonnen, ... Und wer das tut, der hält sich zugute, Tabus zu brechen und gegen Denkverbote zu kämpfen.... Bei dieser Kostümierung gibt es immer mehr vorsätzliche und fahrlässige Helfer.
Prantls sanfte Kritik kratzt nur an der Oberfläche des PR-Images, das den SPIEGEL immer noch umgibt. Unsere Erörterungen zum Reichstagsbrand haben gezeigt, daß die Verharmlosung von NS-Verbrechen, kostümiert als angeblicher Kampf gegen Legenden und Denkverbote, im SPIEGEL begannen und dort Tradition haben. Es war der SPIEGEL unter der unumstrittenen Leitung des Hobbyhistorikers Augstein, der den damals schon mit enormen Rechtsdrall ausgestatteten David Irving bis in die siebziger Jahre als SPIEGEL-Serien-Autor popularisierte. Es geschah unter Augsteins Leitung, daß der SPIEGEL bis Anfang der achtziger Jahre versuchte, die Tagebücher der Anne Frank als nachträgliche Fälschung in Frage zu stellen.
und linker Lack
In den sechziger und siebziger Jahren popularisierte Augsteins SPIEGEL wie kein anderes bundesdeutsches Medium Parolen und Forderungen der Neuen Linken und der 68er. Heute kehrt er mit der Popularisierung nationalistischer und neokonservativer Autoren und Gedanken (z.B. Botho Strauß. Anschwellender Bocksgesang) immer stärker zu der Linie zurück, die Augstein selber wohl nie verlassen hat und verspottet die 68er und Immer-noch-Linken als Gutmenschen und unbelehrbare Phantasten. Man muß sich inzwischen fragen, ob der Linkstrend des SPIEGEL in den sechziger und siebziger Jahren nicht auch Kostümierung war.
In der von Wilfred von Oven früher in Argentinien herausgegebenen rechtsextremen Postille La Plata Ruf schrieb eine Thora Ruth im September 1973 : Wir müssen unsere Aussagen so gestalten, daß sie nicht mehr ins Klischee des ´Ewig-Gestrigen´passen. Eine Werbeagentur muß sich nach dem Geschmack des Publikums richten und nicht nach dem eigenen. Und wenn kariert Mode ist, darf man kein Produkt mit Pünktchen anpreisen. Der Sinn unserer Aussagen muß freilich der gleiche bleiben. Hier sind Zugeständnisse an die Mode zwecklos. In der Fremdarbeiterfrage erntet man mit der Argumentation 'Die sollen doch heimgehen' nur verständnisloses Grinsen. Aber welcher Linke würde nicht zustimmen, wenn man fordert: ´Dem Großkapital muß verboten werden, nur um des Profits willen ganze Völkerscharen in Europa zu verschieben. Der Mensch soll nicht zur Arbeit sondern die Arbeit zu den Menschen gebracht werden.´ Der Sinn bleibt der gleiche: Fremdarbeiter raus! Die Reaktion der Zuhörer wird grundverschieden sein. Waren des SPIEGELS Kritik am US-Imperialismus und am Bonner Parteiensystem nicht eventuell geschickte Kostümierungen traditionell rechtsnationalistischer antiwestlicher Positionen, die Augstein und der SPIEGEL in den fünfziger Jahren noch ganz unverhohlen vertraten?
Gerade in Sachen Reichstagsbrand werden die alte Linie und die alten Verbindungen wieder sichtbarer. Als die Geschichtsklitterung vom Alleintäter v. d. Lubbe 1992 erschüttert wurde, publizierte der SPIEGEL Neue Goebbelstagebücher aus Moskauer Archiven und machte in der Hausmitteilung in Heft 29/1992 deutlich, weshalb die Serie gebracht wurde: Die Goebbelstagebücher würden helfen die Geschichtsschreibung in wichtigen Fragen zu korrigieren und zu bestätigen. Bestätigt würde, daß van der Lubbe den Reichstag angezündet habe, und zwar als Alleintäter. Es war David Irving, der die Texte aus Moskau besorgt und Goebbels schwierige Handschrift transkribiert hatte. Der bekennende Nationalsozialist und lebenslange Dickkopfvertraute Francois Genoud, der das Copyright für die Goebbeltagebücher beansprucht und dessen Bemühungen um die Erlangung der Copyrights der SPIEGEL schon in den fünfziger Jahren publizistisch geschickt unterstützt hatte, konnte hohe Lizenzgebühren kassieren.
Hersch Fischler