Seite 387, Absatz 3
"Unter diesen Umständen ist es nicht gleichgültig, ob die Befehle an Diels durch die Situation selbst motiviert waren oder auf Erfindung beruhten (Situation im brennenden Reichstag um ca 22.00 Uhr H.F.). Görings Glauben an den kommunistischen Aufstand war nicht nur Ausfluß seiner erregten Phantasie. Er wurde genährt durch gleichlautende Nachrichten aus dem Polizeipräsidium. Kriminalkommissar Heisig vernahm den Attentäter im Polizeipräsidium. Er bestätigte als Zeuge glaubhaft, daß van der Lubbe die Worte "Signal" und "Fanal" gebraucht und davon gesprochen hatte, die Zeit zum "Losschlagen" sei gekommen, um das arbeiterfeindliche System zu beseitigen."
Nach Heisigs vereidigter Aussage vor dem Reichsgericht, hat er die erste Vernehmung van der Lubbes im Polizeipräsidium erst gegen 23.30 Uhr begonnen, so daß Göring gegen 22.00 - 23.15 Uhr, als die Besprechung mit Hitler und anderen im Reichstag stattfand und die Befehle Diels erteilt worden sein sollen, noch keine Nachrichten dieser Vernehmung erhalten haben kann.
"Zeuge Heisig: Es war gegen 1/2 12 Uhr, als Lubbe in das Präsidium gebracht wurde. Dort wurde er erst durch mich und meinen Sekretär eingehend vernommen."
Gegen 22 Uhr hatte Leutnant Lateit in der Brandenburger Tor Wache van der Lubbe befragt, aber keinerlei Hinweis auf einen kommunistischen Hintergrund erhalten.
"Zeuge Lateit: Ich bekam nun von Herrn General Nienhoff den Befehl, mich sofort an die Brandenburger Torwache zu begeben und dort die Führung zu übernehmen. Auf der Brandenburger Torwache sass van der Lubbe mit einer Decke und ich erfuhr nun, daß er mit entblößtem Oberkörperund nur mit einer Hose bekleidet an Ort und Stelle gefasst worden war. Hier meldete mir mein Wachhabender, daß van der Lubbe auch schon unter anderen den Brand im Schloß angelegt haben solle und einen weiteren Brand im Dom geplant haben solle. Ich fragte daraufhin van der Lubbe : Gehören zunächst einmal diese Sachen Ihnen? (Lateit hielt v. d. L. Selbstbinder, Rasierseife und Mütze vor, die er in einem Gang des Reichstages gefunden hatte. H.F) Da sagte er: "Jo, min!" Ich mußte das so verstehen: Das sind meine Sachen. Ich fragte unter anderem auch: stimmt das, was über Sie gesagt worden ist, wollten Sie auch einen Brand im Dom anlegen? Da sagte er: Ja. Auf alle weiteren Fragen - ich habe noch einige Fragen kurz gestellt -, da lachte er.
Ich habe mich mit dem Mann nicht weiter beschäftigt, da ich Befehl bekam, sofort einen Bericht anzufertigen und und zwar in mehreren Ausfertigungen, wie das bei unseren Dienststellen üblich ist.
Präsident: Also Sie haben ihn nur gefragt, ersteinmal: sind das ihre Sachen?
Zeuge Lateit: Jawohl Herr Präsident!
Präsident: Da hat er gleich ja gesagt?
Zeuge Lateit: Ja, sagte er, die sind min.
Präsident: Das ist ja auch festgestellt. Zweitens: Haben Sie ihn nun noch gefragt, ob er den Brand angestiftet hat?
Zeuge Lateit: Jawohl!
Präsident: Und auch, ob er das Schloß angesteckt hätte? (Zeuge. Ja!) Und auch das Rathaus?
Zeuge Lateit: Nein, vom Rathaus habe ich nicht gesprochen.
Präsident: Sie haben nur gefragt: Das Schloß?
Zeuge Lateit: Schloß und Dom!
Präsident: Den Dom?
Zeuge Lateit: Mir sagte mein Wachtmeister, daß er einen Brand im Dom geplant hätte usw.
