Anfang Juni bewegt ein auf den ersten Blick etwas merkwürdiger Streit die Gemüter der preußischen Abgeordneten in der
Singakademie - die Auseinandersetzung um die "Anerkennung der Revolution". Der parlamentarischen Debatte
vorausgegangen war eine Gedächtniskundgebung für die Märzgefallenen auf dem Friedrichshain am 4. Juni 1848, die von der
Nationalversammlung nicht unterstützt wurde. Am 8. Juni bringt der demokratische Abgeordnete Berends in dem Parlament
daraufhin einen Antrag ein, in dem die Nationalversammlung aufgefordert wird, die Verdienste der Märzkämpfer für das
Vaterland anzuerkennen. Zur Begründung seines Antrages führt Berends aus, daß die Barrikadenkämpfer oft öffentlich in
ihrem Ansehen herabgesetzt würden, obwohl auch die Nationalversammlung ohne die Märzereignisse nicht zustandegekommen wäre.
Die politischen Versprechen des Königs seien zudem noch nicht eingelöst worden.Der Streit um die Anerkennung der Revolution erweist sich somit bei genauerem Hinsehen als Streit um den Fortgang der Revolution. Berends versucht mit der Autorität der Märzgefallenen, den Vorrang des Parlaments vor der Krone zu begründen. Für die Demokraten ist es an der Zeit, entschiedene Schritte in Richtung Verfassungsstaat zu machen - wenn notwendig, auch gegen den Widerstand des Königs.
Der Beschluß der Nationalversammlung vom 9. Juni 1848 ist für die Demokraten eine deutliche Abfuhr: Die Versammlung geht mit
einer eher beiläufigen Würdigung der Märzkämpfer zur Tagesordnung über. Dagegen wird die königliche Zustimmung zu der neuen
politischen Entwicklung hervorgehoben und zugleich auf die Notwendigkeit verwiesen, auch die neue Verfassung im Einklang mit
der Krone zu vereinbaren. Friedrich Wilhelm IV. spricht dem Ministerpräsidenten Camphausen für die erfolgreiche
Verabschiedung der etwas gewundenen Kompromißformel ausdrücklich seinen Glückwunsch aus.
"Das kommt von den indirekten Wahlen!" Für das demokratische Lager ist klar, warum der Antrag des Abgeordneten
Berends gescheitert ist. Den konservativen Abgeordneten, die während der Parlamentsdebatte lautstark ihr Mißfallen bekundet
hatten, wird mit öffentlicher Denunziation gedroht. Da radikale Demonstranten vor der Singakademie wütend gegen den
Parlamentsbeschluß protestieren, ist diese Drohung durchaus ernst zu nehmen.
"Wie ein Reactionair im Lindenklub eine entschieden demokratische Färbung bekommt" Ganz so schlimm wie in der
berühmten Diskussionsrunde an der Straßenecke Unter den Linden / Friedrichstraße geht es vor dem Parlament allerdings nicht
zu. Der Minister von Armin und der Abgeordnete Sydow werden jedoch ernsthaft bedroht.
Zu ernsteren Konflikten kommt es erst, als aufgebrachte Demonstranten mit der Bürgerwehr zusammenstoßen und mit dem
"Zeughaussturm" die allgemeine Volksbewaffnung erzwingen wollen.
"Ihr sollt Euch nicht butzkoppen!" Angesichts der Eskalation der Gewalt reißt nun auch Aujust Buddelmeyer der
Geduldsfaden. Er richtet eine energische Strafpredigt an die streitlustigen Demokraten.
18. Juni 1848: Der Konstitutionelle Club wendet sich mit einer ernsten Mahnung an die Bürger Berlins. Die Bedrohung von
Abgeordneten der Nationalversammlung und der Sturm auf das städtische Waffenmagazin sind für die liberalen Bürger
Berlins nicht nur Ausdruck politischer Verblendung. In der radikalen Herausforderung der reaktionären Kräfte sieht der
Konstitutionelle Club zugleich eine ernste Gefahr für den ruhigen Fortgang der politischen Entwicklung.
Der Zeughaussturm ist jedoch nicht die letzte Auseinandersetzung der Bürgerwehr mit radikalen Demonstranten. Im Oktober
1848 erreicht die Gewalt mit der "Schießerei auf dem Köpenicker Feld" ihren letzten Höhepunkt. Am
Potsdamer Hof Friedrich Wilhelms IV. wird seit dem September die Gegenrevolution vorbereitet. Die politischen Ereignisse in
der preußischen Hauptstadt haben seit dieser Zeit nur noch wenig Einfluß auf die Pläne zur Beendigung der Berliner
Revolution.
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