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Empfehlung des Monats September 2003

 
 
anonyma

Eine Frau in Berlin

Anonyma
"Eine Frau in Berlin"
Tagebuch-Aufzeichnungen vom 20. April bis 22. Juni 1945
Andere Bibliothek, Band 221
Frankfurt/M.:Eichborn Verlag,2003
ISBN 3821845341, 291 Seiten, EUR 27,50

 
 

[ Klappentext ] Wer erfahren will, wie es wirklich war, wird sich an die Frauen halten müssen. Denn die Männer haben sich in den Ruinen als "das schwächere Geschlecht" gezeigt. So sieht es die Autorin dieses Buches, die das Ende des Krieges in Berlin erlebt hat. Ihre Aufzeichnungen sind frei von jeder Selbstzensur. Ohne die geringste Retouche sind sie 1959 in einem kleinen Schweizer Verlag erschienen. Seitdem waren sie nicht mehr zugänglich; erst nach dem Tod der Verfasserin ist eine Neuausgabe möglich geworden. Nicht das Ungewöhnliche wird in diesem einzigartigen Dokument geschildert, sondern das, was Millionen von Frauen erlebt haben: zuerst das Überleben in den Trümmern, ohne Wasser, Gas und Strom, geprägt von Hunger, Angst und Ekel, und dann, nachder Schlacht um Berlin, die Rache der Sieger. Von jenem Selbstmitleid, an dem die geschlagenen Deutschen litten, fehlt hier jede Spur. Illusionslose Kaltblütigkeit, unbestechliche Reflexion, schonungslose Beobachtung und makabrer Humor zeichnen das Tagebuch aus. Lakonisch stellt die Autorin fest: "Die Geschichte ist sehr lästig."

Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 21.06.2003

Rezensentin Felicitas von Lovenberg findet dieses Buch ebenso ungeheuerlich wie einzigartig und wünscht ihm ähnliche Aufmerksamkeit wie Jörg Friedrichs Bombenkriegsstudie oder Grass' Novelle "Im Krebsgang". Die anonyme Frau, die in Tagebuchaufzeichnungen die letzten Tage des Krieges aus der Sicht einer mehrfach vergewaltigten beschreibe, moralisiere und urteile nicht. Sie notiere, "meist buchstäblich zwischen Tür und Angel", was der Tag gebracht habe. Im Überlebenskampf sei keine Zeit für komplizierte Beschreibungen. Stichworte müssten ausreichen, um Menschen auf den Punkt zu bringen, beschreibt von Lovenberg das literarische Verfahren, in dem sie auch einen Versuch der Autorin erkennt, sich zu betäuben und das Grauen zu benennen, um den Horror auf ein erträgliches Maß zu bringen. Besonders beeindruckend findet die Rezensentin Anonymas Beschreibung der Rotarmisten. Aus der "dumpfen Masse der plündernden und vergewaltigenden Soldaten" sieht sie "Männer mit Namen und Geschichten" hervortreten.

Süddeutsche Zeitung vom 10.06.2003

Eines der seltsamsten, aber auch beeindruckendsten Dokumente aus der Nachkriegszeit hat nun seinen Platz in Hans Magnus Enzensbergers "Anderer Bibliothek" gefunden, nachdem es 1959 bei der deutschsprachigen Erstausgabe gefloppt war, wie Jens Bisky berichtet. Es handelt sich um ein anonym von einer Frau verfasstes Tagebuch aus dem Frühjahr 1945, das mit mitleidlosem Blick die Besetzung Berlins durch die russischen Truppen beschreibt, das Verhalten der Sieger und der Besiegten moralisch vorurteilslos inspiziert, die Vergewaltigung der Frauen auf der einen Seite und Überlebensstrategien auf der anderen Seite aufmerksam registriert. Das Tagebuch besticht durch seinen genauen, kalten Blick, so Bisky, der sich für die Zukunft eine textkritische Ausgabe wünscht, da die Entstehungsgeschichte des Textes nur lückenhaft bekannt und dokumentiert sei. Der ursprüngliche handgeschriebene Bericht wurde später von der Autorin um Reflexionen ergänzt, weiß Bisky, Namen und Details wurden verändert, da die Verfasserin selbst nach ihrem Tod unbekannt bleiben wollte. Das Tagebuch zerfalle nicht in kleine Aufzeichnungen, sondern ist ein gut geschriebener durchkomponierter Bericht, versichert Bisky, der aufgrund seiner offenen unsentimentalen Art zunächst beim Freund der Verfasserin, später auch bei der deutschen Leserschaft auf Befremden stieß.

