Der Reichstagsbrand

Hersch Fischler

Hans Schneiders unvollendetes Manuskript "Neues vom Reichstagsbrand?"

Ein unbequemer Forschungsbericht und seine Unterdrückung im Münchner Institut für Zeitgeschichte

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Nach der Lektüre des Schneider´schen Manuskripts, erst recht nach dem Auffinden der oben erwähnten Aktennotiz von Hans Mommsen, erschien es mir notwendig, nach Hans Schneider oder seinem Nachlass zu suchen. Noch im Sommer 2000 ermittelte ich den Sohn von Hans Schneider, Prof. Dr. Hans Jörg Schneider, was wegen des häufigen Nachnamens und eines lange zurückliegenden Fortzuges der Familie aus Freudenstadt nur mit einigem Glück möglich war. Hans Schneider, geboren 1907, war 1994 verstorben. Ich informierte Hans Jörg Schneider über den Manuskriptfund und die Aktennotiz Hans Mommsens und bekam Einsicht in den Nachlass seines Vaters, der in Sachen Reichstagsbrand im wesentlichen aus Korrespondenz zu seinen Forschungsarbeiten über den Reichstagsbrand bestand, die den Zeitraum von 1959 bis 1972 umfasste. Kopien des Manuskripts fehlten im Nachlass, die Korrespondenz mit dem Institut für Zeitgeschichte war nur sehr lückenhaft erhalten. Im Briefwechsel mit Zeitschriften z.B. Der Monat, und Verlegern, z.B. Günter Olzog berichtete Hans Schneider im Frühjahr 1963, dass die IfZ Institutsleitung über Verzögerungen der Fertigstellung seines Manuskripts die Geduld verloren habe.9 Sie wolle nicht nur entgegen der vertraglichen Vereinbarungen seine Forschungsergebnisse nicht veröffentlichen, sondern untersage ihm auch, sie an anderer Stelle selbst zu publizieren, verbiete ihm die Nutzung der Quellenmaterialien des Instituts und drohe ihm mit negativen Folgen, falls er dem Publikationsverbot des Instituts nicht nachkomme. Er führte diese Haltung auf Druck von außen auf das Institut bzw. Rücksichtnahme seitens des Instituts gegenüber "Tobias, Augstein und Genossen"10 zurück, wollte sich aber dem Publikationsverbot nicht beugen, und bot ein auf über 80 Schreibmaschinenseiten erweitertes Manuskript an, das bislang nicht aufgefunden werden konnte und zu dessen Publikation es nicht kam. Im Jahre 1963 verfasste Hans Schneider unter dem Titel "Nach dreißig Jahren" eine gedrängte Zusammenstellung seiner Kritikpunkte an der Alleintäterthese, die jüngst von Dr. Dieter Deiseroth in den Akten des Wiederaufnahmeverfahrens van der Lubbe beim Landgericht Berlin aufgefunden wurde. Sie war in Schneiders Korrespondenz erwähnt, lag aber weder in seinem Nachlass noch fand sie sich im IfZ-Archiv bei seiner dort archivierten Korrespondenz und seinem Manuskript. Der Text "Nach dreißig Jahren" ist im Anschluss an sein Manuskript mit einer Vorbemerkung von Dieter Deiseroth abgedruckt.

Im September des Jahres 2000 erhielt ich, nach anfänglicher Ablehnung seitens der Institutsleitung, Einsicht in weitere Aktennotizen des Jahres 1962, die Hans Schneiders Manuskript betrafen, sowie auch in Korrespondenz zwischen Hans Schneider und dem Institut aus dem Zeitraum 1961-1964. Aus diesen Akten, die sich noch in Altregistratur befanden und noch nicht ins Hausarchiv eingeordnet waren, ging hervor, dass Schneider im Sommer 1963 mehrere Termine für die Abgabe des vollständigen Manuskripts versäumt hatte. Sein regulärer Dienst als Oberstudienrat und Erkrankungen verzögerten seine Arbeit. In dieser Zeit wurde eine harsche Kritik an der Behandlung des Themas "Reichstagsbrand" des Instituts in der Illustrierten Kristall publiziert, die vorwarf, das Institut würde kommunistische Fälschungen zum Reichstagsbrand, die eine NS-Täterschaft behaupten, der nüchternen Aufklärung des Falles durch Tobias vorziehen und mit einem Schullehrer aus dem Schwarzwald einen Nichtfachmann für das Thema beschäftigen. Kristall wurde damals von einem früheren Spiegelressortleiter geführt, der in der Zeit der Publikation der "Spiegel"-Serie noch beim "Spiegel" gewesen war.11

