Seite 382, Absatz 2
Seite 383, Absatz 1 , Fußn. 128,129,130
"Die Widerlegung der Mehrtäterschaftstheorie
und die Feststellung, daß der Plenarsaal
des Reichstagsgebäudes im Alleingang in Brand
gesetzt werden konnte, entbindet uns einer
detaillierten Untersuchung darüber, ob die
Reaktionen Görings und Hitlers unmittelbar
nach Bekanntwerden der Brandstiftung echt waren
oder nicht. Ihre Überraschung war echt. Goebbels
hielt die ihm durch Hanfstaengl telefonisch übermittelte Nachricht zunächst für einen Scherz.
Göring scheint zunächst völlig konsterniert
gewesen zu sein. Sein erster Gedanke galt der
Rettung der dort befindlichen Gobelins und
der Bibliothek. 128 Er traf gegen 9.30 Uhr, kurz
nachdem der Plenarsaal in Flammen aufgegangen
war und die 10. Alarmstufe für die Feuerwehr
ausgegeben war, im Reichstag ein. Görings Verhalten läßt nicht den Schluß zu, daß ihm der Brand
willkommen war. 129 Er gab die notwendigen Anweisen,
sprach kurz mit Oberbranddirektor Gempp, frug
nach dem Direktor des Reichstags, Geheimrat Galle.
Der ihn begleitende Ministerialdirektor
Grauert bemühte sich sogleich um Aufklärung über die Brandstiftung, erfuhr von den
den Verdachtsmomenten gegen Torgler und
Koenen und war seitdem überzeugt, daß die
Kommunisten hinter der Brandstiftung standen. 130"
"128 Die Reaktion Görings ist durch seinen
damaligen Adjutanten, F.W. Jakoby, nachträglich bezeugt (Mitteilung vom 16.2.61
Archiv Tobias): Am Tag des Reichstagsbrandes
habe ich, damals noch der einzige Adjutant, die
Meldung an Göring erstattet. Ich war damals
und bin auch heute noch davon überzeugt, daß
diese Überraschung echt war." Desgleichen Aussage des Staatssekretärs Grauert vom 3. 10. 1957
(Archiv Tobias): er habe sich gerade beim Vortrag bei Göring befunden, als ein Beamter
(Grauert meint Daluege, es war Jakoby) hereinstürzte und meldete, daß der Reichstag brenne.
"Görings Reaktion war so eindeutig und überzeugend, daß Grauert weder damals noch später
den geringsten Zweifel daran hatte, daß Göring
ehrlich überrascht wurde."
"129 Sommerfeldt a.a.O.S. 25, Aussage Gempp nach
Tobias, S. 668 S. auch Anm. 135 (Anmerkung 135
enthält nur einen redundanten Hinweis auf Som merfeldt a.a.O. S.25"
"130 Aussage Grauert, bestätigt durch
Görings Aussage vor dem Reichsgericht, 31. ST, S. 104 ff"
"Vgl. Tobias, S. 108"
Goebbels war derjenige nationalsozialistische Führer, dessen anschauliche Schilderung der Überraschung durch den Brand am bekanntesten geworden ist. 1982 veröffentlichte Ost-Berlin eine Zeugenaussage aus der gerichtlichen Voruntersuchung, nach welcher Goebbels Darstellung der Überraschung eine propagandistische Manipulation und seine Zeugenaussage vor dem Reichsgericht ein Meineid gewesen sein muß. Es handelt sich um die Zeugenaussage des Nachtpförtners des Reichspräsidentenpalais Adermann. Mommsen, Tobias und die Anhänger der Alleintäterthese haben dieses Dokument in ihrer gemeinsamen Publikation aus dem Jahre 1986 (Das Ende einer Legende) schlicht ignoriert. Am 34. Sitzungstag war Dr. Goebbels Zeuge vor dem Reichsgericht und brachte seine berühmt gewordene Schilderung der überraschenden Brandmeldung.
"Präsident: Wann haben Sie von dem Brand des Reichstages überhaupt Kenntnis erhalten, Herr Minister?
