Die Brotfrage wird auch auf den zahlreichen Arbeiterversammlungen diskutiert, die seit den Märzkämpfen fast täglich
stattfinden. Mitte April wird der Magistrat dazu aufgefordert, die Bäckereien per Verordnung zur Lieferung bestimmter
Brotgewichte anzuhalten. Die zentrale Forderung lautet: Ein Brot für fünf Silbergroschen muß neun bis zehn Pfund wiegen.
Ohne die Reaktion des Magistrats abzuwarten, greifen einige Arbeiter am 17. April 1848 zur Selbsthilfe. Von ihren Frauen und Kindern gefolgt, ziehen sie durch die Innenstadt und prüfen in den Bäckereien auf eigene Faust die Brotgewichte. Der Demonstrationszug wird von einem Arbeiter mit einer Waage in der Hand angeführt. Für große Brote werden lobende Worte ausgesprochen. Wo das Brotgewicht für zu gering befunden wird, nageln die Demonstranten zur Warnung ein Brot an die Ladentür und drohen mit der "Rache des Volkes".
In einer Bekanntmachung vom 18. April verwahrt sich der Magistrat schärfstens gegen die eigenmächtige Prüfungsaktion. Er
verspricht zugleich, sich des Problems der verschiedenen Brotgewichte anzunehmen.
19. April 1848: Das Kriegsministerium versucht, den Streit um die Brotgewichte mit einer Geste des guten Willens zu
entschärfen. Die Behörde stellt dem Polizeipräsidenten eine Ladung Commisbrot zur Verfügung, die zu möglichst günstigen
Preisen an die Bevölkerung Berlins abgegeben werden soll.
Juni 1848: Der Streit um die "Anerkennung der Revolution" und der "Zeughaussturm" erschüttern die Stadt.
Der Demokratische Club beschließt eine Spendenaktion für brotlose Arbeiter, die in der angespannten politischen Lage
zugleich als Werbeaktion um die Gunst der Arbeiterschaft zu verstehen ist. Um möglichst hohe Spendenaufkommen zu erzielen,
ziehen Mitglieder der Demokraten in den Straßen Berlins mit Sammelbüchsen von Tür zu Tür.
Der Magistrat und der Polizeipräsident von Berlin reagieren auf den Spendenaufruf der Demokraten äußerst nervös:
Hauskollekten werden von polizeilichen Genehmigungen abhängig gemacht. Zugleich wird auf die Leistungen der öffentlichen
Armenpflege verwiesen. Als die Demokraten beginnen, trotz eines polizeilichen Verbots öffentlich Brot zu verteilen, werden
die Anführer der Brotaktion verhaftet.
27. Juni 1848: Der Nervenkrieg geht weiter. Als der Demokratische Club die Leistungen der öffentlichen Armenpflege
bezweifelt, protestiert der Magistrat mit einer energischen Erklärung. Wegen des "frechen und unehrerbietigen
Tadels" werden zugleich gerichtliche Schritte gegen die Demokraten angekündigt.
30. Juni 1848: Der demokratische Club beharrt unerschrocken auch weiter darauf, daß die wohltätigen Aktionen der Armenpflege
nur in den städtischen Verwaltungsakten stattgefunden haben.
Der Magistrat reagiert auf diesen erneuten Angriff mit Schweigen. Die städtische Behörde hat mittlerweile andere Sorgen.
Nachdem acht unbesoldete Stadträte ihr Amt niedergelegt haben, muß erst einmal wieder die Arbeitsfähigkeit der Verwaltung
hergestellt werden.
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