Seite 383, Absatz 2 , Fußn. 133
"Göring hat später geäussert, das Wort "Brandstifter" habe ihm spontan den Gedanken eingegeben, daß die KPD die Schuld daran trage.
Jedoch dürften erst die Informationen Grauerts
diesen Eindruck hervorgebracht haben. Wenig
später traf Rudolf Diels, begleitet von Assessor Schnitzler, ein, erfuhr von der Verhaftung van der Lubbes und wohnte den ersten Vernehmungen bei. Gleichzeitig dürfte Göring gemeldet worden sein, daß man von den Brandstiftern nur einen holländischen Kommunisten
- daß van der Lubbe Kommunist sei, wurde von
vorneherein unterstellt- gefaßt habe.
Dem zu diesem Zeitpunkt (ca 22.00 Uhr, im
brennenden Reichstag) allgemein bestehenden Eindruck, daß es sich um einen groß angelegten Brand einer ganzen Reihe von Attentätern handele, hat sich Göring kaum entzogen. Er ordnete die Durchsuchung des
Röhrentunnels an, die von seinem SS-Leibwächter
Walter Weber zusammen mit drei Schutzpolizisten durchgeführt wurde und ergebnislos
verlief. 133"
"133 Ebenda (Tobias, Reichstagsbrand) S. 111. Weber hat Tobias
seine damalige Aussage ausdrücklich bestätigt."
Mommsen bestätigt damit Tobias' Darstellung, Göring habe im Reichstag den Eindruck einer großanlegten Brandstiftung gewonnen und dann die Untersuchung des Tunnels befohlen:
Als Göring aber dann gemeldet wurde, daß ausser dem ausländischen Kommunisten van der Lubbe bislang kein weiterer Bösewicht aufzufinden gewesen wäre, obwohl das Gebäude hermetisch abgeschlossen und jeder Winkel ebenso eifrig wie ergebnislos abgesucht worden war, sah sich Göring vor einem Rätsel: Wo mochten die anderen Strolche geblieben sein? Da fiel ihm blitzartig der falsche Alarm aus dem Jahre 1932 ein: die politische Polizei und der Reichstagspräsident Göring waren benachrichtigt worden, daß auf den Reichstag ein Sprengstoffattentat geplant sei; die Sprengladung wäre irgendwo im Keller des Gebäudes angebracht; der Zugang der Attentäter sei durch den "unterirdischen Gang" erfolgt. Sofort ordnete Göring die Untersuchung des unterirdischen Ganges an.
Mommsen hätte an Hand der von ihm herangezogenen Sitzungsprotokolle erkennen müssen, daß die von Tobias gegebene Darstellung falsch ist.
Am 19. Sitzungstag sagte Görings Leibwächter Walter Weber als Zeuge vor dem Reichsgericht folgendes aus:
"Zeuge Weber: Der Minister Göring hatte sein Arbeitsfeld ins Innenministerium verlegt und führte dort verhandlungen und Sitzungen. Da bekamen wir abends 9.30 die Brandmeldung durch und ich bekam den Befehl von dem Adjutanten des Ministers, Hauptmann Jakoby, sofort den Kraftwagen zu bestellen, um nach dem Reichstag zu fahren. Ich gab den Befehl weiter und wir fuhren dann ca. 9.35 oder 9.36 Uhr aus dem Innenministerium direkt hier zum Reichstag. Der Wagen hielt hier an der Ecke auf der Brandenburger Torseite. Wir stiegen aus, und der Hauptmann Jakoby gab mir den Befehl, mir drei Schupowachtmeister zu nehmen und den Kellergang zu durchsuchen"
Zeuge Weber ergänzte seine Aussage noch dahingehend, daß der Befehl ohne Begründung beim Aussteigen gegeben wurde und daß er zwischen 9.36 und 9.40 am Reichstagspräsidentenpalais eingetroffen sei. (Verhandlungsprotokolle, ST 19, S.167/8)
Beim kurzen Stop an der Ecke vom Brandenburger Tor will Göring zum ersten mal das Wort Brandstiftung gehört und die Idee einer Brandstiftung gehabt haben.
"Zeuge Göring: "Ich ließ meinen Wagen vorfahren, rief meinen Begleiter Weber, lief hinunter, sprang in das Auto und sagte: Zum Reichstag! Als wir durch das Brandenburger Tor zum die Ecke herumfuhren, stoppte der Wagen einen Augenblick, weil dort die Polizeikette überall war, bis man mich erkannte. Ich fragte noch was hier los ist, und erhielt von irgendeinem, ich weiß nicht ob es ein Wachtmeister oder ein Offizier war, Auskunft, wobei zum erstenmal das Wort "Brandstiftung". Aha, da kam für mich zum erstenmal der Gedanke: Brandstiftung."
Anders als Mommsen und Tobias es darstellen, erfolgte der Befehl zur Durchsuchung des Tunnels nicht erst, als Göring nach Besichtigung des Brandortes, Festnahme van der Lubbes und Nichtauffinden von Mittätern vor einem Rätsel stand. Schon hundertfünfzig Meter nach der Ecke am Brandenburger Tor, wo Göring zum ersten mal auf den Gedanken der Brandstiftung gekommen sein will, also ca. 30 Sekunden nach diesem ersten Gedanken an Brandstiftung, an der Südostecke des Reichstags, wo Görings Wagen hält und Göring aussteigt, erhält Görings Leibwächter Weber den Befehl, den unterirdischen Gang zu durchsuchen. Von der Festnahme van der Lubbes und der Nichtfestbahme von Mittätern war da noch nichts bekannt.
Daß Göring nach vereidigte Aussage seines Leibwächters die Durchsuchung des Ganges anordnete, bevor er überhaupt Einzelheiten des Brandes kennen konnte, stellt ein erhebliches Verdachtsmoment gegen Göring dar, daß Mommsen unbeachtet läßt.