Zeuge Dr. Goebbels: Herr Präsident! Ich darf vielleicht die ganze Situation schildern, in der ich von der Nachricht des Reichstagsbrandes überrascht wurde. Wie ich schon eben betonte hat an diesem Tage eine Kabinettssitzung stattgefunden, und am Abend dieses Tages war der Führer bei mir zu Hause zu Gast. ... Es war also garnichts absonderliches, wenn an diesem Abend der Führer bei uns zu Hause war. Es befanden sich dabei noch eine Reihe von anderen Herren, meine Frau und eine Freundin meiner Frau. Ich weis nicht genau, um welche Minutenzeit es gewesen ist. Jedenfalls wurde ich ans Telefon gerufen und der Vertreter der Auslandspresse der NSDAP Dr. Hanfstaengl, der im Reichstagspräsidentenpalais wohnte als Gast des Reichstagspräsidenten, benachrichtigte mich telefonisch davon, daß der Reichstag brenne. Ich habe diese Mitteilung zuerst für absolut absurd gehalten, und ich glaubte, es handele sich dabei um einen Scherz. Ich habe das auch dem telefonierenden ganz eindeutig mitgeteilt, und ich war um so eher versucht, das anzunehmen, als wir ein paar Tage zuvor mit ihm einen telefonischen Ulk veranstaltet hatten. Ich glaubte, das sei nun die Retourkutsche für diesen Ulk. Ich antwortete also: Ich kann das nicht annehmen; das ist ein Ulk; ich will das gar nicht mehr weiter anhören! und habe den Telefonhörer wieder eingehängt. Ein paar Minuten darauf wurde wieder von derselben Stelle telefonisch angerufen. Ich wurde in aller Dringlichkeit darauf aufmerksam gemacht, daß es nun meine Pflicht sei, den Führer darüber zu orientieren, daß der Reichstag brenne. Ich hatte in der Zwischenzeit, als ich zum Tisch wieder zurückging, von dieser Mitteilung überhaupt keinen Gebrauch gemacht, weil ich sie für einen Scherz hielt. Ich habe dann Herrn Dr. Hanfstaengl darauf aufmerksam gemacht, daß er sich jetzt der Verantwortung bewußt sein müsse, daß es natürlich nicht angehe, den Führer in einen solch albernen Scherz hineinzuziehen, und daß, wenn ich diese Mitteilung weitergebe, sie nun hieb- und stichfest sein müste. Er erklärte mit aller Bestimmtheit: Ich sitze hier im Zimmer dem Reichstag gegenüber, und ich sehe die Flammen des Brandes aus der Kuppel herausschlagen. Darauf erhielt ich es für meine Pflicht, diese Tatsache dem Führer mitzuteilen. Der Führer konnte sie im ersten Augenblick garnicht glauben; so überraschend kam diese Mitteilung für uns alle. Wir haben uns dann zuerst mit dem Reichstag selbst in Verbindung gesetzt. Es war sehr schwer hier einen Pförtner zu bekommen, weil sämtliche Bedienstete des Reichstags vollauf mit dem Brande beschäftigt waren. Wir haben dann die Brandenburger Torwache am Brandenburger Tor angerufen und haben da die Bestätigung dafür erhalten, daß es sich tatsächlich um einen Großbrand handle und daß die Anwesenheit des Reichskanzlers unmittelbar im Reichstag erforderlich sei. Daraufhin sind wir sofort vom Abendessentisch aufgestanden, haben uns ins Auto gesetzt und sind in einem rasenden Tempo zum Reichstag gefahren."
Das Reichstagspräsidentenpalais wurde Tag und Nacht von Pförtnern bewacht. Der Nachtpförtner Adermann, der am 27.2.33 abends Dienst hatte, wurde am 7.4. von dem Vertreter des Untersuchungsrich ters, Landgerichtsrat Dr. Wernecke, vernommen.
"Z.S. Ich bin Nachtpförtner im Präsidentenhaus. Ich halte mich in der Nacht, wenn ich nicht auf einem Kontrollgang bin, in der Pförtnerloge am Ausgang Friedrich Ebert Str. auf. Vor dem Brande war in der Nacht im Präsidentenhaus nur ein Nachtpförtner beschäftigt. In dieser Funktion löste ich mich Nacht um Nacht mit dem Nachtpförtner Wiehle ab. (Jetzt nach dem Brande, sind nachts zwei Nachtpförtner im Präsidentenhaus.) Mein Dienst begann Abends um 20 Uhr und endete morgens um 8 Uhr. Ich hatte nach 20 Uhr zunächst abzuwarten, daß alle Bewohner im Hause waren. In den letzten Wochen vor dem Brande wohnten in dem Obergeschoß als Gäste von dem Ministerpräsident Göring Frau Milde, Herr von Cranzow und ein Prinz zu Wied sowie eine Hausangestellte, deren Namen ich nicht kenne. (Hervorhebung H.F.) Im Zwischengeschoß wohnt Herr Geheimrat Galle mit Frau, und im Erdgeschoß wohnt die Hausmeisterin Frau Puschke. ...
