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Empfehlung des Monats Mai 2006

 
 
Buchumschlag Albus: Voegel.jpg

Von seltenen Vögeln

Albus, Anita:
Von seltenen Vögeln / Anita Albus
Frankfurt am Main : S. Fischer, 2005. - 296 S. : Ill.
ISBN 3-10-000620-8

 
 

Eine Arche in Wort und Bild: Die erzählende Malerin Anita Albus und ihr waldgrüner, kolibriseidiger Prachtband "Von seltenen Vögeln"

Die Malerin, Schriftstellerin, Privatgelehrte und Vogelliebhaberin Anita Albus spricht es gelassen aus: "Kein Mensch kann sich für Millionen Vögel erwärmen." Aus diesem einfachen Grund konnte Alfred Hitchcock sie zu Horrordarstellern machen. Wenn diese sich in Massen zeigen, wirken selbst diejenigen unter den Bewohnern der Luft, die wir als Einzelexemplare oder auch paarweise wegen ihrer Schönheit und Grazie bewundern, ein wenig unheimlich. Die Vorstellung, jene Scharen würden, statt über uns hinwegzufliegen, mit ihren Schnäbeln an menschliche Behausungen pochen und Einlass begehren, hat etwas entschieden Beklemmendes. Ästhetisch reizvoll und naturwissenschaftlich faszinierend sind die Formationen des Vogelzugs, wenn wir sie aus der Ferne beobachten, aber Riesenschwärme, die insektengleich den Himmel verdunkeln, und Vogeltrauben, die in den Bäumen hängen, berühren uns eher unangenehm.

Wandertauben-Plage

Insofern hat Anita Albus für ihren in waldgrüne Kolibriseide gehüllten Prachtband "Von seltenen Vögeln" ein kühnes Eröffnungskapitel gewählt: Es schildert die amerikanische Wandertauben-Plage im 19. Jahrhundert und die darauf folgenden Massaker, die zur Ausrottung der Spezies Ectopistes migratorius führten. Der zeitgenössische Ornithologe John James Audubon hat anschaulich und drastisch beschrieben, wie eineinhalb bis zwei Milliarden Wandertauben über das Land herfielen, die Wälder verheerten und dann von der bäuerlichen Bevölkerung in einem beispiellosen Gemetzel vernichtet wurden. Die letzte Überlebende ihrer Art, eine Täubin namens Martha, getauft nach George Washingtons junger Gattin, starb 1914 im Zoo von Cincinnati. Als die Wandertauben schon selten geworden waren, malte Audubon das Porträt eines schnäbelnden Pärchens nicht etwa nach dem Leben, sondern nach einem selbst geschossenen Präparat. Jetzt zählt die Abbildung zu den kostbaren Illustrationen, eigenen und fremden, die Anita Albus ihrem Werk über ausgestorbene und gefährdete Vogelarten beigegeben hat.

Am Anfang also steht ein Untergangsszenario, das nicht unbedingt geeignet scheint, etwas wie späte Liebe zu einer ausgelöschten Spezies zu wecken. Und doch gehört auch die unsentimentale, fast trockene Darstellung von Vorgängen in der Natur und von menschlichen Eingriffen in ihr Gleichgewicht zum Konzept dieser kleinen Wunderkammer zwischen zwei Buchdeckeln, die den Blick schärfen soll für einen schlimmen, schleichenden Verlust. Seit 1500 sind rund einhundertdreißig Vogelarten vom Globus verschwunden, einhundertdrei davon seit 1800. Vom Aussterben bedroht oder in unterschiedlichem Grad gefährdet sind an die zweitausend weitere Arten. Für einige von ihnen hat Anita Albus nun eine papierene Arche gebaut, auf der sie wenigstens in Wort und Bild sicher aufgehoben sind.

Aus der Gruppe der Untergegangenen porträtiert die Autorin neben der Wandertaube den Karolinasittich, den Riesenalk und den Blauara; von den Bedrohten stellt sie uns sechs Flügelwesen vor, denen sie schon in den Kapitelüberschriften märchenhafte Attribute verleiht: den wundersamen Waldrapp, auch Schopfibis genannt, den scheuen Wachtelkönig und den unheimlichen Ziegenmelker, die schöne Schleiereule, die kühne Sperbereule und den weisen Eisvogel.

Sie alle haben ihre Eigenarten, Gewohnheiten, Vorlieben und staunenerregenden Fähigkeiten, ihre angestammten Lebensräume und Empfindlichkeiten; sie sind große Jäger oder unersättliche Liebende, Hungerkünstler, Flugakrobaten, Tarnungs- oder Radarspezialisten oder Meister der Mimikry. Anita Albus kennt die historische und aktuelle Forschungsliteratur so gut wie die Vogelmythen der Völker, sie bewegt sich zwischen poetischem Erzählen und wissenschaftlich nüchterner Diktion mit der flinken Eleganz einer Schwalbe zwischen Nest und Mückenfang. Sie berichtet von den zerstörerischen Machenschaften des Menschen, die den Vögeln das Leben schwer machen, ebenso wie von den gut gemeinten und mitunter wenig durchdachten Rettungsversuchen der Naturschützer, um dann wieder phantastische oder kriminalistische Anekdoten einzuflechten. Ihre altmeisterlichen Vogelbilder und Stillleben fügen sich bruchlos in ihre Kollektion von Vogeldarstellungen aus früheren Jahrhunderten. Ihre Liste volkstümlicher Namen allein für den Wachtelkönig (mehr als hundert an der Zahl) liest sich wie ein Stück konkreter Poesie. Ihr Buch ist ein Klagegesang, aber auch eine Hymne und ein Weckruf, und seine aufwendige Gestaltung ist kein Schnickschnack, sondern dokumentiert den Anspruch auf Dauer, den jedes solide Nachschlagewerk erhebt.

