![]() Georg Schöbel: "Der billige Mann" Lichtdruck nach einer Tuschzeichnung, 1893 |
![]() Georg Schöbel: "Marktschreier" Lichtdruck nach einer Tuschzeichnung, 1893 |
| Aus: Berliner Weihnachtstage: Scenen aus dem Markt- und Straßenleben in 25 Lichtdrucken
nach Tuschzeichnungen / von Georg Schöbel. - Leipzig, Adalbert Fischer´ s Verlag, 1893. - Bl. 10 und 2 Sign.: B 390 Schö 1 a SM |
Und es kam Weihnachten, weiße Weihnachten. Am Vormittag zog Jettchen heimlich zum Weihnachtsmarkt durch den weißen
frostigen Nebel, der ihr ordentlich den Atem vor dem Mund frieren machte. Schon von der Schloßbrücke an hörte man ein
Brausen und Sausen und Lärmen und Geschwirr; und die Kinder mit den Schäfchen hängten sich ihr an das Kleid, bis sie ihren
Zoll entrichtet hatte; und die Waldteufeljungen mit Baschliks über den Ohren und Wolltüchern um den Hals brummten neben ihr
her und erschreckten sie, indem sie die Teufel aus dem Kasten springen ließen und ihre langen, vielgliedrigen Scheren, auf
denen Holzsoldaten exerzierten, ihr plötzlich entgegenschnellten.
In den Buden standen Männer und Frauen, mit Gesichtern rot wie Hahnenkämme, eingewickelt und vermummt in Mäntel und Tücher,
trampelten mit den Füßen, bliesen sich in die roten Hände oder streckten sie über ihre Feuerkieken aus; und dazu zählten
sie ohne Aufhören ihre Waren her, riefen die Vorübergehenden an, stehen zu bleiben, schimpften auf den schlechten
Geschäftsgang, fragten Kunden nach ihren Wünschen und zankten sich mit Nachbarn, die drei Buden von ihnen entfernt
Pfefferkuchen feilboten.
Und zwischen den Budenreihen stapfte und schob sich im niedergetretenen Schnee eine bunte, vielköpfige Menge dahin; Frauen
mit Kindern, die rechts und links an den Zipfeln der Kantentücher zogen und zerrten, wie die Englein am Mantel der Maria;
Väter, von blondzöpfigen Töchtern flankiert, Studenten und schäkernde Liebespaare.
Da es kalt war, hatte aber keiner rechte Lust, die Börse zu ziehen; und wenn der Franzose mit dem Turban sein Fleckenwasser
noch so zungenfertig anpries, die Menge staute sich wohl einen Augenblick vor seiner Rednertribüne, aber sowie er glaubte,
die Leute von der Unfehlbarkeit seines Wassers überzeugt zu haben, und seine Fläschchen in die Menge werfen wollte, da
schob sie lachend und lärmend weiter. Und der arme, zappelnde Turbanträger haspelte von neuem seine französischen
Flickworte heraus, mit ungeschwächter Lungenkraft, durch den grauen Nebel und die Winterkälte.
Bei einem Parfümeriekrämer aus Altona kaufte Jettchen eine Flasche Eau de Lavande und bei einem Lebkuchenbäcker Thorner,
Liegnitzer und Nürnberger Pfefferkuchen und Königsberger Marzipan. Und endlich wählte sie noch beim Pyramidenhändler eine
schöne Pyramide, wohl drei Fuß hoch. Sie war ganz aus grünem Ölpapier aufgebaut, und ihre Zweige trugen zudem noch runde
Perlen aus rotem Lack, und sie prunkte mit einer Unzahl kleiner gelber Wachskerzen. Die kaufte Jettchen, und sie gab dem
Laufjungen noch ein Päckchen dazu; er solle alles heimtragen.
Am nächsten Tag klangen die weißen Straßen wider vom Lärm der Kindertrompeten, und kleine Mädchen in neuen braunen
Wintermänteln und blauen Käppchen trippelten stolz durch den Schnee, ohne sich nach irgendjemand umzusehen, ganz verliebt
in ihre Puppen, die sie vorsichtig auf dem Arm hielten und zärtlicher anblickten, als eine Mutter auf ihr Kind schaut.
Und in der Mitte auf dem Damm katzbalgten sich die Jungen um die Schlitten; und der Sohn vom Holzhacker, dem der Vater
seinen Gleitschlitten zusammengeschlagen hatte aus den verschiedenartigsten Brettern, die er bei seiner letzten Tätigkeit
fürsorglich hatte mitgehen heißen, hielt sein Vehikel, das er am groben Strick nachschleifen ließ, für ebenso schön wie den
Stuhlschlitten von Söhlke, der fünf Taler gekostet hatte und den die Kinder vom Hofrat langsam vor sich herschoben,
eingepackt und eingehüllt wie die Waschbären. Und etwelche Herren sah man sogar die Königstraße hinabeilen, die breiten
Holländer Schlittschuhe am Riemen schlenkernd, die flatternden Spenzer offen, als ob sie der Winterkälte ihre Verachtung
damit kundtun wollten. Man sah sie den Zelten zueilen, allwo sie beabsichtigen, auf dem Eis der Spree ihre Künste spielen
zu lassen vor den bewundernden Blicken der Damen, die auf der Veranda stehen und sich an dem Anblick erlaben durften.
Und auf die frischen und lärmvollen Weihnachtstage folgten ein paar unbestimmte und seltsame Tage, die nicht Fisch und
nicht Fleisch waren, nicht Wochentag, nicht Sonntag, nicht Arbeitstag, nicht Feiertag - die
paar Tage, die da so eingeklemmt liegen zwischen Weihnachten und Neujahr, und von denen keiner recht weiß, was er anfangen
soll. Die Budenreihen am Schloßplatz sanken zusammen; und die Händler, die von außerhalb gekommen waren, zogen mit müden
Gäulen fort in ihren langen Planwagen, aus denen die langen Stangen hervorsahen, hin auf andere Märkte; und es ging
ihnen ebenso wie allem Schönen, das dahinschwindet; im Augenblick waren sie schon vergessen. Und der Platz lag wieder ganz
weit und leer, behütet von dem schwarzen, bebänderten und verschneiten Schloßbau. Die paar Buden in der Breite Straße - das
waren nur so letzte Trabanten. Die zählten ja kaum.
Aus: Jettchen Gebert / Georg Hermann, 1906
In: Weihnachten im alten Berlin / Gustav Sichelschmidt. -
Berlin, arani, 1984. - S. 87-90
Sign.: B 274 Wei 8
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