Am 27. Februar 1933 trat ich meinen Dienst wie gewöhnlich um 20 Uhr an. Bis auf die drei Gäste des Herrn Präsidenten waren alle Bewohner der Hausangehörigen im Hause. (Hervorhebung H.F.) Während ich mich in nun in der Loge des Pförtnerhauses aufhielt, rief plötzlich etwa 21.15 der Nachtpförtner von Portal V [des Reichstagsgebäudes] bei mir an und sagte, es brenne im Restaurant."
In seiner späteren Zeugenaussage vor dem Reichsgericht erläuterte Adermann, wie sich die Pförtner über die Anwesenheit von Bewohnern und Gästen des Hauses unterrichteten und er mit Kontrollgängen warten mußte, bis alle Gäste im Hause waren.
"Zeuge Adermann: Ja, der Kollege mußte
mir übergeben, was im Hause und was
ausser dem Hause ist, weil wir da im
Hause auch Herrschaften von Herrn
Reichstagspräsidenten Göring haben,
die da wohnen. Da mußten wir solange
warten, bis die Herrschaften im Hause
waren. Früher durften wir die
Kontrollgänge nicht anfangen.
...
Präsident: Also der Kollege übergab Ihnen einen Zettel, da stand drauf, wer noch nicht im Hause war (Zeuge: Ja). Und dann mußten Sie warten, bis alle im Hause waren (Zeuge bejaht). Solange war auch kein Kontrollgang (Zeuge:nein) sondern Sie fingen erst an mit dem Kontrollgang -- Zeuge Adermann: - wenn alles im Hause war."
Adermanns Aussage vor dem Untersuchungsrichter widerspricht der Darstellung von Goebbels und berechtigt zu den stärksten Zweifeln an deren Wahrheitsgehalt. Dr. Hanfstaengl trat vor dem Gericht nicht als Zeuge auf, auch kein anderer der Gäste Görings im Reichstagspräsidentenpalais. Weder Adermann noch andere Zeugen sind vor dem Reichsgericht dazu befragt worden, welche Gäste Görings zur Zeit des Brandes im Reichstagspräsidentenpalais wohnten. Ebenso wenig hat das Gericht versucht, den Widerspruch zwischen der Aussage Adermanns und der Darstellung Goebbels aufzuklären.
Nach dem Krieg hat Dr. Hanfstaengl seine angebliche Anwesenheit und die Benachrichtigung Goebbels in seinen Memoiren geschildert. Hanfstaengl beschreibt, daß er am Vorabend bei Prinz Viktor zu Wied und dessen Gattin in deren Wohnung in der Kurfürstenstrasse zu Gast gewesen war und von diesem gegen eine sich anbahnende Erkältung eine Flasche Aquavit als 'Medizin' mitgegeben bekam. Er kam erst am nächsten Tag dazu, diese Kur zu beginnen und legte sich nach dem Beginn der Kur am Nachmittag seinem Gastzimmer im Reichstagspräsidentenpalais schwitzend zu Bett. Frau Goebbels hatte ihn mit einem Anruf aufgestört, um ihn zu einer Abendgesellschaft mit Hitler in ihrem Haus einzuladen. Er lehnte wegen seiner Erkältung und seines Schüttelfrostes ab. Auch als ein Adjutant Hitlers nochmals anrief und ihn dringend bat, Hitler auf dem Flügel vorzuspielen, mußte er wiederum ablehnen. Um nicht erneut gestört zu werden legte er den Hörer nicht mehr auf die Gabel. Schließlich konnte er einschlafen.