Die Zeit vom 05.06.2003 Literaturbeilage

Sichtlich beeindruckt zeigt sich Katharina Döbler in ihrer ausführlichen Besprechung des Tagebuchs, das eine Anonyma zwischen April und Juni 1945 in Hefte und auf lose Zettel kritzelt: "Bomben, Essen, Wetter, Kellergespräche, Vergewaltigungen und Schlangestehen". Kein Versuch der Beschönigung sei darin zu entdecken, meint Döbler, nur der "Versuch zu verstehen, was geschieht". Das Tagebuch, berichtet Döbler, sei 1959 bereits unbeachtet in einem Schweizer Verlag erschienen und Ende der achtziger Jahre in Fotokopien in West-Berlin kursiert, aber erst jetzt sei offenbar die "Zeit reif für die Ehrlichkeit und Schonungslosigkeit dieses Textes". Sein Stil zeige, dass die Frau als Schreiberin nicht unerfahren sei und "als Person, die gewohnt ist, sich mit der Realität auseinander zu setzen." Das Schreiben, so Döbler, habe ihr vermutlich den "Rückzug auf einen Beobachtungsposten, der ihr die nötige Distanz zum Überleben verschafft - in der Reserve größtmöglicher Rationalität, wo Gefühle und moralische Erwägungen nicht zugelassen sind." Über die im Tagebuch als "Schdg." protokollierten Vergewaltigungen durch russische Soldaten und das von der Anonyma getroffene Arrangement mit einem "Wolf, der mir die Wölfe vom Leibe hält" schreibt Döbler: "Diese Mechanismen, und das ist das eigentlich Schockierende an diesem Tagebuch, erinnern an die feministische Analyse zwischengeschlechtlicher Ausbeutungsverhältnisse." In einer Situation, in der die Frau nur "Beute" sei, "gilt nur die Rangordnung der Männer."

Die Tageszeitung vom 13.05.2003

Hingerissen, sofern es bei dem Thema möglich ist, ist Renee Zucker von einem weiblichen anonymen Augenzeugenbericht, der von den ersten drei Monaten nach der Eroberung Berlins durch die russischen Truppen handelt. So unsentimental, so unvergleichlich berlinerisch, schwärmt Zucker. Sie muss bei der Verfasserin unweigerlich an die preußisch disziplinierte Marlene Dietrich mit ihrer Lakonie, ihrem trockenen Humor denken, gesteht die Rezensentin ein. Mindestens 100.000 Frauen wurden im Frühjahr 1945 von russischen Soldaten vergewaltigt, weiß Zucker seit Helke Sanders Film "Be-Freier und Befreite". Dieses Schicksal widerfuhr auch der Tagebuchschreiberin, einer vielgereisten gebildeten jungen Frau, von der man nicht mehr weiß, als dass sie auch fotografierte und eine Bekannte von Kurt Marek alias C.W. Ceram ("Götter, Gräber und Gelehrte") war, der dieses Tagebuch Anfang der fünfziger Jahre an einen New Yorker Verlag vermittelte. Es gab auch Übersetzungen, auf deutsch erschien das Buch jedoch nur in einem Schweizer Verlag, berichtet Zucker. Ihr geht es anders als Ceram, der in seinem Nachwort von "Kälte" spricht, die er bei diesem unsentimentalen Augenzeugenbericht empfunden hätte. Bei Zucker ist es Bewunderung für soviel Lebensklugheit.

Frankfurter Rundschau vom 11.04.2003

Die Tagebuchaufzeichnungen einer "Frau in Berlin" bieten eine "ungewöhnliche Sicht" auf die Ereignisse von April bis Juni 1945 in Berlin, so Angela Gutzeit. "Erstaunlich" sei, dass eine Frau, die sonst nie schrieb, in der Zeit zwischen "Bombenhagel, Vergewaltigungen durch russische Soldaten" und der "mühseligen" Nahrungsbeschaffung damit begann. "Schonungslos" und "völlig unsentimental" berichtet sie von den Vergewaltigungen und ihren Versuchen, diese in eine geregelte Bahn zu lenken. Manch einer könnte der anonym bleibenden Autorin Gefühlskälte vorwerfen, doch die Rezensentin findet diese Ansicht nicht gerechtfertigt, denn dann "wäre das Buch nur halb so interessant". Vieles deutet in den Aufzeichnungen auf "Abstumpfung" hin, aber statt Kälte entdeckt Angela Gutjahr in den Zeilen schieres "Entsetzen" und spricht von dem "hohen Reflexionsvermögen" der Autorin, welches sie in solch furchtbarer Lage beispielsweise von "ausgleichender Gerechtigkeit" des Krieges denken lässt.


Aus: Perlentaucher: http://www.perlentaucher.de/buch/13785.html

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