Seite 362, Absatz 3, Fußn. 35
"Als nächster scheiterte Sommerfeldt. Als
er mit seinem vorläufigen Untersuchungsergebnis für den Amtlichen Preussischen
Pressedienst nachts gegen 1 Uhr zu Göring
kam, schrie dieser ihn unbeherrscht an,
änderte die Angaben bezüglich der Menge
des Brandmaterials und der Täterzahl und reagierte auf Einwände Sommerfeldts mit einem
Ausbruch: 'Nichts ist unmöglich! Ein Mann?
Das war nicht ein Mann! das waren zehn,
zwanzig Männer. Mensch wollen Sie denn nicht
begreifen? - das war die Kommune! Das ist das
Signal zum kommunistischen Aufstand! Das Fanal!
Es geht los!' ... Er verwarf es (Sommerfeldts
Kommuniqué H.F.) und diktierte auf der Grundlage
offenbar von Goebbels stammender Materialien
einen neuen Bericht, der nicht auf den Ermittlungsergebnissen, sondern den an der Brandstätte geäusserten Vermutungen beruhte.
35"
"35 Das war Sommerfeldts später, nicht unwahrscheinlicher Eindruck (vgl. S. 31), gl. Den bei Tobias Anh. 14 abgedruckten WTB-Bericht vom 28.2., 2. Frühausgabe"
Sommerfeldt hat in dem von Mommsen zitierten Erinnerungsbuch 'Ich war dabei...', Darmstadt 1949 beschrieben, wie Göring auch die Mengen an Brandmaterial für das Amtliche Kommunique veränderte. Es ist aufschlußreich die gesamte Textstelle zu zitieren:
"Aber er (Göring H.F.) schreit: das ist Quatsch!, er greift einen überdimensionalen Farbstift: 'ein Zentner Brandmaterial? Zehn, hundert Zentner!'Und er malte eine dicke 100 über meine brave 1.
Nun wurde ich böse: 'Das ist unmöglich, Herr Minister, kein Mensch glaubt Ihnen, daß ein Mann hundert Zentner -'
'Nichts ist unmöglich! Ein Mann? Das war nicht ein Mann! das waren zehn, zwanzig Männer. Mensch wollen Sie denn nicht begreifen? - das war die Kommune! Das ist das Signal zum kommunistischen Aufstand! Das Fanal! Es geht los!'
'Ich glaube das nicht, Herr Minister,' erwiderte ich, 'kein Mensch hat mir etwas davon berichtet, auch Diels nicht, den ich im Reichstag gesprochen habe, er hielt nur eine kommunistische Brandstiftung für möglich. Ich muß dabei bleiben Herr Minister, daß dies die amtlichen Unterlagen sind, die mir auf Ihren Befehl Feuerwehr und Polizei für den amtlichen Bericht gegeben haben.'
Göring sah mich einen Augenblick prüfend an, dann warf er wütend den Riesenbleistift auf die Schreibtischplatte: 'Ich werde den Bericht Fräulein Grundtmann selbst diktieren. Sie können dabei bleiben.'
In einem Zuge diktierte er nun der Sekretärin einen Bericht, ab und zu einen Blick in ein Schriftstück werfend. Dieser Bericht unterstellte als erwiesen, daß mit dem 'Fanal' des angezündeten Reichstags ein kommunistischer Aufstand mit Mord und Brand ausbrechen sollte. Die Inschutzhaftnahme der kommunistischen Funktionäre und das Verbot der 'marxistischen Presse' wurde verkündet. Meine Zahlen multiplizierte Göring mit einem schiefen Blick hin zu mir mit zehn.
...
Aber meine ordentlichen Zahlen wurden so frech vor meinen Augen gefälscht, daß ich den fertig geschriebenen Bericht dem Minister noch einmal vorlegte mit der Bitte, ihn mit seinem Namen abzuzeichnen.'Warum denn das?' fragte er erstaunt. 'Weil dies kein amtlicher Bericht über einen Großbrand ist, Herr Minister, sondern ein politisches Dokument. Die Nachrichtenbüros werden es nur übernehmen, wenn Sie verantwortlich dafür zeichnen'. Schweigend schrieb Göring sein markantes großes 'G' unter die letzte Seite."