"Ich muß wohl schon eingeschlafen sein, als ich plötzlich fühlte, daß es sehr hell im Zimmer war. Die Tür zum Nebenzimmer stand offen:'Du Idiot' stöhnte ich ,' du hast die Leselampe nicht ausgemacht'. Schließlich kam mir die Helligkeit an der gegenüberliegenden Wand sonderbar vor. Da stürmte die Haushälterin, Frau Wanda, schon in mein Zimmer. 'Herr Doktor, Herr Doktor' schrie sie 'der Reichstag brennt lichterloh!'Diesmal war ich mit einem Satz aus dem Bett, lief zum Fenster, das zum Platz hinausging, und wahrhaftig: das Riesengebäude stand in Flammen!
Ich rief Goebbels an: 'Ich muß unbedingt Herrn Hitler sprechen' sagte ich atemlos. Was denn los sei, meinte Goebbels, ob er es dann nicht weiter melden könne. Schließlich verlor ich die Geduld. 'Sagen Sie ihm, der Reichstag brennt!' - Hanfstaengl, soll das ein Witz sein?' antwortete Goebbels kurz.- 'Wenn Sie mir das zutrauen, kommen sie doch her und sehen Sie es sich selbst an' erwiderte ich und hing auf. Ich rief Sefton Delmer und Louis Lochner an. Kaum hatte ich den Hörer hingelegt, als das Telefon schon wieder läutete. Es war nochmals Goebbels: 'Ich habe mit dem Führer gesprochen; er will wissen was wirklich los ist. Keine Scherze mehr!' Ich wurde ärgerlich.'Kommen Sie gefälligst selbst her und überzeugen Sie sich ob ich Unsinn Rede oder nicht. Das ganze Gebäude steht in Flammen und die Feuerwehr ist schon da. Ich gehe wieder ins Bett!'
In meinem Zimmer ging es bald zu wie auf einem Bahnhof. Erst kam Prinz Auwi herein, dann der Prinz von Hessen, die beide im Palais wohnten. 'Dieses Monstrum ist wenigstens hin', sagte ich. Das war eine etwas boshafte Bemerkung, aber ich hatte das Reichstagsgebäude immer für eine architektonische Verirrung gehalten."
Tobias hat die Darstellung von Hanfstaengl als Bestätigung der Aussage von Goebbels vor dem Reichsgericht gewertet und bringt sie als Beweis dafür, wie überraschend die Nachricht vom Reichstagsbrand für die Nazi-Führung kam. Genau besehen widersprechen sich auch diese beiden Darstellungen. Nach Goebbels ruft Hanfstaengl zwei mal an, nach Hanfstaengl ruft Goebbels schon nach dem ersten Anruf zurück. Wie glaubwürdig ist Hanfstaengls Schilderung, den Brand "atemlos" zuerst nur dem Führer persönlich mitteilen zu wollen, bis er "schließlich die Geduld verlor" und er ihn auch Goebbels zum Weitersagen überliess? Sollten Prinz August Willelm von Preussen, Sohn Wilhelms II. und der Prinz von Hessen den Pförtnern als Bewohner des Palais unbekannt geblieben sein, oder dienen sie nicht Hanfstaengl selber als Alibi?
Auch nach dem Krieg konnte Hanfstaengl eine irgendwie geartete Mittäterschaft an der Brandstiftung nicht zugeben, da diese bis ende der 70 er Jahre nicht verjährt und mit lebenslänglicher Gefängnisstrafe bedroht war.
Für Görings Überraschtheit durch den Brand führt Mommsen als wesentlichste Aussage diejenige des damaligen Staatssekretärs im preussischen Innenministerium Grauert an. Der genaue Text dieser Aussage befindet sich im Zeugenschriftum des Instituts für Zeitgeschichte und die betreffende Passage lautet wie folgt
In der Brandnacht (27.2.33) befand sich Grauert gerade beim Vortrag, als ein Beamter - nach Grauerts Meinung Daluege - hereinstürzte, um zu melden, daß der Reichstag brenne. Görings Reaktion war so überzeugend und eindeutig, daß Grauert weder damals noch später jemals den geringsten Zweifel daran gewann, daß Göring ehrlich von dieser Mitteilung überrascht wurde. Er erklärte sofort: "Das ist ja eine große Schweinerei! Sofort einen Wagen, ich fahre gleich hin!." Grauert, in schlichtem Zivil, fuhr mit. Der Wagen wurde unterwegs dauernd angehalten von den absperrenden Schupos. An Ort und Stelle war Grauert sehr beeindruckt von dem Flammenmeer und gleich allen anderen zugleich überzeugt davon, daß mehrere Brandstifter am Werke gewesen sein mussten. Erst später kam ihm zum Bewußtsein, daß der Riesenbrand einfach darauf zurückzuführen war, daß der Kuppelbau wie ein Riesenkamin wirkte.(Ich fragte ihn, ob er niemals mit jemand anderem darüber gesprochen hätte. Er verneinte etwas überrascht.)
