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Empfehlung des Monats März 2005

 
 
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Die Zeit des Waldes

Meister, Georg / Offenberger, Monika
Die Zeit des Waldes : Bilderreise durch Geschichte und Zukunft unserer Wälder / Georg Meister ; Monika Offenberger.
Frankfurt am Main : Zweitausendeins, 2004. - 309 S. : zahlr. Ill., graph. Darst., Kt. - Orig.-Ausg., 1. Aufl.
3-86150-630-0

 
 

Um es gleich vorweg zu sagen, es ist ein besonders schöner und informativer Bildband über den Wald. Das Werk ist mit viel Liebe und Sorgfalt hergestellt und beeindruckt durch "Zeitsprungbilder", die der leidenschaftliche Fotograf Georg Meister, ehemaliger bayerischer Forstmeister und langjähriger Leiter des Forstamtes Bad Reichenhall, im Abstand von Wochen, Monaten, Jahren oder Jahrzehnten immer von exakt dem gleichen Standpunkt aus aufgenommen hat. Es gelingt ihm damit, uns den Wald in einer Weise vor Augen zu führen, wie wir ihn noch nie gesehen haben: So lichtet er zum Beispiel im Herbst des Jahres 1981 den frischen Wurzelstock einer soeben gefällten, mächtigen alten Buche ab. Daneben stellt er Bilder aus den Jahren 1995 und 2002
und kann so zeigen, wie der Wurzelstock langsam vermodert und sich auf dem zersetzten Holz Pilze, Moose, Gräser, Farne und schließlich junge Buchen und Fichten angesiedelt haben. Den Hut eines Steinpilzes fotografiert er innerhalb von fünf Tagen drei Mal. Im ersten Bild schiebt sich der Pilz gerade aus dem Boden. In den weiteren Bildern entfaltet sich der Hut auf die vierfache Größe, um dann von Schnecken gefressen zu werden. Andere Bildfolgen zeigen den Verfall alter Bäume, das Aufwachsen der neuen Baumgeneration, das unterschiedliche Aussehen natürlicher Laubwaldgesellschaften im Frühjahr, Sommer, Herbst und Winter und die Veränderungen, die sich in größeren zusammenhängenden Waldflächen im Laufe der letzten 50 Jahre abgespielt haben. Sachkundige Erläuterungen gibt der Begleittext der Biologin und Wissenschaftsjournalistin Monika Offenberger.

Die Zeit des Waldes ist, wie der Untertitel zutreffend feststellt, eine Bilderreise durch die Geschichte und Zukunft unserer Wälder. Am Beginn stehen Bilder, die uns einen Einblick in die Lebensvorgänge des Naturwaldes geben. Dabei wird dem Betrachter vermittelt: Deutschland ist ein Land, das ursprünglich mit dichten Buchenwäldern bedeckt war, denen neben anderen Laubbäumen vor allem im Gebirge Tannen beigemischt waren. Die heute so weit verbreiteten Nadelwälder gab es im Naturwald von einst nicht. Alte Bilder und Stiche erzählen, wie unsere Vorfahren im Laufe des Mittelalters von diesen Naturwäldern Besitz ergriffen, sich dort das nötige Brennholz, aber auch Bau- und Werkholz beschafft, und das Vieh und die Schweine zur Weide in den Wald getrieben haben. Vom Niedergang der Laubwälder im 18. Jahrhundert wird berichtet und von dem vor 200 Jahren beginnenden Aufbau der staatlichen Forstverwaltungen, die den Auftrag bekamen, dem Raubbau Einhalt zu gebieten und neue Wälder anzupflanzen, um so die drohende Holznot abzuwenden. Aus den ausgeplünderten mittelalterlichen Laubwaldungen entstanden so seit dem 19. Jahrhundert die Wälder der Gegenwart, vielfach von Fichten und Kiefern geprägte Nadelholzforste, die mit dem Naturwald von einst nur noch wenig gemein haben. Bilder und Zeitzeugnisse veranschaulichen die Ziele, die man sich damals gesteckt hatte, und die Erfolge und Misserfolge der Förster. Einerseits konnte der Holzertrag deutlich gesteigert werden, andererseits misslang an vielen Orten der angestrebte Aufbau naturnaher Mischwälder, wozu nicht zuletzt überhöhte Reh- und Rotwildbestände beigetragen haben. Bilderserien und Text beschreiben die bekannten Mängel der naturwidrigen Nadelholzforste und zeigen, warum wir heute so sehr auf naturnahe Wälder angewiesen sind. So wird etwa die Anfälligkeit der Fichtenbestände gegen Stürme, Insektenbefall und Dürre veranschaulicht. Es wird gezeigt, wie naturnahe Mischwälder das Land vor Überschwemmungen und Lawinengefahr schützen und mehr und besseres Trinkwasser liefern können, wie seltene Tier- und Pflanzenarten nur in einem solchen Ökosystem überleben können und wie attraktiv solche Wälder für den Erholung suchenden Menschen sind. Die Botschaft, der niemand widersprechen kann, lautet: Wir sind aufgerufen, für uns und unsere Kinder und Kindeskinder solche Wälder zu schaffen.

Die Autoren belassen es nicht bei diesem Appell. Der erfahrene Forstmann Georg Meister zeigt am Beispiel vorbildlich bewirtschafteter Wälder aus dem ganzen Bundesgebiet, auf welchem Weg dieses Ziel erreicht werden kann. Der Leser erfährt,wie solche Wälder entstehen können, wenn Forstleute und Waldbesitzer beispielsweise auf Kahlschläge verzichten und bei der Walderneuerung mit Naturverjüngung arbeiten, anstatt auf der Freifläche Fichten zu pflanzen; die Waldböden bei der Holzernte nicht mit schweren Maschinen befahren; oder besonders wichtig, die Jagd so ausüben, dass sich die Wildschäden in Grenzen halten und damit auf die Einzäunung des Waldes verzichtet werden kann. Insbesondere dadurch lassen sich die Kosten der Waldbewirtschaftung erheblich senken.

Meister vertritt die Auffassung, dass in erster Linie der öffentliche Waldbesitz, also die Länder und Gemeinden verpflichtet sind, den Waldbau an ökologischen Kriterien auszurichten, und dass dazu ausreichend Personal und Sachmittel erforderlich sind. Die Politik verfolgt seit einiger Zeit andere Ziele. Das Forstpersonal und die Finanzzuweisungen an die Forstverwaltungen werden fast überall in Deutschland drastisch reduziert. Staatliche Aufgaben werden auch im Forstwesen abgebaut oder privatisiert. Die Wälder sollen in erster Linie möglichst hohe Gelderträge abwerfen. Die Zeit des Waldes ist ganz offensichtlich noch nicht angebrochen. Dies stimmt nachdenklich und mahnt zur Umkehr. Jeder an der Natur Interessierte sollte sich daher mit den Forderungen dieses Buches auseinandersetzen.

Gratulation und Glückwunsch an die Autoren zu dem gelungenen Werk und dem Verlag Zweitausendundeins für die meisterhafte Edition. Es ist sowohl für den Laien wie für den Fachmann eine spannende und lehrreiche Lektüre. Dem Buch ist eine weite Verbreitung zu wünschen.
(Heiner Grub)

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