So ein Berlin hat es auch einmal gegeben. Wo es lag und wer dort wohnte, verraten wenige schiefwinklig zusammengedrängte Namen auf dem Innenstadtplan: Propststraße, Brüderstraße, Klosterstraße, Jüdengasse, Molkenmarkt, Mühlendamm, Fischerinsel, Schloßplatz. Viel mehr als die Namen ist von Alt-Berlin nicht geblieben. Von der realsozialistischen Touristenfalle, die in den achtiger Jahren rund um die älteste Kirche Berlins aufbetoniert wurde, vom Nikolaiviertel, reden wir lieber nicht.
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Die heutige Sperlingsgasse ist ein schmaler Asphaltstreifen mit zugeparkten Rändern hinter dem Staatsratsgebäude, ausgewiesen
als Sackgasse. Auf der einen Seite trennt sie ein Gitterzaun von dem Garten, in dem sich demnächst der Kanzler von seinen
Regierungsgeschäften entspannen soll. Sicher wird die Sperlingsgasse dann zu den am schärfsten bewachten Straßen Berlins
gehören. Auf der anderen Straßenseite verschattet sie ein einziger häßlicher Plattenbau. Die einhundert Briefkästen tragen
Aufschriften wie Mitropa, KfW, Interbuilding Marketing, CT Projekt und Forschungsverbund E. V. Am Straßenrand zeugen
solarbetriebene Parkscheinautomaten neben schaurig-schummrigen DDR-Betonkandelabern vom Bemühen der Stadtverwaltung, das
historische Zentrum zu verschönern. Zu liebkosen gibt es da nichts.
Die kurze Sackgasse endet an einem Spreearm. Daher hieß sie im 16. Jahrhundert einfach "Neue Gasse zur Spree", dann "Spreegasse" und schließlich "Spreestraße". Erst 1931 wurde sie in Sperlingsgasse umbenannt. Damals feierte man den 100. Geburtstag des Romanschriftstellers Wilhelm Raabe. Die Gelegenheit, ihm eine Straße zu widmen, hatte die Stadt schon kurz nach seinem Tod genutzt: Seit 1902 gibt es eine Raabestraße im Bezirk Prenzlauer Berg. Zur Hundertjahrfeier benannte man, was selten genug vorkommt, eine Straße nach einem literarischen Werk, nach Raabes erstem Roman "Die Chronik der Sperlingsgasse". |
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Als der Dreiundzwanzigjährige zu Ostern 1854 aus Magdeburg nach Berlin übersiedelte, mietete er sich im Haus Spreegasse Nr. 11 bei einem Schneider in der Beletage ein. Da der schüchterne junge Mann die Schule und eine Buchhändlerlehre vorzeitig abgebrochen hatte, konnte er lediglich als Gasthörer an den Vorlesungen in der nahegelegenen Universität teilnehmen. Raabe soll damals seine Schillerausgabe verkauft haben, um von dem Geld Tanzstunden zu nehmen, fand aber in Berlin trotzdem keinen rechten Anschluß. "Ohne Bekannte und Freunde in der großen Stadt war ich vollständig auf mich selbst beschränkt und bildete mir in dem Getümmel eine eigene Welt", heißt es in einem Brief. Schon zwei Jahre später hat Raabe Berlin wieder verlassen. Doch in die Zeit seines Aufenthalts fällt seine Selbstfindung als Schriftsteller. Fasziniert vom Stadtleben und besonders vom Treiben vor der vor der eigenen Haustür begann der Taugenichts zu schreiben:
"Die Sperlingsgasse ist ein kurzer enger Durchgang, welcher die Kronenstraße mit einem Ufer des Flusses verknüpft, der in vielen Armen und Kanälen die große Stadt durchwindet. Sie ist bevölkert und lebendig genug, einen mit nervösem Kopfweh Behafteten wahnsinnig zu machen und ihn im Irrenhause enden zu lassen; mir aber ist sie seit vielen Jahren eine unschätzbare Bühne des Weltlebens, wo Krieg und Friede, Elend und Glück, Hunger und Überfluß, alle Antinomien des Daseins sich widerspiegeln."