Beim Reichstag angekommen, trennte sich Grauert von Göring und bemühte sich als Leiter der Polizeiabteilung und "alter Staatsanwalt" um die Ergründung der Einzelheiten des Brandes. Dabei sprach er auch mit dem Pförtner Wendt. Wendt erklärte ihm auf die Frage, wer als letzter das Haus verlassen hätte, daß dies auf Torgler und dessen Begleitung zuträfe. Sie hätten ihre Mantelkragen hochgeschlagen und einen merkwürdigen Eindruck gemacht. Daraufhin sei er, Grauert, überzeugt gewesen, daß, die Kommunisten mit der Brandstiftung zu tun gehabt hätten."
Die von Tobias niedergeschriebene Aussage Grauerts widerspricht in wesentlichen Punkten der Darstellung in den Verhandlungsprotokollen im Reichstagsbrandprozess vor dem Reichsgericht.
Am 31. Sitzungstag hat Göring als Zeuge ausgesagt, wie er die Nachricht von der Brandstiftung erhielt:
"Zeuge Göring: In jenen Wochen lebte ich fast - möchte ich sagen - nach dem Uhrwerk. Um 11 Uhr begab ich mich meistens von meiner Wohnung ins Preussische Innenministerium. Ich habe in den ersten 5 oder 6 Wochen - glaube ich - von diesem Moment ab ohne Unterbrechung im Innenministerium gesessen bis nachts 1,2,3 Uhr, manchmal noch später ... So saß ich auch an jenem Tage dort. ... Mitten in dieser Arbeit, es mochte 9 Uhr gewesen sein - diese Zeit weiß ich deshalb, weil mir um 9 herum immer ein Tablett mit ein paar Brötchen und einem Glas Bier hereingereicht wurde - , mitten bei diesem frugalen Mahle - ich weiß es noch wie heute - kam die Nachricht: der Reichstag brennt! In diesem Augenblick bin ich überhaupt nicht auf die Idee gekommen, daß der Reichstag angesteckt worden ist. Der Reichstag kann ja schließlich auch brennen durch irgendeine Kleinigkeit, Kurzschluß oder sonst was. Ich ließ sofort sagen: Zurückfragen! Stellt die Verbindung her, ich will hören, was los ist. Und während noch die Verbindung hergestellt wurde, hatte ich aber doch ein Gefühl: nein ich bin Reichstagspräsident, es ist mir ganz wurst ob der Brand klein oder groß ist; sofort hin! Ich ließ den Wagen vorfahren, rief meinen Begleiter Weber, lief herunter, sprang in das Auto und sagte: zum Reichstag! Als wir durch das Brandenburger Tor um die Ecke herumfuhren, stoppte der Wagen einen Augenblick, weil dort die Polizeikette überall war. Ich fragte noch, was hier los ist, und erhielt von irgendeinem, ich weiß nicht mehr, ob es ein Wachtmeister oder ein Offizier war, Auskunft, wobei zum erstenmal das Wort "Brandstiftung" fiel. Aha, da kam für mich zum erstenmal überhaupt der Gedanke: Brandstiftung."
Görings eidliche Aussage widerspricht der von Tobias angeführten späteren Bekundung Grauerts in entscheidenden Punkten. Von der spontanen sofortigen Betroffenheit und der Riesenschweinerei aus Grauerts Bericht ist nichts enthalten. Und dann: Sollte der überaus eitle Genußmensch Göring als Reichsminister und kommissarischer preussischer Innenminister brötchenkauend und biertrinkend einem Vortrag seines Ministerialdirktors gelauscht haben?
Göring berichtet auch nicht darüber, daß der Wagen unterwegs dauernd von den absperrenden Schupos aufgehalten wurde.