In demselben Erinnerungsbuch behauptet Sommerfeldt, er habe bei der Vorbereitung des Leipziger Prozesses auch gegenüber der Reichsanwaltschaft im Beisein von Görings Justitiar van Berg gedroht, er werde aussagen, wie der Amtliche Bericht durch Göring selbst zustande gekommen sei. Darauf sei er nicht als Zeuge im Prozess vernommen worden und Göring habe bei seiner Aussage in Leipzig die Verantwortung für den Bericht übernommen.
"Die Sensation des Prozesses war die Zeugenvernehmung Görings. Von der Reichsanwaltschaft erfuhr ich, daß die inzwischen berüchtigt gewordene Verlautbarung des Preussischen Pressedienstes von Bedeutung sein werde, da sie im Widerspruch zu den Aussagen der Sachverständigen der Feuerwehr und der Polizei stand. Wer wußte das besser als ich? So erklärte ich der Reichsanwaltschaft in einer Besprechung, zu welcher der juristische Berater Görings zugezogen wurde, ich werde in einer Zeugenaussage das Zustandekommen der Verlautbarung in der Nacht vom 27. zum 28. Februar schildern, wie es den Tatsachen entsprach, daß nämlich mein Bericht mit den Unterlagen und Aussagen der Sachverständigen übereinstimmte, während der völlig abweichende und in der Öffentlichkeit erschienene Bericht von Görings Hand stamme. Meinen abgelehnten Entwurf und den von Göring signierten Bericht werde ich vorlegen.
Das ist ein unerhörter Affront gegen den Herrn Minister" rief Görings Justitiar entsetzt, und die Reichsanwälte sahen schon ihre Anklage in Gefahr kommen. Man schlug mir mildere oder unverbindliche Formulierungen vor., aber ich blieb bei meinem Standpunkt, daß ich dieses Kommunique nicht gemacht, also auch nicht zu verantworten habe. Dem Justitiar blieb nichts anderes übrig, als Göring entsprechend zu informieren. Göring zog sich aus der Affäre, indem er bei seiner Zeugenvernehmung erklärte: "Die amtliche Verlautbarung über den Reichstagsbrand habe ich dem Oberregierungsrat Sommerfeldt diktiert und trage allein dafür die Verantwortung." Auf mein Zeugnis wurde daraufhin verzichtet"
Im Protokoll der Aussage Görings findet sich davon nichts, im Gegenteil, Göring verweist auf Sommerfeldt's Verantwortung
"Ich selbst habe mit all diesen Berichten und Gerüchten überhaupt nichts zu tun. Wenn gesagt worden ist ich habe den Preussischen Pressedienst direkt oder indirekt zu diesen Dingen veranlasst, so stimmt das nicht. Ich habe den Oberregierungsrat vom Preussischen Pressedienst am ersten Abend kommen lassen und ihm in großen Zügen gesagt, wie zu arbeiten sei; seine Aufgabe sei nunmehr, ganz klar und eindeutig dem Volke zu sagen, worum gespielt wurde. Wenn manche Beobachtungen, Unterlagen und Nachrichten sich nachher nicht als hundertprozentig stichhaltig herausgestellt haben, so ist das begreiflich ... Aber dabei spielte der Preussische Pressedienst so gut wie gar keine Rolle. Er hatte seine Hauptmarschrichtung bekommen, und ich überliess es jetzt dem Führer des Preussischen Pressedienstes, von sich aus das Notwendige zu veranlassen."
Sommerfeldt hat 1934 das Buch 'Kommune' veröffentlicht, wo er Görings Aussage in großen Auszügen abdruckt, ohne sich zu distanzieren.
