Seite 375, Absatz 3
"Ohne die Beobachtung von Scranowitz war der Brandablauf viel verständlicher; nach starker Brandentfaltung an der Stirnseite des Saales und einem kurzen Schwelstadium trat der Verpuffungseffekt ein, der zum allgemeinen Aufflammen führte."
Im Gutachten des Branddirektors Wagner gibt es eine Passage, welche Mommsens Annahme zu bestätigen scheint:
"Das Qualmstadium war bei den Verhältnissen im Plenarsaal erst dann zu erwarten, wenn die Brandherde so groß wurden, daß auch die verhältnismäßig gute Sauerstoffzufuhr im Verhältnis zum Umfang der einzelnen Brandherde nicht mehr aussreichen konnte. Es war aber dann andererseits zu erwarten, daß dieses Qualmstadium nur verhältnismäßig kurze Zeit anhalten konnte, da in dem vorhergehenden Primärstadium die Hitzeentwicklung bereits so groß geworden sein mußte, daß der Zeitpunkt der Vernichtung der Glasfenster nicht mehr sehr fern lag. Im Vergleich zu Bränden in anderen Räumen war also bei den Verhältnissen im Reichstag ohne weiteres damit zu rechnen, daß das Primärstadium (helles Feuer ohne Qualm) verhältnismäßig lange dauern, das Qualmstadium verhältnismäßig kurz, nur wenige Minuten, sein konnte und hierauf nach Vernichtung der ausgedehnten Glasflächen sehr schnell das dritte Stadium der vollkommenen Verbrennung eintreten mußte."
Allerdings überprüft Branddirektor Wagner diese Annahmen weiter anhand der besonderen Bedingungen im Plenarsaal und kommt dann zum Ergebnis, daß die schnelle Inbrandsetzung des ganzen Plenarsaals eine besondere Präparierung voraussetzte.
"Weiter ist fraglich, ob nach dem Qualmstadium unter Zugrundelegung der ersten Ausdehnung des Feuers plötzlich der ganze Riesenraum ebenfalls wieder in nur wenigen Minuten in Brand gesetzt werden konnte, ohne daß hierzu besondere Hilfsmittel erforderlich waren."
Nach Dr. Wagners Ermittlungenstand einer schnellen Inbrandsetzung des gesamten Raumes folgendes entgegen:
"Damit das Eichengestühl im Plenarsaal in Brand geraten konnte, mußte es durch fortschreitende Erwärmung und Glimmstadium für das helle Aufflammen weiter vorbereitet werden. Wagner betont, daß nicht die Möbelstücke selber brennen, sondern Brandgase, welche bei Erwärmung des Materials frei werden.
Wichtige Faktoren für die Entstehung eines Feuers sind: 1. die Initialzündung, 2. eine gewisse Vorwärmung der Stoffe, die eine Vergasung zur Folge haben, da ja kein Stoff selber brennt, sondern von jedem Stoff nur die entstehenden Brand- oder Destillationsgase. Diese Faktoren für die Entstehung eines Brandes müssen erweitert werden für die Vorbedingungen zum Weiterbrennen eines Feuers. Hierzu ist notwendig eine gewisse Intensität des ersten, des Primärbrandes, die ermöglichen soll, daß der anzuzündende Stoff oder das anzuzündende Möbelstück oder das Material auf eine Temperatur gebracht wird, bei der Brandgase frei werden, die nunmehr in Brand geraten können."
Wagner betont weiter, daß das Eichengestühl mit Lederbezug, das im Plenarsaal vorherrschte, nur sehr schwer, also nur durch sehr hohe Temperaturen in Brand zu setzen war
"Die massiven Eichenstühle sind ganz besonders schwer in Brand zu setzen, auch ihre Lederpolsterung widersteht einer Inbrandsetzung fast gänzlich., das Leder selbst brennt nicht hell auf, sondern verschmort bei stärker anhaltender Hitzeeinwirkung ohne besondere Flammenerscheinung."
Das offene Feuer an der Stirnseite des Plenarsaals war ja von Lateit für ca 21.22 als recht begrenzt angegeben worden. Er hatte eine ca 3 Meter breite Feuerwand auf dem Podium gesehen, die noch etwas höher als drei Meter war.
Nur sechs Minuten später war nach den Aussagen der Feuerwehrleute Klotz, Wald und Puhle der gesamte Plenarsaal, also das gesamte Gestühl in Flammen aufgegangen.
Durch das begrenzte Feuer auf dem Podium der Stirnseite des Plenarsaals konnte in dieser kurzen Zeit, ob nun durch die Sprengung der Glasdecke reichlich Sauerstoff zugeführt wurde und der Plenarsaal durch die hohe Kuppel wie ein Kamin wirkte oder nicht, das Eichengestühl nicht zum Aufflammen gebracht werden, weil die Hitzestrahlung nicht ausreichen konnte, das Gestühl auf Zündtemperatur zu bringen. Das rasche Auflammen des gesamten Plenarsaales ließ sich für Dr. Wagner, da es eben an einem ausgedehnten, langanhaltenden offenen Feuer (Primärstadium) gefehlt hatte, nur durch eine Präparierung des Saales mit geeigneten Brennmitteln erklären:
"Umso auffallender ist daher, wenn wir berücksichtigen, daß das Feuer vorher in geringem Umfange brannte, die schlagartige Entzündung des ganzen Raumes. Hier tritt eine Steigerung der rätselhaften Entwicklung des Feuers ein, die sich nicht erklären läßt, solange man nicht eine Präparierung des Raumes in Erwägung zieht."
Mommsen hat diese Zusammenhänge ausser Acht gelassen. Er führt keine Belege dafür an, daß es an der Stirnseite des Plenarsaals ein umfangreiches und lang anhaltendes Feuer gegeben habe, welches eine ausreichende Erhitzung des Gestühls auf Zündtemperatur (für die Aufflammung) möglich machte, denn auch er beruft sich auf die Zeugenaussage Lateits, um 21.22 hätten nur Vorhänge am Präsidententisch und Präsidententisch gebrannt und auf die Zeugenaussage von Brandmeister Klotz, um 21.24 sei der Plenarsaal bereits verqualmt und das Feuer an der Stirnseite bereits erloschen gewesen, bevor der Plenarsaal um 21.27/8 völlig aufflammte.