Vor dem Reichsgericht und vor dem Untersuchungsrichter hat Wendt keineswegs ausgesagt, Torgler und Köhnen hätten den Reichstag besonders auffällig verlassen:
"RA Dr. Sack: Da muß ich entgegenhalten: bei Ihrer Vernehmung vor dem Untersuchungsrichter - das ist Blatt 164 - haben Sie gesagt: "Nun verging einige Zeit. Etwa 20 Uhr 40 kam der Beleuchter Scholz durch das Nordportal, die Nordvorhalle und brachte mit: seinen Schlüssel und Laterne. Er hatte seinen Rundgang beendigt und wollte nach Hause gehen. Während wir noch einige persönliche Worte wechselten, kamen Torgler, Koenen und die Sekretärin die Treppe herunter." Hiernach sieht es aus, als wenn noch einige Zeit vergangen wäre. Und nun sagen Sie : einige Minuten.
Zeuge Wendt: Eine Zeit ist auch soviel wie einige Minuten.
RA Dr. Sack: Sie wollen sagen, Sie meinen damit einige Minuten.- Dann haben Sie vornhin bekundet, Herr Zeuge, etwas auffälliges haben Sie nicht beobachtet. Sie haben das in Ihrer Aussage vor dem Untersuchungsrichter - Blatt 164 - etwas präziser gesagt. Da haben Sie gesagt: irgend etwas Auffälliges habe ich an diesen Personen nicht wahrgenommen."
Zeuge Wendt: Nein, habe ich auch nicht. (Hervorhebung H.F.)
Es ist mehr als bedenklich, Grauert in Sachen Reichstagsbrand als glaubwürdigen Zeugen zu zitieren. Als Grauert im Ermittlungsverfahren gegen Hans Georg Gewehr in Sachen Reichstagsbrandstiftung/Mordfall Rall vernommen wurde, betonte er, daß ihm zur Zeit des Reichstagsbrandes die politische Polizei nicht unterstand.
"Zunächst muß ich erklären, daß ich in der Zeit des Reichstagsbrandes Leiter der Polizeiabteilung im Preussischen Innenministerium war. Dieser Abteilung, also letztlich mir, unterstand die politische Abteilung nicht. Die politische Polizei wurde seinerzeit von Ministerialrat Schütz und Oberregierungsrat Diels geführt und unterstand unmittelbar dem preussischen Innenminister."
Ein Interview der Kreuzzeitung mit dem Staatssekretär im preussischen Innenministerium,Herbert von Bismark, erschienen am 1.3.1933, weist daraufhin, daß Grauert eine mit der obigen Darstellung der ermittelnden Kriminalpolizei eine Falschdarstellung gegeben hat.
"Die Abteilung, die heute im Vorder grund des öffentlichen Interesses steht, ist selbstverständlich angesichts der riesig angewachsenen bolschewistischen Gefahr die Polizeiabteilung. Sie hat in der Person des Ministerialdirektors Grauert einen neuen energischen Leiter erhalten, der, wie Herr von Bismarck mitteilt, alsbald eine seit längerer Zeit vorbereitete gründliche Reform durchgeführt hat. Auch die politische Polizei, die zeitweise aus dieser Abteilung herausgenommen war, ist ihr jetzt wieder angegliedert worden." (Hervorhebung H.F.)
Herbert von Bismarck hat auch nach Überlieferung von Fabian von Schlabrendorf davon berichtet, daß Göring sich nicht so verhielt, als sei ihm der Brand ungelegen gekommen.
Staatssekretär von Bismarck fuhr auf die erste Meldung zu seiner Diensstelle, dem Preussischen Ministerium des Inneren, wo er im Zimmer des Ministers Göring den Ministerpräsidenten von Papen vorfand, zu dem sich kurz darauf Hitler gesellte. Bald kam, in strahlender Laune, sich vor Vergnügen auf die Schenkel schlagend, Göring hinzu, um Hitler von dem Brand zu berichten. (Hervorhebung H.F.) Dieser saß mit steinernem Gesicht, ohne eine Gefühlsregung zu zeigen oder auch nur sachliches Interesse zu zeigen, dabei. Bismark hatte das Gefühl, daß Hitler die propagandistische Verwertbarkeit des Reichstagsbrandes überlegte. Schon zu dieser Stunde präsentierte Göring den Kommunisten die wohlvorbereitete Rechnung. Seine Blicke gaben Hitler zu verstehen: "Haben wir das nicht gut gemacht?"