Raabes Erzähler ist ein einsamer alter Mann, der die längste Zeit seines Lebens in der Gasse gewohnt hat. In seinen vorgeblich chaotischen, aber von dem jungen Autor sehr kunstvoll komponierten Aufzeichnungen schildert er alles andere als eine biedermeierliche Idylle in einem beschaulichen Altstadtwinkel. Zwar wird das Buch durch eine verwickelte Liebesgeschichte zusammengehalten, die einen märchenhaft glücklichen Abschluß findet. Aber sie hebt sich von einem düsteren zeitgeschichtlichen Hintergrund ab. "Es ist eigentlich eine böse Zeit!" lautet gleich der erste Satz des Romans.
Es wird viel gestorben in der übervölkerten Sperlingsgasse. In den feuchten Kellerlöchern haust das Elend. Den Ärmsten bleibt als einziger Hoffnungsschimmer die Auswanderung nach Amerika. Die soziale Not sei eine nationale Schande, gibt der Autor seinen Lesern zu verstehen. Und er setzt die sozialen Gegensätze krass ins Bild: Das Kind einer Tänzerin läßt er an dem Abend sterben, als die Mutter bei einer rauschenden Vorstellung zum Geburtstag der Königin auftreten muß.
Politische Unruhestifter wie der Zeitungsredakteur Doktor Wimmer werden im Roman von der preußischen Polizei aus der Hauptstadt ausgewiesen. Der sympathische Volksschullehrer Roder flieht nach der gescheiterten Revolution von 1848 nach Amerika. Noch haben die kleinen Leute im Viertel die napoleonische Besatzung und die Opfer der Befreiungskriege in unguter Erinnerung, da drohen schon neue Kriege. Mit einem Wort: Der Weltlauf, wie ihn Raabe auf der Sperlingsgasse als Weltbühne inszeniert, stellt sich als alles zermahlende Katastrophe dar.
Der trostlose Anblick, den der Schauplatz seines Romans heute bietet, wirkt wie die Bestätigung seines Geschichtspessimismus. Es ist, als habe Raabe den Krieg vorausgeahnt, in dem die pittoresken Altstadtwinkel verglühten. In der soziologischen Genauigkeit seines poetischen Romans ist aber auch die zweite große Ursache für das Verschwinden von Alt-Berlin angesprochen. Unter den Bewohnern seiner Sperlingsgasse sind auffällig viele Entwurzelte: Zuwanderer vom Lande, Studenten, alleinstehende Tänzerinnen mit unehelichen Kindern, arme Bohemiens. Die Sperlingsgasse ist ein potentielles Sanierungsgebiet, würden wir heute sagen. Die von Raabe geschilderten Zustände dienten seit der Reichgründung von 1871 als Vorwand, ganze Straßenzüge abzureißen und durch stolze Hauptstadtarchitektur zu ersetzen. Schon zu Kaisers Zeiten wurde rücksichtslos beseitigt, was dem modernen Massenverkehr und dem Ausbau der Altstadt zur City im Wege stand.
Dieser Entwicklung verdankt Raabes Roman seinen verspäteten Aufstieg zum Bestseller. Als das Buch 1856 erschien, interessierte sich kaum jemand dafür. Erst zwanzig Jahre später, als die junge Reichshauptstadt ähnlich wie heute einer einzigen Baustelle glich, wurde es durch illustrierte Nachauflagen populär. Je weniger pittoreskes Alt-Berlin zum Anschauen übrigblieb, desto wichtiger wurde der Roman, in dem die untergehende Lebenswelt der alten Berliner Mitte aufbewahrt war, für den Erinnerungshaushalt der modernen Großstädter.