Präsident: Das ist ein Mißverständnis gewesen. Haben Sie ihn auch gefragt, ob er den Reichstag angesteckt hätte? (Zeuge: Jawohl!) Sie haben gefragt nach Reichstag und Schloß
Zeuge Lateit: jawohl, Herr Präsident.
Präsident: Da hat er Ja gesagt?
Zeuge Lateit: Ich habe gefragt: warum haben Sie denn das gemacht? Er sah sehr wirr aus. Ich hatte zuerst den Eindruck, Herr Präsident, als ob ich es mit einem Irren zu tun hatte; im ersten Moment. Mit einem Irren! Er war aufgeregt. Aufeinmal war er sehr ruhig und lachte mich immer nur an und tat sehr überlegen.
Präsident: Nachher wurde er ruhig?
Zeuge Lateit: Ja, und er lachte.
Präsident Wie hat er die Fragen nun beantwortet? ...
Zeuge Lateit: Er war ausserordentlich kurz. Ausserdem habe ich nicht viel gefragt, weil mir gemeldet wurde, daß bereits Beamte der politischen Abteilung unterwegs wären, und ich wollte nicht durch besondere Zwischenfragen das Bild verwirren.
...
Präsident: Wielange hat denn diese ganze Befragung oder dieses ganze kurze Gespräch zwischen Ihnen und van der Lubbe gedauert? - Ein paar Minuten?
Zeuge Lateit: Nicht mal! - Es kamen nachher auch gleich Beamte der Politischen Abteilung ..."
Nach dem bereits in Fehler Nr. 2 zitierten Funkbericht des WTB vom 27. 2. 1933 (Fehler Nr. 2) wurde van der Lubbe von der politischen Polizei auf der Brandenburger Torwache einem eingehenden Verhör unterzogen und soll als Kommunist auch ein volles Geständnis abgelegt haben: "Er hat ein volles Geständnis abgelegt und gibt als Motiv seiner Tat 'Rache am internationalen Kapitalismus'an."
Diese Vernehmung wurde dem Reichsgericht von den als Zeugen vernommenen Kommissaren der politischen Polizei verschwiegen, ein Protokoll der Vernehmung nie vorgelegt.
Göring selbst dürfte einen Hinweis darauf gegeben haben, weshalb der Kriminalkommissar Heisig (und auch der als Zeuge aufgetretenen Kommissar Dr. Zirpins) dem Reichsgericht das erste Verhör van der Lubbes in der Brandenburger Torwache verschwieg. In seiner Vernehmung als Zeuge berichtete Göring unter Eid ausführlich über seine Erlebnisse im brennenden Reichstag:
"Ich machte mit dem Reichskanzler einen Rundgang durch den Reichstag. Dabei sahen wir die verschiedenen Brandherde. ... Dann habe ich gehört, daß van der Lubbe festgenommen worden wäre und in der Wache am Brandenburger Tor säße. Ich darf hier ganz offen sagen: Im ersten Augenblick dachte ich, Gleiches mit Gleichem zu vergelten,. Das Fanal, daß die kommunistische Partei hier gab, wollte ich mit eine Willensdokumentation beantworten, die den Herren Kommunisten eindeutig sagte, wie ich den Kampf gegen den Kommunismus zu führen gedächte. Ich hatte tatsächlich vor, in jener Nacht Herrn van der Lubbe sofort aufzuhängen (Hervorhebung H.F.). Wenn ich es nicht getan habe - kein Mensch hätte mich daran hindern können -, so nur aus dem Grunde, weil ich mir sagte: Wir haben nur den; es muß aber eine ganze Schar gewesen sein; vielleicht brauche ich den Mann noch als Zeugen. Dies war die einzige Erwägung die mich damals davon abhielt, der Welt sofort zu zeigen, wenn die eine Seite entschlossen ist, zu zerstören, dann ist die andere Seite ebenso entschlossen, sich das nicht gefallen zu lassen.
