 | |
Botanik: Hoch lebe der Kronprinz! VON DANIELA KAULFUS Grazer Pflanzenphysiologen sorgen für die "Wiederbelebung" alter Apfel- und Birnensorten. Sie sind alle von hohem Stand, soviel steht fest - nicht nur die Kaiser, Königinnen und Kronprinzen unter ihnen, sogar die Holzäpfel und Sauren Nuschkerl. Auch wenn es sich hier nicht um adelige Familien, sondern um alte Apfelsorten handelt, so haben auch diese historisch recht unterschiedliche Linien ausgeprägt, die bis heute teils unbekannt sind. Besser gesagt: bis vor etwa zwei Jahren. Denn seither untersucht eine Grazer Forschungsgruppe vom Institut für Pflanzenphysiologie die Verwandtschaftsverhältnisse unter diesen alten Hochstammbäumen.
Rund 180 steirische Äpfel und etwa halb so viele Birnen, die in Kärnten häufiger vorkommen und hauptsächlich dort untersucht werden, haben die Botaniker zunächst verkostet. Der Biss in den sauren Apfel machte sich tatsächlich oft mit dem bekannten Zusammenziehen beider Gesichtshälften bemerkbar. Doch Dieter Grill, Leiter der Forschungsgruppe, und seine Kollegen wissen inzwischen, dass besonders die alten Kultursorten die geschmackliche Bandbreite bieten, die im Supermarkt meist fehlt. - In süß, sauer und harmonisch teilt Karin Herbinger, die die Inhaltsstoffe bestimmt, die Äpfel ein. Die feinen gustatorischen Abstufungen bringen unterschiedliche Zusammensetzungen von Zucker, Säuren und Gerbstoffen auf den geschulten Gaumen. Die junge Wissenschaftlerin befasst sich vor allem mit der Analyse von Gerbstoffen, die der Frucht, wie übrigens auch dem Rotwein, einen bitteren Nachgeschmack verleihen und Mostäpfel und -birnen braun werden lassen. Chemisch gesehen sind das zyklische Substanzen mit einem Flavangerüst, die sich im menschlichen Körper als Radikalfänger nützlich machen, also Krebserkrankungen vorbeugen können. "Was ein Glas Rotwein kann, kann auch der steirische Apfel", meint Grill. Damit will er auch Bauern, Handel und Konsumenten zum Erhalt und Kauf der alten Obstsorten motivieren.
Die Hochstammbäume der Streuobstwiesen sind gefährdet. Obwohl die Streuobstwiese eine vom Menschen kultivierte Landschaft ist, bedarf es kaum der Spritz- und Düngemittel. Oft verbinden die verstreut stehenden Bäume getrennte Waldstücke und bieten so Tieren eine Brücke. Uhu, Waldkauz, Spechte, Hornissen, Schwalbenschwanz, Garten- und Siebenschläfer finden Unterschlupf in Höhlen der alten Stämme und genügend Nahrung im Unterwuchs der Bäume. Die tragen allerdings nicht jedes Jahr gleich und die Wiesen können kaum mit dem Traktor bearbeitet werden. Kurz, sie sind nach heutigen Kriterien unökonomisch und fallen oft der Säge zum Opfer, erklärt Kurt Fauland, der sich mit der Verbreitung der alten Kulturlandschaft befasst.
Damit der steirischen Frucht aber nicht endgültig der Saft ausgeht, legen die Grazer Botaniker mit Martin Grube (Institut für Systematische Botanik) eine genetische Datenbank an. Stephan Monschein sucht in der Erbinformation des Kernobstes nach Mikrosatelliten, die er in jungen DNA-reichen Blättern der Bäume findet. Mikrosatelliten sind kurze, repetitive DNA-Abschnitte, die sich an verschiedenen Stellen im Genom finden. Und zwar in unterschiedlicher Länge, was die Vielfalt bzw. genetische "Andersartigkeit" verschiedener Apfelsorten widerspiegelt, auch wenn Mikrosatelliten selbst keine Erbinformation tragen.
Trotz der Kenntnis über die Erbinformation ist es nicht leicht, Sorten klar abzugrenzen. "Deckt sich das genetische Muster mehrerer untersuchter Äpfel und stimmt auch deren Aussehen überein, dann ist das eine Sorte", erklärt Stephan Monschein am Beispiel Kronprinz Rudolf, der in der Steiermark eine der häufigsten Apfelsorten ist. Auch in Kärnten und Slowenien, wo Wissenschaftler gemeinsam mit der Grazer Gruppe am Projekt für die Erhaltung alter Apfel- und Birnensorten arbeiten. Die Bundesländer, das Landwirtschaftsministerium und die EU finanzieren dieses Projekt.
Beim Kronprinz hatte Stephan Monschein kaum Schwierigkeiten der Bestimmung. Bei lokalen Obstsorten, die selbst Einheimische nicht mehr kennen oder nur mit unübersetzbaren Dialektausdrücken bezeichnen, kommt der Nutzen einer Gen-Datenbank stark zum Tragen. Sind sie einmal genetisch definiert, können sie auch "reinrassig" vermehrt werden. Rein optisch können Apfelsorten nicht immer eindeutig unterschieden werden. Eine Ausnahme ist der Sternapfel. Der "witzig aussehende Apfel, den man besser nur anschaut", wie Dieter Grill empfiehlt, hat seit der Römerzeit im Burgenland, in der Steiermark und in der Schweiz überlebt. Der Paradiesapfel ist er zwar nicht, aber vielleicht ein Urahn des Kronprinzen. www.kernobst.at © diepresse.com | Wien
|
 |