Leider (oder muss man sagen: zum Glück?) ist unter den verlorenen und stark gefährdeten Arten auf der Albus-Arche kein Singvogel zu finden. Dafür befasst sich Buffons Abhandlung "Sur la nature des oiseaux" aus dem späten 18. Jahrhundert, die in der Übersetzung der Autorin in den Band aufgenommen wurde, so ausführlich wie spekulativ mit den Stimmen der Vögel, und man könnte sich vorstellen, dass den Sängern unAnita Albus hat einen Vogelthriller geschrieben, ein faszinierendes und bewegendes Buch über ausgestorbene und vom Aussterben bedrohte Vogelarten, in dem sich Naturgeschichte und Kriminalreport mischen. Malend und schreibend stellt sie überzeugend dar, daß das Aussterben der Arten nicht nur als Naturverlust, sondern, wesentlicher, als Kulturverlust zu beklagen ist, denn mit jeder verlorenen Spezies geht eine "Welt" unter, die sich im menschlichen Geist - in den Künsten, der Mythologie, der Wissenschaft -gespiegelt hat. Spannend und anschaulich, provokant und amüsant, wendet sich dieses Buch sowohl an den wissenschaftlich Interessierten, als auch an den "naiven" Vogelliebhaber.
Rezensionen - Süddeutsche Zeitung vom 21.12.2005

Anita Albus' Vogel-Buch bringt Rezensentin Kristina Maidt-Zinke zum Singen, auch wenn die Autorin keinen Singvogel in ihre Auswahl an gefährdeten Vogelarten aufgenommen habe. Zwischen den Buchdeckeln aus "waldgrüner Kolibriseide" liegt für die Rezensentin nicht weniger als eine "Wunderkammer", "ein Klagesgesang, aber auch eine Hymne und ein Weckruf", und allein die Liste volkstümlicher Namen ergäbe ein "Stück konkreter Poesie". Überbieten kann die Rezensentin ihr Lob schließlich noch mit der nüchternen Feststellung, hier handele es sich um ein veritables Nachschlagewerk, und alle Schönheiten des Buches und des Inhalts seien keineswegs "Schnickschnack", sondern hätten bleibenden dokumentarischen Werk. Von den seit 1800 einhundertdrei ausgestorbenen und unter den zweitausend bedrohten Vogelarten habe Albus sechs ausgewählt, um ihre Eigenarten und Fähigkeiten auf mal poetische mal wissenschaftliche Erzählweise einzufangen. Auch die Vogelmythen der Völker oder hitchcockartige Vogelplagen der Vergangenheitflechte die Autorin geschickt "ein", eingerahmt gewissermaßen, so die Rezensentin, von selbstgemalten Vogelbildern und Stilleben im "altmeisterlichen" Stil, die sich "bruchlos" mit anderen historischen Vogelbildern vermischen würden. Die Autorin sei nämlich wie ihr Buch ein Wunderkammertalent aus "Malerin, Schriftstellerin, Privatgelehrter, und Vogelliebhaberin".

Rezensionen - Neue Zürcher Zeitung vom 20.12.2005

Fasziniert zeigt sich Rezensent Roman Bucheli von Anita Albus’ Buch über ausgestorbene und vom Aussterben bedrohte Vogelarten. Das Buch ist für ihn allerdings weit mehr als nur eine Sammlung von Beobachtungen zu raren Vögeln. Er würdigt es als "Requiem auf eine untergegangene, zerstörte oder bedrohte Welt", als "Protest gegen Ignoranz und Überheblichkeit" der Menschheit im Umgang mit der Umwelt und vor allem als Hymne an die Schönheit der gefiederten Tiere. Die minuziösen Erzählungen über das Balzverhalten und die Brutpflege etwa lobt Bucheli als "sorgsam recherchiert", das Buch insgesamt als "reichhaltig" und "ergreifend schön" illustriert. Er hebt hervor, dass aus dem Buch nicht nur die Trauer über den Verlust dieses oder jenes Vogels spricht, sondern auch die Erkenntnis, dass mit jedem ausgestorbenen oder selten gewordenen Federvieh auch "ein Stück Wissen um die Zusammenhänge in unserer Welt verloren geht".
Rezensionen - Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 19.10.2005

Völlig hingerissen ist der Rezensent Michael Maar von diesem Prachtband, in dem trefflich alles zusammenkomme, dessen die Autorin, Privatgelehrte und Künstlerin Anita Albus fähig ist. In zwei Teilen porträtiert Albus Vögel, und zwar sowohl bereits untergangene als auch derzeit vom Untergang bedrohte Arten. Sie verzichtet in ihren Darstellungen freilich auf jeden apokalyptischen Ton, sondern schildert "unerhört farbig und anschaulich" die faszinierendsten Vogelarten - ergänzt um "herrliche Abbildungen" von eigener und fremder Hand. Maar ist so begeistert, dass er einige der vorgestellten Arten mit ihren Eigenheiten ausführlich noch einmal porträtiert, den Ziegenmelker etwa, Meister der Mimikry, der vom Baumstamm, an den er sich hängt, nicht zu unterscheiden ist. Oder die Schleiereule mit ihrem maßlosen Liebesleben, nach dem es das Weibchen mindestens einmal pro Stunde verlangt. Nur an dem Nachwort, in dem Albus sich sehr kritisch mit der Evolutionstheorie auseinandersetzt, hat der Rezensent zu bemängeln, dass es in seiner Polemik gelegentlich etwas schlicht gestrickt sei. Dennoch setzt es am Ende dreifachen Preis, für die Autorin, für den Verlag und für den Hersteller.

www.perlentaucher.de

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