Es kam dann anders; das ist ja bekannt. Als mir gemeldet wurde,, einer sei gefaßt, ein Ausländer, sagte ich mir. Aha! Denn als ich das Konterfei dieses Idioten sah (Hervorhebung H.F.) war für mich alles ganz klar, und ich habe sofort gewußt, warum der gefaßt worden ist. Die anderen nämlich haben sich im Reichstag ausgekannt, die anderen wußten wo sie herauskonnten. Der Kerl da aber hatte denn Ausgang nicht mehr gefunden, ist herumgesaust, erschrocken von seiner eigenen Tat, vollkommen verwirrt. er muß wie ein wilder Igel herumgerannt sein; er sauste wie ein wilder Igel herum, er wollte irgendwo heraus, er fand aber keine Tür, nichts, und ist so gefaßt worden. Die anderen aber waren eiskalt längst entschlitzt. Ich weiß auch, wo. Meiner Überzeigung nach haben sie den unterirdischen Gang benutzt. Dieser Gang führt nicht zum Reichstagspräsidentenpalais, sondern geht nach hinten, zum Maschinenhaus. Es war eine Leichtigkeit, in der Dunkelheit über die Mauer zu verschwinden und sich dünnzumachen.
So glaube ich ist es gewesen. Das ist meine Auffassung. Und weil ich diese Auffassung hatte, habe ich mich bereit erklärt, daß van der Lubbe zunächst einmal abgeführt wurde." (Hervorhebung H.F.)
Göring hatte sich also van der Lubbe noch während der Besprechungen mit Hitler im brennenden Reichstag, die nach übereinstmmenden Zeitungsberichten und und Zeugenaussagen zwischen 22.00 und 23.00 Uhr stattgefunden haben, angeschaut. Er erörterte offensichtlich van der Lubbe sofort an Ort und Stelle aufhängen zu lassen (andere anwesende Nationalsozialisten: Hitler, Goebbels, Sepp Dietrich, Karl Ernst, Graf Helldorf), kam dann aber davon ab und erklärte sich bereit, daß van der Lubbe "zunächst einmal abgeführt wurde".
Da es mit Sicherheit aufgefallen und in der Presse berichtet worden wäre, wenn Göring sich zur Brandenburger Tor Wache begeben hätte, um van der Lubbe zu besichtigen, (Die Absperrungsgrenze lag an der Brandenburger Torwache und dort standen "Journalisten in rauhen Mengen") wird van der Lubbe wahrscheinlich tatsächlich, wie es aus Diels Angaben hervorgeht, von den Herren der politischen Polizei, die ihn bei Leutnant Lateit abholten, auch ins Reichstagsgebäude verbracht worden sein.
Einen Hinweis darauf enthält auch der Bericht des Berliner Vertreters der Schlesischen Zeitung, Kausch.
"Der erste Augenzeugenbericht
Berlin, 27. Februar Von unserem Berliner Vertreter, der sich sofort in das brennende Gebäude begab, erhielten wir um 10 1/2 Uhr folgenden Augenzeugenbericht:
... Die Kriminalpolizei ging sofort daran, den Tatort abzusuchen. Dabei hat sich bei der ersten Überprüfung ergeben, daß gleichzeitig an über 20 verschiedenen Stellen des Hauses Feuer angelegt worden ist. Nur im Plenarsaal ist es zur vollen Entfaltung gekommen. Im Restaurant, im Keller, in den Sitzungssälen der Fraktionen konnte es rechtzeitig entdeckt werden. Von den Tätern ist bisher ein einziger festgestellt worden. Er gibt an, ein Holländischer Kommunist zu sein. Er ist sofort in Polizeigewahrsam genommen. In der Nacht haben bereits die Verhöre begonnen.
Kurz nach Eintreffen der Brandnachricht
begab sich der Reichstagspräsident,
Reichsminister Göring, sofort in das
brennende Haus. Kurz danach traf Vizekanzler von Papen ein, einige Minuten
später erschien auch der Reichskanzler
Hitler. Es wurden bereits im brennenden
Hause die ersten polizeilichen Besprechungen durchgeführt, die sich mit
der Frage beschäftigen, ob dieser Brand
die Zufallstat eines Wahnsinnigen sei
oder ob es sich um ein großzügiges
kommunistisches Komplott handelt."
(Hervorhebung H.F.)
