-----
-----
-----
-----
-----
-----
-----
-----
-----
-----
-----
-----
-----
-----
-----
-----
-----
-----
-----
-----
-----
 

Empfehlung des Monats März 2006

 
 
Buchumschlag Speth Wir ernten.jpg

Wir ernten, was wir säen

Speth, James Gustave:
Wir ernten, was wir säen : die USA und die globale Umweltkrise / James Gustave Speth. Aus dem Engl. von Kurt Beginnen und Sigrid Kuntz. - München : Beck, 2005. - 283 S. - 1. Aufl. - Literaturverz. S. [271] - 275
Einheitssacht. Red sky at morning <dt.>
ISBN 3-406-52901-1

 
 

Globale Umweltkrise
Eine pechschwarze Bilanz mit wenigen Grautönen


Um die Dinge richtig zu sehen, meint James Gustave Speth, sollten wir mehr der Wissenschaft vertrauen. Daß ein solcher Ratschlag von einem Wissenschaftler kommt, erhöht nicht unbedingt seine Überzeugungskraft. Denn die Wissenschaft ist ein unübersichtliches und verwirrendes Ordnungs- und Erkenntnissystem voller Widersprüche. Und die Wissenschaftler mögen sich zwar als reine Wahrheitssucher sehen. Jedoch werden sie auch in starkem Maße von den sozialen und politischen Strömungen ihrer Zeit beeinflußt und widersetzen sich den Verlockungen wirtschaftlicher oder politisch-ideologischer Vorteilsnahme viel zu selten - wie die meisten anderen Menschen. Warum soll man ihren Vorschlägen zur Verbesserung der Welt mehr vertrauen als zum Beispiel denen von Politikern? Wer so fragt, erntet in der Regel Hohn und Spott, weil die Frage so naiv klingt. Politiker haben in Sachen Verbesserung der Welt nicht erst neuerdings keinen guten Ruf. Dazu haben sie gewiß das Ihre beigetragen. Die Umweltpolitik kann dafür als Beispiel dienen.

In den Vereinigten Staaten hat das Bewußtsein, die Umwelt sei gefährlich bedroht und könne, falls nichts dagegen unternommen werde, demnächst kollabieren, in den frühen sechziger Jahren durch das Buch "Der stumme Frühling" von Rachel Carson kräftigen Auftrieb erhalten. Seither gibt es dort eine kämpferische Umweltlobby. James Gustave Speth gehört zu ihren erfolgreichen Veteranen, die Seite an Seite mit der Bürgerrechtsbewegung und der Antikriegsbewegung in den Vereinigten Staaten die gesellschaftlichen Werte und Prioritäten verändern wollten. Im folgenden Jahrzehnt fand die amerikanische Umweltlobby offene Ohren bei beiden großen Parteien. Für Speth und seine Mitstreiter waren die siebziger Jahre "ein wunderbares Jahrzehnt für die Umwelt in den USA". Es wurden viele private und öffentliche Umweltorganisationen gegründet und zahlreiche Gesetze zum Schutz der Umwelt im Kongreß verabschiedet. Aber nachdem 1980 der auch von Speth maßgeblich mitgestaltete Bericht "Global 2000" erschienen war - er wurde auch ins Deutsche übersetzt und viel zitiert -, änderte sich das politische Klima. Die letzten 25 Jahre sind eine für den Umweltschutz nicht ganz, aber weitgehend verlorene Periode. Schlimmer noch: "Insgesamt droht auf Grund der Probleme in der Atmosphäre, die alle miteinander zusammenhängen, die größte Umweltkatastrophe der Geschichte."

Das ist eine heftige Aussage. Im allgemeinen formuliert Speth seine Einsichten und Gedanken vorsichtiger, allerdings ohne die Dinge, von denen er meint, daß sie im argen liegen, zu beschönigen. Sein Buch ist eine pechschwarze Zwischenbilanz dieser für den Umweltschutz nicht erfreulichen 25 Jahre. Als tiefere Ursache für diese Entwicklung sieht er die rasche Globalisierung an, welche die Umweltprobleme verschärft hat, ohne daß man auf nationaler Ebene wirksam etwas dagegen tun kann. Jetzt sind die Menschen am "Ende der Natur" angekommen: Bevölkerungswachstum, die Ausbreitung der Giftstoffe, die Abholzung der Wälder, die Luftverschmutzung, die drohende Wasserknappheit, die Erosion der Böden und die Abnahme der Artenvielfalt sind Phänomene, die ihrerseits bereits global vernetzt sind. Mehrere dieser Phänomene bewirken als bösartigen Synergieeffekt den Klimawandel und den Abbau der Ozonschicht. All das wird relativ nüchtern berichtet. Man merkt, daß Speth sich jahrzehntelang mit diesen Problemen befaßt hat, nicht zuletzt als Umweltberater zweier amerikanischer Präsidenten, und daß er sie wissenschaftlichen Laien wirklich gut verständlich zu machen versteht.

Das, was Speths Ausführungen vor den meisten anderen Klagen über die Umweltkrisen und vor allem auch über die Fehler in der Umweltpolitik der Vereinigten Staaten auszeichnet, ist seine Fähigkeit, allen Versuchungen zu billiger Schuldzuweisung und zu monochromer Schwarzmalerei zu widerstehen. Auf die Grautöne kommt es ihm statt dessen an. So konzentriert er sich im zweiten Teil des Buches darauf, was trotz aller Problematik doch auch schon als Ansatz für eine umweltfreundlichere Wende globaler Entwicklungen angesehen werden kann. Wie gravierend auch immer sich die Konsequenzen der Globalisierung für die Umwelt ausgewirkt haben, die Zukunft bietet viel Raum für Verbesserungen.

Speth schlägt ein "Acht-Wege-Programm" vor. Er plädiert für den Übergang zu einer stagnierenden oder abnehmenden Weltbevölkerung, weitere Anstrengungen zum Abbau der Massenarmut, die Förderung umweltfreundlicher Technologien, die Einführung umweltgerechter Preise für Waren und Dienstleistungen, die Veränderung des Konsumverhaltens, professionelles Umweltmanagement, die Heraufstufung von Umweltangelegenheiten in den internationalen politischen Beziehungen und in unserem kulturellen Wertekanon. Das klingt allgemein und wenig verbindlich. Aber anhand zahlreicher Beispiele demonstriert Speth, daß schon eine ganze Menge Menschen auf einigen dieser Wege unterwegs sind. Im Rückblick auf knapp vierzig Jahre Umweltwissenschaft und Umweltpolitik fällt auf, daß erstere trotz einer Reihe von Unsicherheiten und Widersprüchlichkeiten insgesamt solide Entwicklungsprognosen produziert hat, welche im politischen Diskurs zu oft entweder aufgebauscht oder heruntergespielt wurden - beides keine angemessenen Verhaltensweisen. Insofern ist die eingangs zitierte Bitte um mehr Vertrauen in die Wissenschaft nicht unberechtigt. Allerdings nützt Umweltwissenschaft allein nicht viel; ihre Ergebnisse müssen in der Politik gedeihlich umgesetzt werden. Dazu kann diese Arbeitsbilanz anregen.

WILFRIED VON BREDOW
(Frankfurter Allgemeine Zeitung)

 nach oben