Nicht nur, dass Schmidt zentrale Argumente, also Inhalte, von Tobias' Reichstagsbandserie wie gesehen im SPIEGEL Anfang 1957 vorwegnahm, er platzierte ein Jahr später unter seinem bekannten Pseudonym P.C. Holm einen ähnlichen Artikel in der WELT am SONNTAG.15
Selbstverständlich kann im Rahmen dieser Analyse der geschichtspolitischen Machenschaften Schmidt-Carells nicht die Frage geklärt werden, ob denn nun van der Lubbe der alleinige Brandstifter am 27. Februar 1933 war, ob er Hintermänner oder Mittäter hatte oder gar nur zum Pseudotäter und Sündenbock manipuliert wurde. Eine Fülle von Indizien für eine wahrscheinliche NS-Täterschaft haben schon Alexander Bahar und Wilfried Kugel 2001 in umfassender Weise vorgelegt16 ; ein Befund der durch verschiedene Beiträge in dem jüngst erschienenen, von Dieter Deiseroth herausgegebenen Sammelband bestätigt wird.17 Nachgewiesen wurde allerdings, dass Paul Karl Schmidt weit stärker als bisher bekannt eine aktive Rolle beim Durchsetzen des Geschichtsbildes vom Alleintäter van der Lubbe spielte. Nachgewiesen werden konnte auch, dass Schmidts Tätigkeit als Bearbeiter des Manuskripts von Tobias nicht erst 1958, sondern schon im Frühjahr 1957 begann.18 Unklar ist, wann und warum die Zusammenarbeit Schmidts mit Tobias endete. Noch am 14. März 1958 verteidigte Tobias in dem bereits genannten Schreiben an den Mitarbeiter des SPD-Parteivorstandes Willi Peters, er habe "den Artikel von P.C. Holm mit großem Interesse gelesen" - gemeint ist Schmidt-Holms Artikel in der "Welt am Sonntag" vom 23.2.1958 - habe aber "die Tendenz, die Nazis vom Verdacht der Brandstiftung reinzuwaschen darin nicht gefunden". Das Gleiche gelte für die Serie Schmidts "Ich bin ein Lump, Herr Staatsanwalt", die ihm auch "tendenzmäßig in keiner Weise unangenehm aufgefallen" sei.19
Tobias zeigte also mindestens bis Mitte März 1958 eine positive Einstellung zur Tendenz von Schmidts hier ausführlich zitierten und erörterten Artikeln zum Reichstagsbrand. Ein Dissens mit dem ihm Anfang 1957 vorgestellten Bearbeiter seines Manuskriptes zum Reichstagsbrand ist nicht zu erkennen. Die Aufkündigung der Zusammenarbeit muss also nach dem 14. März 1958 erfolgt sein. Entweder trennte sich Tobias von Schmidt nach diesem Zeitpunkt, weil er mit der Arbeit Schmidts unzufrieden war und sich lieber allein auf den zuständigen Redakteur Zacharias verließ.20 Oder der durch die NS-Vergangenheit Schmidts verursachte Skandal um die Zeitschrift "Kristall" Anfang August 1959, bei der vier Redakteure kündigten, als Schmidt zum Ressortchef Politik ernannt werden sollte, knapp drei Monate vor dem Start der "Spiegel"-Serie zum Reichstagsbrand, ließ aus Sicht der Verantwortlichen beim SPIEGEL, und auch bei Fritz Tobias, Schmidt als freien Mitarbeiter und Serienbearbeiter nicht mehr tragbar erscheinen. Immerhin druckten drei Zeitungen, die Frankfurter Rundschau am 6.8.1957 sogar als Faksimile, die propagandistische Initiative Schmidts vom 27. Mai 1944 zur Vorbereitung und Rechtfertigung der Judendeportationen aus Budapest ab und Schmidts Holocaust PR geriet vorübergehend in die Schlagzeilen.21
13 Für die These, dass Schmidt hier einen "Versuchsballon" im Hinblick auf die Kernthese der
späteren Reichstagsbrandserie startete, spricht auch die briefliche Mitteilung von Fritz Tobias v. 1.12.2004 an den
Verfasser, Schmidt sei bereits bei seiner ersten Vorstellung durch Augstein Anfang 1957 mit drei Ordnern von Tobias in
Händen zur Besprechung erschienen. Vgl. dazu Benz, Paul Carell, S. 75. [Zurück zum Text]
14 Süddeutsche Zeitung v.15./16. Juli 2006: Leserbrief von Prof. Dr. Hans Mommsen zu dem in
Fußnote 7 genannten Beitrag der SZ. [Zurück zum Text]
15 Wer steckte den Reichstag an? Von P.C. Holm (= Paul K. Schmidt). In: WELT am SONNTAG,
23.Februar 1958. [Zurück zum Text]
16 Alexander Bahar / Wilfried Kugel: Der Reichstagsbrand. Wie Geschichte gemacht wird.
Berlin 2001 [Zurück zum Text]
17 Dieter Deiseroth (Hg.): Der Reichstagsbrand und der Prozess vor dem Reichsgericht. Mit
Beiträgen von Alexander Bahar, Dieter Deiseroth, Hersch Fischler, Hermann Graml, Ingo Müller und Reinhard Stachwitz.
Berlin 2006. In dem Band attestiert der langjährige IFZ-Historikers Hermann Graml, der dieser These einer
NS-Täterschaft kritisch gegenübersteht, Alexander Bahar, Hersch Fischler u.a. ausdrücklich, die Forschungen zum
Reichstagsbrand durch gründliche Untersuchungen erst seit Anfang der 90er Jahre im Bundesarchiv zugänglicher Quellen
(u.a. originale Akten von Reichsgericht und Politischer Polizei), die vorher in sowjetischen und DDR-Archiven lagerten,
versachlicht und vorangebracht zu haben. Nach Graml stellt die auf diesen Dokumenten basierende Indizienkette aber
keinen endgültigen Beweis für die NS-Täterschaft dar, "auch wenn konstatiert werden kann, dass alte Verdachtsmomente,
die auf NS-Täterschaft spekulieren ließen, aufgefrischt und außerdem zusätzliche Verdachtsmomente entdeckt wurden"
(Beitrag Graml, S. 29). [Zurück zum Text]
18 Diesen Zeitpunkt nennt Tobias schon in seiner Aussage vor dem Amtsgericht Hannover am
6. Juli 1961 und am 1.12.2004 in seiner brieflichen Mitteilung an den Verfasser. Vgl. Benz, Paul Carell, S. 72 u. S.
75. [Zurück zum Text]
19 Brief Fritz Tobias an Willi Peters v. 14.3.1958, siehe Fußnote 6.
Aus einem Brief Tobias' vom 24.4.1958 an den SPD-Mitarbeiter Jürgen Warner zitiert der
SPIEGEL-Redakteur Wiegrefe in seinem in Fußnote 2 genannten Artikel "Flammendes Fanal". [Zurück zum Text]
20 So übereinstimmend Tobias in seiner Vernehmung am 6. Juli 1961 sowie Klaus Wiegrefe in
seinem "Spiegel"-Artikel "Flammendes Fanal". Vgl. dazu Benz, Paul Carell. S. 71 f. [Zurück zum Text]
21 Hamburger Echo v. 6.8.1959, Hannoversche Presse v. 8.8.1959 und Frankfurter Rundschau
vom 6.8.1959. Dazu ausführlich Benz, Paul Carell, S. 81 ff. [Zurück zum Text]