Als Schneider Ende Oktober 1962 das 56seitige Manuskript als Torso ablieferte, erklärte ihm der damalige IfZ Direktor Helmut Krausnick, das Institut werde seine Forschungsergebnisse nicht publizieren, weil sein Manuskript selbst bei Fertigstellung keine schlüssige Widerlegung der Tobias-These erwarten lasse. Er untersagte Hans Schneider darüber hinaus die Publikation des Manuskripts, entzog ihm die Nutzung der Quellenmaterialien des Instituts zum Reichstagsbrand, verbot ihm, aus diesen Quellen zu zitieren, obwohl sie größtenteils von Hans Schneider für das Institut in zwei Jahren intensiver Forschungsarbeit aufgefunden worden waren. Er setzte ihn unter Druck, indem er ihm für den Fall des Festhaltens an Publikationsabsichten mit der Einschaltung von dessen obersten Vorgesetzten im Kultusministerium Baden-Württemberg drohte (Hans Schneider war 1962 Oberstudienrat in Freudenstadt/Schwarzwald). Institutsdirektor Helmut Krausnick war also gegenüber Hans Schneider tatsächlich nach den Empfehlungen verfahren, die Hans Mommsen in der Aktennotiz vorgebracht hatte und bei der es darum ging die Publikation insgesamt zu verhindern. (siehe Anhang Dokumente 2,3)

Ich informierte die Leitung des IfZ über das Ergebnis meiner Auswertung des Manuskripts "Neues vom Reichstagsbrand?", der Aktennotiz von Hans Mommsen, der ergänzend zugänglich gemachten Aktennotizen und Korrespondenz aus der Altregistratur, sowie des Nachlasses von Hans Schneider und bat um eine Stellungnahme zu den damaligen Vorgängen um Hans Schneiders Forschungsarbeit und Manuskript.12 Institutsdirektor Prof. Dr. Horst Möller ließ den Archivleiter Dr. habil. Hartmut Mehringer für das Institut antworten. Hartmut Mehringer teilte im Wesentlichen folgendes mit: "Das Institut habe keine "offizielle" Haltung gegenüber einer fast 40 Jahre zurückliegenden Aktennotiz eines wenig später ausgeschiedenen Mitarbeiters."

Der von mir eingesehene Aktenbestand gebe umfassend Auskunft über das gescheiterte Bemühen von Herrn Schneider eine publizierbare Widerlegung von Tobias´ Veröffentlichung über die Urheberschaft des Reichstagsbrandes abzufassen.

Das Institut für Zeitgeschichte sehe keinen Anlass in der Angelegenheit Reichstagsbrand eigene Untersuchungen anzustellen, solange nicht neue Quellen und Fakten auf den Tisch kommen.13


9 Schreiben Hans Schneider an Der Monat, R. Allemann, vom 10.2.63 und H.S. An Günter Olzog Verlag vom 13.1.1963, in Nachlaß Hans Schneider, Privatbesitz. [Zurück zum Text]
10 Schreiben Hans Schneider an Der Monat, R. Allemann, vom 10.2.63, S.2, in Nachlaß Hans Schneider. [Zurück zum Text]
11 Zeitschrift Kristall, Heft 9, 1962. [Zurück zum Text]
12 Schreiben an IfZ, Prof. Dr. Horst Möller vom 23.8.2000. [Zurück zum Text]
13 Schreiben IfZ, Dr. habil. Vom 9.11. 2000 an Prof. Dr. Mark Crispin Miller, NYU (Prof. Miller, mit dem ich zusammenarbeitete, hatte parallel an das IfZ, Herrn Prof. Möller, geschrieben, es erfolgte nur eine Antwort). [Zurück zum Text]


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