1989 hat Ostberlin in Reichstagsbrandprozess, Dokumente, Band 2 ein Dokument abgedruckt, welches Sommerfeldt bei der Vorbereitung der Zeugenaussage Görings verfasste, und welches über eine Besprechung mit der Reichsanwaltschaft berichtet. Darin trägt Sommerfeldt einen Sachverhalt vor, der in Widerspruch zu seiner Nachkriegsaussage mutigen Verhaltens gegenüber Göring steht. Die Reichsanwaltschaft meine, so berichtet er, Göring müsse vor dem Reichsgericht, sollte ein Vorwurf erhoben werden, die Verantwortung für die falschen Angaben in den Berichten des Preussischen Pressedienstes auf ihn, Sommerfeldt schieben. Von einer Anwesenheit des Göringschen Justitiars bei der Besprechung mit der Reichsanwaltschaft ist keine Rede, von seinem eigenen Widerspruch gegen diesen Vorschlag auch nicht.
Tatsächlich ist so verfahren worden, wie es nach diesem Dokument die Reichsanwaltschaft vorgeschlagen hatte.
Der amtliche Bericht des Preussischen Pressedienstes, der am 28. 2. 33, also nach der Brandnacht herausgegeben wurde, enthielt gar nicht die übertriebenen Angaben über Täteranzahl und Brandmaterialmengen, wie Sommerfeldt in der von Mommsen angesprochenen Stelle seines Buches schreibt. Schon dies hätte Mommsen bei seiner Überprüfung auffallen müssen. Tobias hat kurz diesen Widerspruch angesprochen (Tobias, Reichstagsbrand, Seite 123) aber nicht weiter untersucht.
Ein amtlicher Bericht des Preussischen Pressedienstes, welcher hohe Angaben über Täterzahl und Brandmittelmengen enthielt, datiert erst vom 1.3.1933 und kann nicht schon am Brandabend von Göring verfasst und Unterzeichnet worden sein, da er Angaben der Ermittlungen vom 28. 3. 33 enthielt.
Dies alles zeigt, daß Sommerfeldt nach dem Krieg bezüglich der Urheberschaft des amtlichen Berichts die Unwahrheit erzählte und diese auch mit Diels abgestimmt haben muß, da Diels in seinem Buch Lucifer ante Portas, ebenfalls 1949 erschienen, dieselbe falsche Darstellung über den amtlichen Pressebericht gibt.
"Doch meine Meditationen waren völlig unerheblich für den Gang der Dinge. Während der Unterhaltung mit Goebbels, den ich bei dieser Gelegenheit kennenlernte, hatte Göring längst 'Nägel mit Köpfen' gemacht. Er hatte die sachliche Darstellung, die sein Pressereferent Sommerfeldt entworfen hatte und die alle Möglichkeiten für die Beurteilung der Tat offenließ, nicht akzeptiert. Göring hatte selbst eine wilde Fanfare wie vor einer Woche nach der Überholung des Liebknechthauses verfasst. Um Mitternacht wurde sie schon durch Wolffs Telegrafenbüro und die Telegraphenunion verbreitet."
"... als ich am kommenden Morgen die phantastischen Verlautbarungen Görings in der Morgenpresse las, frug ich am Fernsprecher mit großem Erstaunen Sommerfeldt, was denn aus seiner Darstellung des Reichstagsbrandes geworden sei. Sommerfeldt antwortete in einiger Verzweiflung:
'Aus meinem Text hat er nur ein und stehen lassen'"
Mommsen übernimmt Sommerfeldts und Diels Falschdarstellung völlig kritiklos. Er läßt unbeachtet daß 1948, also zu der Zeit, wo diese Darstellungen verfasst wurden, strafrechtliche Untersuchungen in Sachen Reichstagsbrand gegen Diels und andere unternommen wurden (z.B. Staatsanwalt Hans Sachs, Nürnberg) und daß Sommerfeldt und Diels ein Interesse haben konnten, Schutzbehauptungen aufzustellen.
