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Die Zeit vom 09.10.2003 Literaturbeilage Sten Nadolnys Idee, aus der Geschichte des Verlagsimperiums der Familie Ullstein einen "Sachroman" zu machen, ist eine "kluge Idee", meint die Rezensentin Petra Kipphoff. Dabei handelt es sich jedoch eher um ein zweischneidiges Kompliment. Stets schaffe Nadolny im Erzählfluss "gegenläufige Bewegungen", unterbreche etwa die "Familiengeschichte" mit kursiv gedruckten zeitgeschichtlichen Einlagen und mit "kleinen Porträts der Hauptprotagonisten", all dies in geschickter Vermischung von "Authentischem" und "Imaginiertem". Diese leicht sprunghafte Erzählweise mache es dem Leser nicht immer einfach, und oft müsse im "fünfseitigen Stammbaum" nachgeschlagen werden, um die Orientierung wiederzufinden. Am schönsten findet Kipphoff demnach auch Nadolnys "Solo-Auftritte im Hause Ullstein", womit anscheinend Erzählepisoden gemeint sind, in denen sich Nadolny ohne große Rücksicht auf Fakten erzählerisch austoben kann: eine "ganztägige Geburtstagsfeier", ein "Taschengeldgespräch zwischen Vater und Sohn" oder auch ein "Kindertraum". Gerade in der für den Berliner Nadolny so typischen "animierten Nüchternheit" hat die Rezensentin eine gewisse Wahlverwandtschaft mit den Ullsteins entdeckt. Dieselbe Nüchternheit, die Rudolf Ullstein sagen lässt: "Ürjendwann jeht allet", und die Nadolny, auf die Frage, wieviel im Roman "erfunden" sei, antworten lässt: "Alles wahrheitsgemäß". Die Tageszeitung vom 08.10.2003 Literaturbeilage Richtig glücklich wird Jörg Magenau nicht mit diesem Roman über die Verleger-Familie Ullstein. Die Erzählung komme einfach nicht in die Gänge, bemängelt Magenau, es fehlt an Dramaturgie - "so bestimmt die Quellenlage das Romangeschehen". Der Autor arbeitet sich nach Meinung des Rezensenten etwas zu brav an der Faktenlage ab, man erfährt wenig über die möglichen Motivationen der einzelnen Familienmitglieder. Von denen gibt es nach Magenaus Meinung sowieso mehr, als der Roman dramaturgisch verkraften kann: "Allzu große Fruchtbarkeit ist der Tod des Familienromans", so sein lakonischer Kommentar. Aber vielleicht liegt das Problem auch eher an Nadolnys Schreibstil als an dem ausufernden Familienstammbaum der Ullsteins. Der Autor "schreibt so nüchtern und so dröge wie ein Buchhalter", konstatiert Magenaus wenig schmeichelhaft. Mit einer den Rezensenten überraschenden Pointe kann Nadolny aber trotzdem aufwarten: "Die Familie ist auf Dauer kein geeignetes Modell, um einen kapitalistischen Konzern zu führen." Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 07.10.2003 Literaturbeilage Mark Siemons hat deutlich mehr von Sten Nadolny erwartet, als dieses "gemächlich" fabulierende Buch ohne Zentrum. Erzählt wird darin, lesen wir, die Geschichte der Familie Ullstein von 1835 bis zum Regierungsantritt der Nationalsozialisten, die den jüdischen Verlag zerschlugen. Erzählt werden auch die Lebensläufe der einzelnen Familienmitglieder. Doch der Rezensent findet den Stoff nachlässig aufbereitet und in Nadolnys Darstellung Privates, Politisches und Zeitungsgeschichtliches vermengt, ohne dass für ihn ersichtlich wird, was "historisch belegte Tatsache und was Ausschmückung" ist. Lange ist ihm nicht einmal klar geworden, was Nadolny überhaupt an diesem Stoff gereizt hat, und vernichtend stellt er schließlich fest, dass das "große Thema der Ullsteins - Schnelligkeit und Fortschritt" im Rückblick Nadolnys eher als rührend gute alte Zeit daherkommt, aus der rücksichtsvollen, leicht verklärenden Atmosphäre des Familienalbums erzählt. Natürlich, "wie bei Nadolny nicht anders denkbar, mit beträchtlichem Charme und sicherem Gespür für lehrreiche Pointen" erzählt. Immerhin! Süddeutsche Zeitung vom 06.10.2003 Literaturbeilage Zu seinem hundertsten Geburtstag hat sich der Ullstein-Verlag nicht lumpen lassen und mit Sten Nadolny einen waschechten Romancier als Geschichtsschreiber bestellt, staunt Gustav Seibt. Keine schlechte Wahl, meint er, weil Nadolny nicht nur ein ausgewiesener Autor, sondern auch studierter Historiker ist, ein Schüler Thomas Nipperdeys, verrät Seibt. Nadolnys "Ullsteinroman" ist also in jeder Hinsicht ein anspruchsvoller Gesellschaftsroman, so wie es sich der Verlag auch mal auf die Fahnen geschrieben und mit Autoren wie Erich Maria Remarque oder Vicki Baum in die Tat umgesetzt hatte, schmunzelt Seibt. Die historische Fundierung ist dem Roman auch auf jeder Seite anzumerken, lobt unser Rezensent: zahlreiche Zeittafeln und Kurzbiografien brächten Klarheit in die Fülle des Stoffs, der Technikgeschichte, Bismarck-Zeit, Ersten Weltkrieg, Aufstieg des Antisemitismus bis hin zu Hitlers Machtergreifung unter einen Hut bringen muss. Die Fülle des Materials ist dennoch ein Problem, meint Seibt, denn Nadolny habe sich für die Form des Familienromans entschieden: für einen solchen transportiere der Roman zuviel Informationen, werde unübersichtlich, lasse die Figuren sich nicht richtig entfalten. Der historisch Interessierte aber, als welcher Seibt sich sieht, hätte gerne ein doppelt so dickes Buch mit vielen Abbildungen und Fußnoten in Kauf genommen.
Quelle: http://www.perlentaucher.de/buch/15355.html
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